bedeckt München 22°
vgwortpixel

"Hacksaw Ridge" im Kino:Ein Film, der an Wahnsinn und Würde rührt

Hacksaw Ridge

Mel Gibson weiß, dass man vom Krieg nicht realistisch erzählen kann - in "Hacksaw Ridge" sind die Schlachten deshalb ganz und gar irreal.

(Foto: Mark Rogers/Universum)

Mel Gibsons "Hacksaw Ridge" zeigt einen Krieger, der den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert. Der Film ist brutal, nervenzerfetzend - und für sechs Oscars nominiert.

Kein anderer als Mel Gibson hätte so einen Film machen können, notierte Anthony Lane, Filmkritiker des New Yorker, in seiner Besprechung von "Hacksaw Ridge". Das klingt genervt, aber doch auch ein wenig bewundernd. Ein naiver, steifer, unbeholfener Film, der dennoch - oder gerade deswegen - an madness and majesty rührt, an Wahnsinn und Würde. Ein Film, so blutig und nervenzerfetzend wie Gibsons "The Passion of the Christ", 2004, und mit einer ebenso starken, strengen Botschaft.

Oscar "La La Land" ist Oscar-Favorit
Oscar-Nominierungen

"La La Land" ist Oscar-Favorit

14 Chancen auf die goldene Statue: Das Musical "La La Land" ist aussichtsreichster Kandidat für die Oscars. Es folgen die Dramen "Moonlight" und "Arrival" mit jeweils acht Nennungen.

Es ist die Geschichte von Desmond Doss, aus dem ländlichen Virginia, der sich in den Vierzigern zur Armee meldet, aber zu seinen ganz eigenen Bedingungen - er ist ein Seventh-Day-Adventist. Er weiß, was seine vaterländische Pflicht ist, aber er muss sich auch an sein absolutes Gebot halten: Du sollst nicht töten. Desmond muss ein Krieger werden, der den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, der nur als Sanitäter wirken will, ein Gewehr rührt er nicht an, außer, um eine Trage damit zu bauen. Den anderen Rekruten, seinem Schleifer (Vince Vaughn) und seinem Colonel (Sam Worthington) kommt Desmonds Position sehr absurd vor, deshalb wird er im Ausbildungslager dumm angeredet, schikaniert, verprügelt und vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Passion des Desmond Doss.

Der Verweigerer bekommt am Ende einen Orden

Unter den großen Heldenerzählungen, die Hollywood seit Jahrzehnten nutzt und studiert, hat Gibson sich immer für eine interessiert - die Pathologie des Erlösers. Auf Okinawa kommt Desmond im Kampf um den Hacksaw Ridge zum Einsatz, eine gewaltige Felswand, die von den Japanern erbittert verteidigt wird. Als auch sein Trupp zum Rückzug gezwungen wird, bleibt nur Desmond zurück, er sucht nach verwundeten Kameraden, versorgt sie, schleppt sie an den Rand des Felsens, seilt sie ab. 75 Leute bringt er so, immer wieder aufgestört von japanischen Trupps, in Sicherheit. Nach dem Krieg hat er dafür die Congressional Medal of Honor bekommen.

Man sieht bei Mel Gibson, sehr brutal, mit einer grausamen Lust am Detail, Kugeln, die in Köpfe einschlagen und das Blut spritzen lassen, Menschen, die von Flammenwerfern in Brand gesetzt werden, zerfetzte Körper, manche halb verwest. Steven Spielberg wurde, als er in "Saving Private Ryan" ähnlich drastisch die Invasion 1944 in der Normandie inszenierte, für seinen gnadenlosen Realismus gerühmt. Gibson weiß, dass man vom Krieg realistisch nicht erzählen kann. Und um den Bonus, der Spielberg zusteht, hat er sich nie gekümmert, den als auteur. Der Krieg von "Hacksaw Ridge" ist ganz und gar irreal.

Von den Bergen Virginias, der Heimat von Desmond Doss, erzählt der Film mit einer ganz einfachen, holzschnittartigen Schönheit, die an Stummfilme der Zwanziger erinnert. Blut spenden im Krankenhaus der Stadt, eine junge Krankenschwester (Teresa Palmer) ansprechen, mit ihr einen Berg erklimmen, um dort das Gefühl der Freiheit zu spüren, das Heiratsversprechen. Der Vater (Hugo Weaving) war im Ersten Weltkrieg, er hat dort seine Kameraden verloren, nun trinkt er. Andrew Garfield, der Desmond spielt, hat das stille, manchmal etwas einfältige Grinsen der Helden aus den lokalen Melodramen von Griffith, Murnau oder Henry King. In Martin Scorseses Film "Silence", der in einigen Wochen in unsere Kinos kommt, spielt Garfield ebenso einen, der um die Konsequenz seines Glaubens ringt, einen Missionar, der im Japan des 17. Jahrhunderts landet.

Mitten im abschließenden Gemetzel um den Hacksaw Ridge inszeniert Mel Gibson dann noch einen Tod ganz eigener Art - der japanische Befehlshaber bereitet sein Seppuku vor, seine rituelle Selbstentleibung. Ein Tod, in dem madness and majesty zusammenkommen.

Hacksaw Ridge, USA 2016 - Regie: Mel Gibson. Buch. Robert Schenkkan, Andrew Knight. Mit: Andrew Garfield, Teresa Palmer, Hugo Weaving, Vince Vaughn, Sam Worthington. Universum, 131 Min.

Lesen Sie ein Interview mit Mel Gibson mit SZ Plus:

Mel Gibson "Wir sind alle ziemlich abgefuckt"
Mel Gibson im Interview

"Wir sind alle ziemlich abgefuckt"

Mel Gibson galt zehn Jahre lang als Persona non grata in Hollywood. Er spricht über Vergebung, Verbitterung und warum er von Sylvester Stallone keine Ratschläge hören will.   Interview von Jürgen Schmieder