Süddeutsche Zeitung

Neues Album von Paul McCartney:Lebenslänglich Beatle

Auf seinem neuen Album schließt Paul McCartney endlich Frieden. Mit seiner Vergangenheit als Bassist der wichtigsten Band aller Zeiten, als eine Hälfte des wichtigsten Songschreiber-Duos des 20. Jahrhunderts und mit seiner oft so mittelmäßigen Gegenwart.

Von Max Fellmann

Vielleicht hat er tatsächlich seinen Frieden gefunden. Für das Booklet seines neuen Albums "New" hat Paul McCartney, 71, Popgigant, Milliardär und Sir, einen kleinen Begrüßungstext geschrieben, da erzählt er, wie die Arbeit an der Platte war, wer ihm geholfen hat, und alle paar Zeilen erwähnt er die Beatles. Er, der so viele Jahre seines Lebens zeigen wollte, dass er bitte, bitte nicht nur ein Ex-Beatle ist, dass er auch allein zählt.

Jetzt schreibt er, er habe erst Sorge gehabt, die Stücke hier könnten zu unterschiedlich sein, aber dann sei ihm eingefallen, dass das bei Beatles-Platten auch immer so war. Er beschreibt gemütlich, wie er nachts auf dem alten Klavier seines Vaters spielt, das der vor Jahrzehnten dem Papa des Beatles-Managers Brian Epstein abgekauft hat. Er ist stolz, dass manche Songs von Giles Martin produziert sind, dem Sohn des Beatles-Produzenten George Martin. Und immer so weiter. So zufrieden, so selbstverständlich hat Paul McCartney kaum je artikuliert, was er nun mal ist: der Lebenslang-Beatle.

Dabei hat er gerade erst in einem Interview gesagt, manchmal wäre es ihm lieber, niemand wüsste, was er früher gemacht hat. In den Siebzigerjahren, als er mit den neu gegründeten Wings auf eine aberwitzig planlose Tournee durch britische Universitäten aufbrach ("Guten Tag, wir hätten Instrumente dabei, könnten Sie heute Abend in Ihrem Audimax zufällig ein Konzert brauchen?"), weigerte er sich, Beatles-Lieder zu spielen. Er wollte etwas Neues, Eigenes schaffen. Er wollte der Welt beweisen, dass er nicht nur eine Hälfte war, dass McCartney auch ohne Lennon funktioniert. Und gerade als er begann, sich das einigermaßen selbst zu glauben, wurde John Lennon umgebracht.

"Papst der Popmusik"

Da ging der Eierlauf erst richtig los: Wie soll man sich von einem Ex-Partner abheben, der plötzlich zur mythischen Figur geschossen wurde? Wie soll man der Welt klarmachen, dass man sich selbst eigentlich für den besseren der beiden größten Songwriter des 20. Jahrhunderts hält, ohne dabei schlecht über den anderen zu reden?

Musik wäre eine Möglichkeit gewesen. Er hätte versuchen können, wirklich große Musik zu machen. Auch Lennon hat, neben zwei, drei Liedern für die Ewigkeit, nach den Beatles ziemlich viel Unsinn dahergesungen. McCartney versuchte alles mögliche - Oratorien, elektronische Musik, Rock'n'Roll, alte Schlager. Aber immer fehlte ihm der Widerpart, der sarkastische John, der ihm hart ins Gesicht sagt, wenn eine Strophe zu billig oder ein Refrain zu kitschig ist. Aber ohne diesen Bruderkampf klangen McCartneys Platten regelmäßig, als hätte er gleich die erstbesten Ideen aufgenommen, fertig, danke. Und weil er Paul McCartney ist, laut Dave Grohl von denn Foo Fighters "der Papst der Popmusik", traute sich auch nie jemand, ihm zu sagen, geh noch mal heim, das ist erst eine halbe Idee.

Ein bisschen scheint er das zu ahnen. Dieses Mal hat sich McCartney gleich vier Produzenten ins Studio geholt, junge Männer, die dem Alten sagen sollten, wo es lang geht, darunter der Amy-Winehouse-Vertraute Mark Ronson, den McCartney kannte, weil er laut Booklet auf seiner Hochzeit aufgelegt hat. Das tut ihm gut. Und trotzdem, höher als nötig hüpft McCartney auch dieses Mal nicht.

