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Netrebko-Auftritt in Salzburg:Netrebko mit überzeugender Künstlerkraft

Tatsächlich ist im melodramatischen Sängergerüst der Sopran Anna Netrebkos das tragende Element. Die vor zehn Jahren in Salzburg zu Ruhm gelangte, inzwischen im Reich des Pop-Mythischen thronende Russin gehört gleichsam in zwei Fächer: Da ist zum einen das Kunstprodukt des perfekt vermarkteten, gehypten Superstars mit der bildschönen Oberfläche, Markenzeichen der Klassik, Symbol für Glanz und wirtschaftliche Gunst der Oper heute, und da ist zum anderen die professionelle Sopranistin und Charakterdarstellerin von Graden. Wie sie da am Anfang auf die Bühne tritt, leicht gekrümmt, tastend, verängstigt, bedroht, das macht sie als das freudlose Pariser Mädchen glaubhaft.

Wenn Netrebko leise "Mi chiamano Mimi" intoniert und mit dem Partner am ersten Aktschluss musikalisch zum höhensicheren Aufschrei "Amor, amor, amor" zusammenfindet, verkörpert sie eine Künstlerkraft, die überzeugt. Ihr Sopran ist jetzt in ein dunkleres Timbre gehüllt, rund ausgeleuchtet, flexibel in der Stimmführung, flammend ohne Schärfe in strahlender Höhe. Sie und der schlank-metallene Tenor des Polen Piotr Beczala, der sein Jugendfeuer heldisch-elegant vertritt, sind das, was der Boulevard jetzt als das "neue Traumpaar" der Oper zu feiern hat.

Am schönsten: Mimis unselige Liebe, Krankheit und fast heimlicher Tod kommen ohne Leidenspathos aus, Netrebko bleibt das ernste traurige Mädchen, das sie am Anfang war. Auch wenn Rodolfos Künstlerfreunde, die Schar junger italienischer Sänger mit dem Marcello des Massimo Cavalletti an der Spitze, die Unglückliche aufzuheitern versuchen. Umso aufreizender die mondäne Kontrastfigur der Musetta - Nino Machaidze mit stählernem Sopran und lasziver Attraktivität.

Die Inszenierung mischt Konvention mit modisch aufgepeppter Stilisierung: Der von Pereira in Zürich geförderte Venezianer Damiano Michieletto versucht, das Genrehafte und Atmosphärische der "Bohème" einzufangen. Puccinis Figuren werden als leicht ausgeflippte Großstadtpflanzen gezeigt, sportiv im knalligen Outfit (Carla Teti), mal aggressiv verzweifelt, mal nur ratlos herumlungernd.

Nur, die Riesenbühne (Paolo Fantin) wird ihnen zur Falle unfreiwilliger Beziehungsarmut: Ehrenwert zwar der Ansatz, anstelle von Luxusdeko die Wohnobjekte minimalistisch auf dem Bühnenboden zu stapeln. Aber dann widersteht man nicht der Versuchung, sich mit Kunstgerümpel zu umgeben, den am Seil hängenden Artisten herzuzeigen oder einem vertikalen Pariser Stadtplan Bedeutung zuzutrauen. Die Begegnung zweier Liebender auf ferner Hochbrücke bleibt indes so klein wie der Existenzialismus dieser Pariser Jugend. Umso größer fegen Puccinis berühmte Kollektive der "Bohème" über die Bühne, Wiener Staatsopernchor und Salzburger Kinderchöre in pittoresken Klamotten. Ovationen - nicht nur für die Sänger.