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Sachbuch zum Klimawandel:Hier die Guten, dort die Bösen

Naomi Klein Speaks At Willy Brandt Foundation

"Wir müssen einen Krieg führen" ruft Naomi Klein.

(Foto: Getty Images)
  • Naomi Kleins neue Streitschrift zur Klimapolitik arbeitet mit einem klaren Gut-gegen-Böse-Schema.
  • Naomi Klein wirkt radikal in ihren Diagnosen und Forderungen, doch das Politische gerät ihr dabei aus dem Blick.
  • Klüger wäre es zum Beispiel darüber nachzudenken, welche Nation mit welchem Interesse welche Industriepolitik verfolgt.

Als die amerikanisch-kanadische Publizistin Naomi Klein im September 2017 auf dem Parteitag der britischen Labour Party auftrat, verglich sie den amerikanischen Präsidenten, zu großem Gelächter des Publikums, mit dem "ekligen Ding" oder dem "Fettberg", der zu jener Zeit die Abwasserkanäle Londons verstopft haben soll. "Nun, Trump ist dessen politisches Äquivalent: eine Zusammenballung von allem, was uns in Kultur, Politik abstößt, zu einer festen klebrigen Masse." Störend an diesem Vergleich ist nicht die selbstgefällige Schmähung. Störend ist der Umstand, dass die Schmähung von keiner Erklärung begleitet wird: "Ob Klimawandel oder nukleare Bedrohung - Trump steht für eine Krise, die sich sehr wohl bis weit in die Zukunft auswirken könnte."

Aber was heißt "Krise" (zeichnet sich eine "Krise" nicht durch ihre Endlichkeit aus?), und was heißt "sehr wohl"? Man will es genauer wissen: Welche Interessen hat der Mann? Warum geben die Vereinigten Staaten die Politik der Allianzen auf, mit der sie zur größten Macht der Welt wurden? Und was hat das Klima damit zu tun? Parteitage der Labour Party scheinen politischen Versammlungen in bayerischen Bierzelten auch darin zu gleichen, dass Begründungen nicht geliefert werden.

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Naomi Klein attackiert die "zentrale Stellung des Profits" in unserer Wirtschaft

Nun verhallte diese Rede aber nicht mit dem Applaus im Konferenzzentrum von Brighton. Sie bildet nun zusammen mit einem Dutzend wiederverwerteter Gelegenheitsarbeiten und einigen neu geschriebenen Texten ein Buch mit dem Titel: "Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten reden kann". Zu einem Teil entfaltet das Buch ein Panorama des Schreckens. Zum anderen stellt es eine Programmschrift für eine vor allem in den Vereinigten Staaten existierende Bewegung dar, die ein politisches Konzept aus den Dreißigern neu beleben will: den New Deal, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, mit dem Präsident Roosevelt damals die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten zu überwinden trachtete.

Doch war der historische New Deal nicht nur ein strikt nationales Vorhaben, sondern auch alles andere als eine Abkehr von einem radikalen Liberalismus, so wie er die amerikanische Wirtschaftspolitik der Zwanziger geprägt hatte: Von den Kraftwerken, die im Zuge des New Deal im Tal des Tennessee errichtet worden waren, profitierte nicht zuletzt die dort ansässige Aluminium Company of America. Schon Roosevelts Programm trug also den Namen Deal durchaus zu Recht.

Es gehen in Naomi Kleins Buch nicht nur die historischen Adressen durcheinander. In der Frage, wie die Auseinandersetzung um den Klimawandel konkret zu führen sei, empfiehlt sie, amerikanische Politiker zu unterstützen: "Die gute Nachricht ist, dass es bereits Kandidaten für die Führungspositionen in der Demokratischen Partei gibt (insbesondere Bernie Sanders und Elizabeth Warren)." Darüber hinaus eröffne die Installation von Photovoltaikanlagen auf den Dächern von Privatleuten, weil die ehemaligen Kunden der Stromkonzerne selbst zu Energielieferanten würden, "enorme Chancen für ein gerechtes Wirtschaftssystem".

Naomi Klein wirkt radikal, wenn sie die "zentrale Stellung des Profits in unserer Wirtschaft infrage" stellt. Je näher sie indessen den Details kommt, desto mehr ähneln ihre Visionen den bestehenden Verhältnissen, in einer menschenfreundlich gemilderten Variante. Sollte aber nur die Hälfte der Naturkatastrophen eintreten, die Naomi Klein vorhersagt, wäre auch die von ihr vorgeschlagene Einführung des "Verursacherprinzips" bei der Haftung für Umweltschäden eine Maßnahme von geradezu lächerlicher Folgenlosigkeit.

Die Schilderung der kommenden Katastrophen und der zu ihrer Verhinderung aufgebotene Protest stehen bei Naomi Klein in einem ähnlichen Missverhältnis wie bei den Aktionen, die von Greta Thunberg angeführt werden - mit einer Huldigung an die schwedische Aktivistin beginnt das Buch, und diese Eröffnung ist programmatisch. Denn ist es nicht sonderbar, wie viel Erfolg Greta Thunberg hat, wenn sie etwa beim Weltwirtschaftsforum in Davos auftritt, also vor genau den Menschen, die für den Zustand der Welt verantwortlich sind, gegen den die Aktivistin sich wehrt?

Was bringt die Bösen dazu, so böse zu sein?

