Netzkolumne:Reiche Streamer, arme Streamer

Lesezeit: 2 min

Twitch

Twitch ist eine Videoplattform, bei der man anderen Menschen beim Videospielen zuschauen kann - gegen Gebühr.

(Foto: Michael Nelson/dpa)

Wie lässt sich das viele Geld, das auf Internet-Plattformen umgesetzt wird, gerechter unter den Machern der Inhalte verteilen?

Von Michael Moorstedt

Als vor einigen Wochen die internen Zahlen der Streaming-Plattform Twitch nach einem Hack veröffentlicht wurden, war es mal wieder an den sogenannten Normalos, die Köpfe zu schütteln. Nicht wegen der Tatsache, dass Menschen tatsächlich anderen Menschen beim Videospiele spielen zuschauen und sie dafür auch noch bezahlen. An solche Anfängerabsurditäten hat man sich inzwischen ja gewöhnt. Aber man durfte sich dann doch wundern, wie viel sie bezahlen.

Fein säuberlich aufgelistet sieht man in den gestohlenen Daten, wie mehr als 80 Streamer auf der Plattform in den vergangenen beiden Jahren eine sechsstellige Summe allein aus Abos verdienten. Dabei sind die Einnahmen aus Spenden, Sponsoringdeals oder dem florierenden Merchandisinggeschäft noch nicht mal mit eingepreist. Das Problem ist nur, dass das Geld recht ungleich verteilt wird. Das oberste Prozent der Streamer freut sich über mehr als die Hälfte der Einnahmen. Die Einkommensverteilung ist sogar noch ungerechter als in der sogenannten echten Welt. Da hält das reichste ein Prozent der Bevölkerung immerhin "nur" etwa ein Drittel des Vermögens.

Geht es um die Verteilung der Gelder im communitybasierten Web ist Twitch nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Blickt man etwa auf Spotify, benötigen Künstler hier mehr drei Millionen Streams ihrer Songs, um im Jahresmittel ein mindestlohnähnliches Einkommen zu erreichen. Auf der Crowdfunding-Plattform Patreon schafften es gerade mal zwei Prozent der Bittsteller auf einen Betrag von mehr als 1000 Dollar im Monat zu kommen. Selbst die boomende Newsletter-Branche, von der es bis vor Kurzem noch hieß, sie könnte eventuell ein Ausweg für auf eigene Faust publizierende Autoren sein, leidet unter dem Ungleichgewicht: Die Top-Ten-Newsletter machten mit Abonnements mehr als 20 Millionen US-Dollar Umsatz. Für den Rest bleibt der Bodensatz.

Die Blog-Plattform mirror.xyz will die Einkommensverteilung im Netz wieder gerechter machen

Dabei war das Social Web ja irgendwann auch mal mit dem Versprechen angetreten, für mehr Egalität zu sorgen. Und zwar nicht nur, was gesellschaftliche, sondern auch was monetäre Teilhabe anbelangt. Da hilft es auch nicht, dass ein paar Dutzend Teenager jetzt zu Multimillionären geworden sind. Die überwiegende Mehrheit bleibt von der Aufmerksamkeit der Masse - und vom entsprechenden Geldsegen - ausgenommen. Man spricht, streamt und sendet, irgendwo im Niemandsland zwischen Hobby und allenfalls prekärer Beschäftigung, ins Leere. Das Urteil von Beobachtern ist einhellig: Die sogenannte Creator Economy benötige eine Mittelschicht.

Richten soll es jetzt ein neues, nun ja, es ist eigentlich noch nicht ganz klar, ob es für mirror.xyz bereits einen passenden Begriff gibt. Auf der Website spricht man nicht gerade bescheiden von sich als "dem nächsten großen Wandel in der Geschichte der symbolischen Kommunikation". Durch ein dezentralisiertes, kryptobasiertes Netzwerk im Besitz der Nutzer revolutioniere "Mirror, wie wir unsere Gedanken ausdrücken, teilen und monetarisieren". Uff. Da gilt es zunächst Mal eine Menge zu entwirren.

Zunächst einmal handelt es sich bei Mirror um eine Blog-Plattform, auf der man allerhand Projekte veröffentlichen kann. Allerdings ist die Teilnahme mit einer eigenen Kryptowährung namens $Write verbunden. Jeder, der hier publiziert, kann für Förderer zudem eine individuelle Währung ausgeben, das ihnen wiederum einen Teil am Eigentum des Werks verschafft - und dementsprechend auch einen zukünftigen Anteil am Erlös, wenn der Autor beschließt, ihn als NFT zu versteigern.

Nicht nur die Urheber, sondern die gesamte Community hat also ein Eigeninteresse daran, dass die finanzierten Projekte auch Erfolg haben. Das klingt natürlich reichlich utopisch, das Projekt steht und fällt mit dem Glauben der Menschen an das Konzept Kryptowährung als solches. Vielleicht ist es aber doch eine Alternative zum bisherigen zentralisierten System, in dem große Player wie Facebook oder Twitch, die eingenommenen Gelder nach undurchsichtigen Schlüsseln aufteilen und die Kreativität der Community abschöpfen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFacebook Files
:Die Sprachlosigkeit der Maschinen

Jenseits des englischsprachigen Internets stoßen die Sicherheitsmechanismen von Facebook an Grenzen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB