Neu im Kino: "Jackie" "Jackie": Dekonstruktion eines Mythos

Natalie Portman als Jacqueline Kennedy in "Jackie"

(Foto: dpa)

Natalie Portman kopiert Präsidentengattin Jackie Kennedy bis auf die Atempausen - und schafft doch so viel mehr als reines Wiedergängerinnen-Kino.

Filmkritik von Juliane Liebert

Zu Beginn denkt man fast, "Jackie" könnte ein gewöhnlicher Film sein, so ein Biopic eben. Wäre da nicht die Musik. Ein schräges Glissando zerrt die Streicher abwärts, während in Hyannis Port, Massachusetts, ein gelbes Auto vorfährt. Ein Mann steigt aus. Eine Frau öffnet ihm die Haustür. Es ist Natalie Portman, hier: Jackie Kennedy. Sie sieht aus, wie eine auf Jackie Kennedy gemachte Schauspielerin eben aussieht, spricht ihren ersten Satz, und augenblicklich ist klar: Das ist kein gewöhnlicher Film. "Sie wissen, dass ich unser Gespräch redigieren werde, falls ich nicht sage, was ich meine", sagt sie, ihr Akzent wie eine auf ein Cello gespannte Geigensaite; sie selbst: herrisch, gefasst, verwundet. "Bei allem gebotenen Respekt", antwortet er, "das ist unwahrscheinlich."

Je grausiger, desto besser - auch die Lust des Publikums am Unglück spielt eine Rolle

Der Mann (Billy Crudup) ist Reporter für Life. Das Gespräch der beiden rahmt einen Film, geschrieben vom amerikanischen Autor Noah Oppenheim, der früher Fernsehjournalist war, inszeniert vom hochpolitischen chilenischen Filmemacher Pablo Larrain. Es ist weniger ein Biopic als ein vollkommen choreografiertes Taumeln in die Erinnerungen der Witwe John F. Kennedys kurz nach dessen Tod. Ein Versuch, sich einem Trauma anzunähern, das 1963 nicht nur Jacqueline Kennedy, sondern die Welt aufrührte. Zentrum des Traumas ist (als ein blinder Fleck im Auge des Sturmes) der Kopfschuss auf JFK, sind die Momente danach, in denen Jackie Kennedy den Kopf ihres Mannes im Schoß hält und versucht, die Gehirnmasse in seinem Schädel zu halten.

Um diesen Kern blättern sich die anderen Szenen des Films auf, ringen darum darzustellen, was fast undarstellbar ist: die Erschütterung des Geistes durch den plötzlichen und unwiderruflichen Verlust eines geliebten Menschen. Jackie weint, kommandiert, betäubt sich, ringt mit den politischen Konsequenzen, der Lust des Publikums am persönlichen Unglück Prominenter, je grausiger, desto besser. In ihren eigenen Worten: "Ich weiß, was Sie suchen. Ich war selbst Reporterin. Sie wollen, dass ich das Geräusch der Kugel beschreibe, als sie in den Kopf meines Ehemannes einschlug."

Die erste Kugel klang wie eine Fehlzündung, das ist bekannt. Blättert man in den Notizen, die während des wirklichen Interviews im November 1963, eine Woche nach JFKs Tod, entstanden (sie finden sich in der Bibliothek von www.jfklibrary.org), wiederholt sich in den Aufzeichnungen des Journalisten Theodore White zweimal eine Frage: "Wie halten wir ihn am Leben?"

Auch der Spiegel im Flugzeug nach Dallas kommt im Film zweimal vor, einmal vor und einmal nach dem Attentat. Vor dem Attentat übt Jackie auf Spanisch eine Willkommensrede, nach dem Attentat wischt sie sich das Blut aus dem Gesicht. Im Moment des Mordes beginnt Jackies Kampf gegen die Räder der Geschichte. "Wissen Sie, was ich von Geschichte halte?", sagt sie. "Ich habe mehr gelesen, als die Leute glauben, und was ich mich frage, ist: Wenn etwas niedergeschrieben wurde, ist es dann wahr?"

