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Neuer Roman "Die Toten":Ironisch lesen? Ernst nehmen? Mit beidem wird man nicht glücklich

Sonst ist Krachts Prosa diesmal gespickt mit Adjektiven, und zwar sprachconnaisseurhaft bis über die Grenze zur Parodie: Gebisse sind "obsidianfarben", Atem ist "alraunig", eine Kehle "kaminös", Polizisten "kretinös".

Das Vertrackte ist nun, dass man mit all dem Überfluss weder glücklich wird, wenn man diese Prosa zu abgezockt ironisch liest, noch, wenn man sie zu ernst nimmt. Im ersteren Fall geht es dann irgendwann um gar nichts mehr außer um die nächste Runde auf der Geisterbahn der Uneigentlichkeit. Im letzteren geht einem der allzu ambitionierte Manierismus irgendwann doch ein wenig auf die zarten Nerven, und man beginnt wie Claudius Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung etwas arg unfroh an Grammatikfehlern und sonstigen irritierend offen ausgestellten stilistischen Unstimmigkeiten herumzuklügeln. Was tun?

Ein Arrangeur ist hier am Werk mit Faible für die Erleuchtung, die das Zwielicht verspricht

Tja, womöglich hat man das größte Vergnügen mit den "Toten", wenn man beim Lesen bereit ist zum mittleren Oszillieren. Wenn man also zulässt, nicht einfach nur souverän, distanziert zu lesen, sondern sich eher so hin- und herschwingen zu lassen zwischen Ironie und Ernst, zwischen Ästhetizismus und Albernheit, zwischen literarischem, cineastischem und zeitgeschichtlichem Spezialistentum und mutwilliger Fahrlässigkeit, zwischen Historischem und Fiktivem, Brüchen und der Heilung von Brüchen, zwischen dem Spielen eines Spiels und seiner Sabotage.

Mark Twain stellte dem "Huckleberry Finn" einst die Bemerkung voran: "Wer versucht, in dieser Erzählung ein Motiv zu finden, wird gerichtlich verfolgt; wer versucht, eine Moral darin zu finden, wird des Landes verwiesen; wer versucht, eine schlüssige Handlung darin zu finden, wird erschossen."

Der Drang zur Vereindeutigung der Lektüre bringt einen bei den "Toten" genauso geradewegs in Teufels Küche wie etwa schon beim 2006 erschienenen Essay "Die totale Erinnerung" über Krachts Besuch in Nordkorea, seinem bis heute wohl härtesten Flirt mit dem Totalitären. Das Land faszinierte ihn vor allem als virtuose Staatsinszenierung, als gigantischer Bluff, als "manischstes Projekt der Menschheit, ja als ihr größtes Kunstwerk".

Genießerhaft verwies jener Text darauf, dass die Züge der U-Bahn in Pjöngjang vom Typ "Gisela" seien, einst hergestellt von "der Fabrik Vereinigter Schienenfahrzeugbau der DDR - VEB Lokomotivbau - Elektrotechnische Werke ,Hans Beimler' - Stammbetrieb Hennigsdorf, die im Ost-Berlin der Deutschen Demokratischen Republik (Typ ,Dora' in West-Berlin) zum Einsatz kamen". Man erfuhr, dass Kim Jong Il, "wie auch sein Vater Kim Il Sung", starke Flugangst hat, und dass seine Lieblingsmusik, "und dies wird kaum überraschen", Pink Floyd ist. War das in seiner blasierten Lakonie nun eine Kritik an der Bombast-Kitsch-Band Pink Floyd? Oder an Kim Jong Il? Oder an beiden? Oder an gar nichts? Bitte oszillieren Sie.

