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Neuer Intendant für Berliner Volksbühne:Die Grenzen der Künste testen

Castorf hat als Regisseur nach einigen eher verquälten Jahren einen glänzenden Lauf, seine Inszenierungen werden regelmäßig zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Von einer Krise der Volksbühne kann keine Rede mehr sein.

Aber natürlich kann man nach zwei Jahrzehnten fragen, ob man diese Avantgardespiele in alle Ewigkeiten fortsetzen muss. Die Entscheidung für Dercon ist aus zwei Gründen nicht ungeschickt. Ein reiner Theatermann hätte gute Chancen gehabt, am übergroßen Mythos der Volksbühne zu zerschellen. Der aus der bildenden Kunst kommende Kurator Dercon steht, wenn es gut läuft, dafür, dass die Volksbühne ein Labor bleibt, das die Grenzen der Künste testet.

Die seit Langem an vielen Orten zu beobachtende Genre-Konvergenz und gegenseitige Öffnung zwischen Theater und bildender Kunst wurde an der Volksbühne zwar nicht erfunden, aber entschieden vorangetrieben. Christoph Schlingensief, der die Grenzen zwischen Film, Theater und bildender Kunst systematisch verwischt und die Genres gut gelaunt ineinander aufgelöst hat, begann hier seine Regie-Karriere. Castorfs eigene Regiearbeiten sind seit vielen Jahren große Medien-Installationen. Mit etwas Glück könnte der Neubeginn an der Volksbühne sich also die DNA des Castorf-Theaters zunutze machen und an die Suchbewegungen und Ästhetik der letzten Jahrzehnte anknüpfen.

Es gibt ein schönes, seltsames Film-Dokument, in dem man sieht, wie Dercon und Matthias Lilienthal, der eine Kunst-, der andere Theater-Profi, bei aller Sympathie ziemlich eitel aneinander vorbeireden. Etwa wenn Dercon nicht versteht, dass Lilienthal, einst Chef des Berliner HAU, demnächst Leiter der Münchner Kammerspiele, die Sponsoren-Fixierung des Londoner Museumsdirektors und sein Stolz auf den engen Kontakt zur Upperclass suspekt ist. Es wäre ganz schön, wenn Dercons Intendanz nicht eine große, teure Fortsetzung dieses Aneinandervorbeiredens wird.

Noch fehlt das Profil

Dass Dercon eine Neigung zum Theater hat, aber kaum Erfahrung, erhöht ohne Frage das Risiko des Scheiterns. Zwar hat er am Münchner Haus der Kunst mit Christoph Schlingensief gearbeitet und in seiner Jugend Theaterwissenschaften studiert. Aber ein Theater zu leiten ist bei aller Genre-Öffnung ein anderer Beruf, als Ausstellungen zu kuratieren.

Das Profil einer Bühne entsteht nicht durch eine Aneinanderreihung von Events. Und ein erkennbares Profil ist schon wegen der regen Berliner Konkurrenz notwendig. Im weiten Feld zwischen Performance, Tanz, Theater, bildender Kunst und Pop aller Art tummeln sich auch sehr vital das Theater Hebbel am Ufer, kurz HAU, das Festival "Foreign Affairs" der Berliner Festspiele, ab und zu auch die Schaubühne oder das Haus der Kulturen der Welt. Niemandem wäre geholfen, wenn eine weitere Bühne um die gleichen Künstler und ein überschaubares Publikum konkurriert - oder wenn der wuchtige Bau der Volksbühne zum Ort für Kunstbetriebs-Insider verkümmert.

© SZ vom 31.03.2015/cag

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