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In den schärfsten Tönen spricht sie dann von einem "Wir" oder "der Menschheit", deren "Zukunft" durch einen eklatanten Mangel an "Verantwortung" bei den maßgeblichen Politikern und Managern bedroht sei. Eben diese maßgeblichen Menschen aber sehen sich durch Greta Thunberg, Naomi Klein und alle anderen Aktivisten durchaus nicht kritisiert, sondern bestätigt, weil sie, jeder für sich und alle miteinander, seit je dieses "Wir" mitsamt aller "Verantwortung" für die "Zukunft" zu repräsentieren beanspruchen - in der Konkurrenz der Unternehmen und Nationen, von den kleinen, alltäglichen Zumutungen des Friedens bis hin zu den großen Zumutungen des Krieges.

Bedeutet der Übergang zum elektrisch betriebenen Automobil einen ökologischen Gewinn?

Das intellektuelle Elend der neuesten Umweltbewegung besteht darin, dass sie das "Wir" und dessen demnächst schreckliches Schicksal so innig beschwört, dass ihr darüber alles Politische - eben die Frage nach den Interessen in ihrer radikalen Gegensätzlichkeit - abhandenkommt. Naomi Kleins jüngste Brandschrift macht dabei keine Ausnahme.

So kommt es, dass sich die beiden Seiten, in die das Buch zerfällt - die Beschreibung der schon eingetretenen und noch zu erwartenden Katastrophen sowie die Skizze einer neuen, ökologischen Politik - jeweils in ein Sammelsurium von Ereignissen verwandeln, die von Naomi Klein entweder betrachtet werden (vor Ort selbstverständlich) oder bei denen sie den Hauptvortrag hält. Auf der einen Seite sterben die Korallenbänke, brennen die Wälder, breiten sich die Ölteppiche aus, versammeln sich in Charlottesville die Neonazis. Auf der anderen Seite wird für eine stärkere Besteuerung der großen Unternehmen und der "Stinkreichen" plädiert. Auf der einen Seite stehen die Guten, die streikenden Schüler, die politisch engagierten Wissenschaftler, die Occupy-Bewegung, die indigenen Völker, die "feministischen Autorinnen von Fantasy-Romanen" und sogar der Papst: "Schon heute knüpfen Aktivisten Kontakte." Auf der anderen Seite treiben die Bösen ihr Unwesen, vor allem in Gestalt der "Fossilindustrie", wobei nicht recht einsichtig wird, warum sie so böse sind, da doch Naomi Klein zufolge eine ökologisch ausgerichtete Produktion unvergleichlich größeren Gewinn verspricht.

Auf der einen Seite stehen die "feinen Leute" (meist "weiß und männlich") oder die "skrupellosen Geo-Ingenieure", auf der anderen Seite steht ein "radikal humanes Wirtschaftsmodell", dessen Effekt weit über die Erhaltung des Planeten hinausgehen soll, weil im Zuge des dann regierenden Ökosozialismus die Erde sich in ein Paradies verwandeln wird.

"Wir müssen einen Krieg führen gegen CO₂-Verschmutzung und Armut, gegen Rassismus und Kolonialismus und gegen die Verzweiflung", ruft Naomi Klein. Aber wie soll dieser Krieg beschaffen sein? Die "beste Hoffnung der Menschheit", versichert die Aktivistin, bestehe in einer "grün-linken Weltsicht ..., die bloßen Reformismus ablehnt und die zentrale Stellung des Profits infrage stellt". Sie bestehe in einer "breiten Gegenbewegung", die von der "Fähigkeit zu tiefem Mitgefühl" sowie zur "Zusammenarbeit" getragen sei. Nun gut, wenn man so Krieg führen kann. Der Kinderreim "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb" ist indessen weder eine angemessene Antwort auf den Versuch der Vereinigten Staaten, den Rest der Welt in Form von "Deals" zu erpressen, noch auf den Versuch der Bundesrepublik, in Gestalt der "Klimawende" einen technischen Wandel zu erzwingen, der Deutschland im Wettbewerb der Nationen einen schlagenden Vorteil verschaffen würde.

Zum Katastrophismus gehört das Setzen von Fristen: noch ein Jahr, bis der Weltuntergang definitiv beginnt, noch drei Jahre, oder vielleicht hat die Katastrophe schon längst begonnen. Zehn Jahre gibt Naomi Klein den Menschen. So dringend scheint die Rettung des "Klimas" zu sein, dass umgehend gehandelt werden muss, wie auch immer. Vielleicht sollte man dennoch einen Augenblick innehalten, um ein wenig nachzudenken: darüber zum Beispiel, welche Nation mit welchem Interesse welche Industriepolitik verfolgt. Oder darüber, dass der politisch erzwungene Übergang zum elektrisch betriebenen Automobil keineswegs einen ökologischen Gewinn bedeuten muss. Oder auch nur darüber, dass es zwar für einen Augenblick ein Vergnügen bereiten mag, den mächtigsten Mann der Welt einen stinkenden "Fettberg" zu schimpfen, dass derselbe Satz aber, mit ein wenig Abstand betrachtet, vor allem einen Ausdruck von Hilflosigkeit darstellt, im praktischen wie im theoretischen Sinn.

Naomi Klein: Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Barbara Steckhan. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2019. 352 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 13.01.2020
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