Es hilft fürs Erste aber auch schon, sich bei Gelegenheit einen Eindruck vom Rezitator Kracht zu machen, der etwa auf dem Münchner Literaturfest vor ein paar Jahren angelsächsische Lyrik von T. S. Eliots "Wüstem Land" bis Allan Ginsbergs letztem Gedicht "Things I'll Not Do (Nostalgias)" im Original vortrug. Oder vom Vorleser Kracht, der im Hörbuch Truman Capotes "Frühstück bei Tiffany" fast tonlos liest, betont gleichmütig, und es dabei doch fertigbringt, schamanenhaft eindringlich zu bleiben. Kein geborener Fabulierer ist da am Werk, sondern ein feierlicher Nivellierer, ein fast zwanghafter Veruneindeutiger.

Man kann deshalb auch gut verstehen, warum Christian Kracht kein "Pop-Autor" sein möchte. Also keiner von denen, die Ende der Neunziger dazu ernannt wurden, weil in ihren eher konventionell erzählten Texten irgendwie Leben und Werk so munter zusammen- und ein paar angesagte Marken- und Bandnamen vorkamen (auch bei Denis Scheck kam die scheinbar ewige Trottel-Frage der deutschen Literaturkritik wieder auf; Kracht drückte sich natürlich formvollendet um die Antwort).

Ein Hardcore-Popist allerdings ist Kracht durch und durch. Das heißt: Er ist kein Spieler, sondern ein Anspieler, kein verbissener Durchdringer, sondern ein strahlender Überbringer, kein Bergender, sondern ein Borgender, kein Entdecker, sondern ein Wiederentdecker, kein Schöpfer im Rampenlicht des Genieverdachts, sondern ein Arrangeur mit Faible für die Erleuchtung, die das Zwielicht verspricht.

Und als ein solcher Popist weiß er (der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen hat mit "Über Pop-Musik" in Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch vor zwei Jahren ein ganzes Buch darüber geschrieben) natürlich auch ganz genau, dass nicht nur Pop-Musik mehr ist als bloß Musik, sondern im Grunde jede zeitgenössische Kunst längst mehr ist als bloß Kunst. Also auch die deutsche Gegenwartsliteratur, die ja nicht nur aus Büchern besteht, sondern längst ein Zusammenhang ist aus vielen Kunststücken, aus Büchern und Bildern, aus Interviews und Auftritten, aus Mode und Haaren. Und damit ein Format, das nicht nur vom Autor selbst, sondern von allen Beteiligten - von Autor, Verleger, Journalisten und Lesern - aus seinen Teilen immer wieder neu zusammengesetzt wird. Ob man das nun will oder nicht.

Im medialen Echtzeit-Sperrfeuer der Gegenwart

Oder um es in einen leider sehr unkrachtigen Satz zu fassen: Die je individuelle Wahrnehmung des Kunstwerks ist selbst wesentlicher Teil des Kunstwerks. Allerdings nicht im trivialen theoretischen Sinn der guten alten Postmoderne. Sondern im medialen Echtzeit-Sperrfeuer der Gegenwart.

Und wenn man das noch beeinflussen will, ist es eben nicht genug, einfach nur ein Buch zu schreiben. Dies ernst zu nehmen, und es damit trotzdem weder sich noch den Lesern leicht zu machen, obwohl die Oberfläche doch erst mal so schaurig und gemütlich funkelt (Chaplin! Die Dreißiger! Film-Tycoone! Kulturimperialismus! Die Machtergreifung der Nazis! Japanischer Ritual-Selbstmord! Hollywood!), das macht die Größe Krachts aus. Mit anderen Worten: Wer sich von diesem Autor in den Ohrensessel locken lässt, sollte sich nicht wundern, wenn das hübsche Möbel langsam aus dem Leim geht.

Zu seinem zweiten Instagram-Bild, einer Szene mit ausgestopften Wölfen vor gemaltem Bergpanorama, notierte er übrigens einen Satz der amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer: "Symbols are more meaningful than things themselves." Symbole sind bedeutsamer als die Dinge selbst. Genau das ist die Poetik von Christian Kracht.

© SZ vom 08.09.2016/jobr
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