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Für sie ist die daraus resultierende Frage: Kann ich eine andere Wirklichkeit erschaffen durch das, was ich erzähle? Das ist, was sie tut, als sie die Beerdigung zu inszenieren beginnt: Sie erlangt die Gewalt über ihr Leben zurück, indem sie es zu ihrer eigenen Geschichte modelliert. Eine Beerdigung wie die von Lincoln muss ihr Mann haben. Ein Grab wie das eines Königs. Eine Legende. Es ist damit auch die Geschichte einer Verweigerung, einer Auflehnung gegen die Zeit, den Tod, die politischen Konkurrenten ihres Mannes, die das Ganze am liebsten so schnell wie möglich hinter sich hätten. Aber sie weigert sich, den Hinterausgang zu nehmen, um der Presse auszuweichen. Weigert sich, ihr blutbespritztes Kleid zu wechseln, damit die Täter sehen, was sie getan haben.

Portman hat sich Jackies Akzent, ihre Körperhaltung, ihre Mimik haargenau angeeignet

Es gibt nur wenige Rückblenden in die Zeit vor dem Attentat, die wichtigste ist die Reinszenierung ihrer Führung durch das Weiße Haus am 14. Februar 1962. Das Team um Larrain hat darauf geachtet, die Fernsehbilder von damals exakt zu replizieren. Bis auf winzige Differenzen. Vergleicht man die beiden Touren, fällt ein Augenblick auf: Nach ihrer Begrüßung schaut Portmans Jackie in die Kamera und lächelt. Im Original hat die Präsidentengattin nicht gelächelt. Warum dieses Detail ändern, wenn Portman doch sogar die Atempausen Jackie Kennedys imitiert?

Weil der Film eben nicht, wie gern behauptet, nur eine Wiedergängerinnen-Geschichte ist. Ja, Portman hat sich Jackies Akzent, ihre Körperhaltung, ihre Mimik haargenau angeeignet. Und ja, es ist ein Genuss, ihr zuzusehen. Man sieht fast nicht mehr Natalie Portman, die Jackie Kennedy darstellt, sondern Natalie Portman, die sich ein Stück Jackies einverleibt hat und wieder ausschwitzt. Wobei, sie schwitzt natürlich nicht. In den Sechzigern schwitzten First Ladys nicht. Aber wenn das alles wäre, hätte sie dafür keine Oscarnominierung verdient. Etwa nur den Dialekt einer berühmten Person perfekt zu imitieren, das wäre derselbe lahme Witz wie bei diesen unverständlicherweise gefeierten fotorealistischen Ölgemälden, deren einzige Qualität es ist, noch viel realer auszusehen als ein Foto. Ganz super gemacht. Aber niemand braucht das. Die wirklich beeindruckenden Stellen kommen später im Film, in der Darstellung der Züge von Kennedys Charakter, mit denen Portman sich als moderne Frau offenbar nicht identifizieren wollte: dem unterwürfigen Wunsch, doch bloß "Jack" zufriedenzustellen, der sich als Selbsttäuschung entpuppt. In den letzten Minuten wird das, was vorher ausgelassen wurde - der Kopfschuss - doch gezeigt, es wird frontal in die offene Wunde hinein gefilmt. Das sichtbar Gemachte ist gegen das, was man sich vorgestellt hatte, erstaunlich banal.

Dann wäre da noch die oscarnominierte Musik. Mica Levis Orchester hält den Film zusammen, spukt, verheißt Unheil, tröstet. Ihr ist es zu verdanken, dass "Jackie" nicht trotz allem verkitschend ist. Denn in gewisser Weise liegt es in der Natur des Genres, dass es verkitscht. Weil es immer Mythenbildung ist, selbst dann, wenn wie hier eher eine Dekonstruktion des Mythos vorgeführt wird. Der Falle, dass jede filmische Nacherzählung einer Biografie am Mythos baut, kann man kaum entgehen. Doch "Jackie" ist nicht nur ein Film über die Konstruktion von Geschichte. Es ist ein Film, in dem erzählt wird, wie die Geschichte, die er erzählt, konstruiert wurde - und die Konstruktion zugleich fortsetzt. Und es ist ein Film über das, was jede Geschichte, und warum also nicht gerade im Kino, in ihren besten Momenten sein kann: das Aufbegehren des Menschen gegen den Tod durch die Macht der Erzählung.

Jackie, USA/Chile 2016 - Regie: Pablo Larrain. Buch: Noah Oppenheim. Kamera: Stéphane Fontaine. Mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Billy Crudup. Veleih: Tobis, 100 Minuten.

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