Arg einfache Volksliedharmonien

Es ist lang her, dass er sich verblüffende Akkordfolgen ausgedacht hat. Diese ganzen chromatischen Übergänge, diese verminderten Akkorde, die er bei den Beatles als Fast-noch-Bub so unglaublich souverän rausgehauen hat, all das hat er schon jahrzehntelang nicht mehr probiert. Heute genügen ihm meistens ein paar arg einfache Volksliedharmonien, dazu singt er Melodien, die kaum je richtig abheben.

Bitte nicht falsch verstehen: Ohne diesen Mann gäbe es Pop, wie wir ihn kennen, nicht. Paul McCartney dürfte auch das Lied der Schlümpfe singen und würde immer noch allen Respekt der Welt verdienen. Aber er macht es einem nicht leicht.

Richtig begeisternd ist immerhin das Auftaktstück. "Save Us" donnert gut los, das Klavier hämmert Achtelnoten, McCartney singt mit sich selbst Chöre, als hätten Queen gerade das Mehrspurverfahren entdeckt, eine Rocknummer mit hochgekrempelten Ärmeln, ausgezeichnet. So ziemlich das Frischeste, was er seit Jahren aufgenommen hat.

Danach geht es leider durchwachsen weiter. "Alligator" ist genau die Art von Geschunkel mit Volksfest-Basstrommel, die er einfach nicht sein lassen will. "On My Way To Work" haut in die gleiche Kerbe, überrascht aber wenigstens mit einem witzigen Text: "On my way to work / I bought a magazine / Inside a pretty girl / Liked to water ski / She came from Chichester / to study history / She had removed her clothes / For the likes of me". So eine kleine lustige Beobachtung aus der täglichen Yellow Press erinnert an die Texte, die Lennon und McCartney vor 45 Jahren zusammen geschrieben haben, ein Hauch von echter Welt in der Musik.

Sehnsucht nach ganz früher

Bei Songs wie "Early Days" oder dem Titellied "New" zeigt sich dafür leider wieder: Er sollte mit seinen 71 Jahren nicht mehr Kopfstimme singen, da klingt Paul eher nach Tante Paula. "Early Days" übrigens ist eine Erinnerung an die Jugendtage mit John Lennon - es hat etwas sehr traurig Berührendes, dass auch Ringo Starr und der verstorbene George Harrison auf ihren Soloalben immer wieder solche Nostalgielieder sangen. Es gab und gibt bei diesen einzelnen Beatles so viel Sehnsucht nach ganz früher, nach einer irgendwie verlorenen Kindheit, vielleicht ist damals in der Beatlemania einfach zu viel untergegangen, wer weiß.

"I Can Bet" erinnert an die Beatles-Pastiches, die Jeff Lynne mit dem Electric Light Orchestra immer versucht hat. Schade, wenn das Original klingt wie die Kopie. "Looking At Her" will mit Drumcomputer und kratzigen Synthies ein bisschen hip sein, da versucht Giles Martin, den Kollegen Mark Ronson zu übertrumpfen. "Road" schließlich ist merkwürdig pathetischer Spät-Achtziger-Pop. Man kann das alles problemlos hören, man kann es beim Kochen und Essen laufen lassen, aber man darf nicht erwarten, dass einen hier irgendwas richtig packen würde. Oder?

Doch - so groß, wie das Album beginnt, so groß endet es dann überraschenderweise auch. Mit "Scared", einem Song, der im Booklet nicht genannt wird: nur ein Klavier, Pauls leicht brüchige Stimme, ein einfacher, aufrichtiger Liebestext, ein paar unerwartete harmonische Schlenker, behutsame elektronische Effekte, die dem Ganzen etwas rätselhaft Irrisierendes geben. Und McCartney singt wieder und wieder - für die verstorbene Linda? Für seine jetzige Frau? - "How much you mean to me / How much you mean to me / How much you mean to me / Now". Unprätentiös. Berührend. Wunderschön.

Bleibt die Frage: Hat Paul McCartney mit diesem Album jetzt die Vergangenheit hinter sich gebracht? Hat er seine Dämonen (bzw. den einen: Lennon) im Griff? Nein, es scheint eher, als sei es ihm langsam ein bisschen egal. Beatle für immer? Na gut, wenn ihr wollt. Ich mach halt irgendwie weiter, und wenn ich will, erinnere ich mich an früher, daran ist doch nichts verkehrt. Und wir, die normalen Menschen da draußen, die Nicht-Genies? Wir dürfen dankbar sein, wenn der Kerl zwei echte Großtaten wie "Save Us" und "Scared" raushaut: Damit ist 2013 unter dem Strich sofort ein eher gutes Jahr im McCartney-Kalender.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2013/ahem
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