Nachruf auf Edita Gruberová:Die Königin

Edita Gruberova wird 70

Edita Gruberová singt neben dem Dirigenten Frank Beermann während einer Probe die Titelpartie der konzertanten Oper "Anna Bolena" 1999 in der Hamburger Staatsoper.

(Foto: Kay Nietfeld/picture alliance)

Noch auf dem Hochseil der Koloratur führte sie vor, wie tief die Oper in die Seelen ihrer Figuren eindringen kann: Zum Tod der Sopranistin Edita Gruberová, die über Jahrzehnte unangefochtene "Primadonna assoluta" der Bayerischen Staatsoper war.

Von Julia Spinola

Die Oper müsse "Tränen entlocken, Leute erschrecken und durch Gesang sterben lassen", erklärte Vincenzo Bellini dem Librettisten seiner letzten Oper "I puritani". Keine andere Sängerin ist dieser Forderung so überwältigend nahegekommen wie die "Königin des Belcanto" Edita Gruberová, die über Jahrzehnte unangefochtene "Primadonna assoluta" der Bayerischen Staatsoper. Als Elvira zog sie das Münchner Publikum bis in die letzte Koloraturfalte des Wahnsinns hinein. Im Jahr 2000 schien sie sich immer noch auf dem Zenit ihrer sagenhafte 51 Jahre andauernden Karriere zu befinden. Zugleich verzauberte sie mit purer Schönheit: mit schwerelos hinauf- und hinabgleitenden Skalenläufen, prismatisch schillernden Trillern, einem narkotisierenden "messa di voce" - dem bruchlosen An- und Abschwellen eines Tones - und mit jenem unvergleichlich schwebenden Pianissimo, das ihr keine nachmachte. Noch den halsbrecherischsten vokalakrobatischen Wahnwitz vollführte die Gruberová mit der schwerelosen Präzision einer Primaballerina und beseelte ihn zugleich mit ihrer nuancenreichen Phrasierungskunst. Bellini hatte seinem geplagten Textdichter Carlo Graf Pepoli an den Kopf geworfen, ein Musikdrama sei nur gut, wenn es keinen Sinn habe. Die Gruberová aber sang eine so sterbensschöne Elvira, dass man allen Sinn im verschwenderischen Überfluss des belcantistischen Glanzes selbst entdeckte, dass man Ernst und tiefere Bedeutung der gesanglichen Verzierungskunst schlagartig erfasste. Noch auf dem Hochseil der Koloratur führte sie vor, wie tief Bellini mit seinem Melos in die Seelen seiner Figuren eindringt, statt ihre Gefühlszustände nur effektvoll zu Markte zu tragen.

Sie wuchs in unsicheren Verhältnissen auf. Das Singen gab ihr Sicherheit

Die Paraderollen der Gruberová waren zunächst andere: die sternflammende Königin in Mozarts "Zauberflöte", mit der sie 1970 an der Wiener Staatsoper debütierte, die Zerbinetta in Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos", mit der ihr am gleichen Haus sechs Jahre später der Durchbruch gelang, und Donizettis Lucia di Lammermoor, mit der sie erstmals 1988 an der New Yorker Met und drei Jahre darauf auch in München zu erleben war. Beinahe zweihundert Aufführungen hat sie mit jeder dieser Partien gegeben - mehr als die Callas mit allen ihren Rollen in ihrem ganzen Leben - und hat ihren Rang als Königin der Koloratur nicht nur gehalten, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt, ja sich im Herbst ihrer Karriere sogar noch einmal neu erfunden: Als die Gruberová 2004 mit der Elisabetta I. in Gaetano Donizettis "Roberto Devereux" am Nationaltheater einen ihrer größten Triumphe feierte, war es eine dramatische Charakterdarstellerin, die man erlebte.

"Wenn das der Strauss gehört hätte", soll Karl Böhm über ihre Zerbinetta geschwärmt haben

"Bei Opernstars glauben die Leute immer, dass man aus tollen Verhältnissen kommt, dass man immer gefördert wurde", sagte sie in einem Interview. Sie dagegen habe tatsächlich das "Leben kennengelernt". Geboren am 23. Dezember 1946 hinter dem Eisernen Vorhang in Bratislava, wächst sie mit einer ungarischen Mutter und einem deutschstämmigen alkoholsüchtigen Vater auf, der als Antikommunist eine fünfjährige Haft wegen Landesverrats überlebt hat. Das Singen gibt ihr Sicherheit. Mit 22 debütiert sie als Rosina am Nationaltheater ihrer Heimatstadt, wird 1970 an der Wiener Staatsoper engagiert - wo man sie dann sechs Galeerenjahre lang nur die Stichwortgeberinnen, die "Wurz'n" singen lässt, bis sie mit der Zerbinetta endlich alle in Staunen versetzt. "Wenn das der Strauss gehört hätte", soll Karl Böhm geschwärmt haben. Von nun an reißen sich die Häuser um die Gruberová. Als Violetta in Verdis "Traviata" hat sie 1989 unter dem genialischen Carlos Kleiber an der New Yorker Met nach eigener Aussage einen ihrer schönsten Auftritte. Vor allem aber wirft sie ihr stimmliches Gold in die Waagschale, um das vernachlässigte Belcanto-Repertoire von Donizetti und Bellini zurück auf die Bühnen zu bringen: Maria Stuarda, Beatrice di Tenda, Anna Bolena oder Linda di Chamounix. Ihr Seelenporträt der tief vereinsamten Lucia di Lammermoor lässt den Zuhörern den Atem stocken. Donizettis Lucrezia Borgia bringt die Gruberová 2010 nach 160 Jahren erstmals wieder an die Bayerische Staatsoper.

Eiserne Disziplin, Talent und das Glück, zur rechten Zeit den richtigen Lehrern zu begegnen - so beschrieb diese Assoluta selber das Geheimnis ihres Erfolges. Mit Bedacht hat sie ihr Repertoire aufgebaut und sich auch gegenüber den Zumutungen des Betriebs behauptet, wenn sie Regisseuren eine Absage erteilte, weil sie sich nur als Requisit behandelt fühlte, oder indem sie zwischen den Vorstellungen auf Erholungspausen für ihre Stimmbänder bestand. Um die Fäden in der Hand zu behalten, gründete sie auch ihr eigenes Plattenlabel. 2019 nahm sie mit einer Vorstellung von "Roberto Devereux" am Nationaltheater ihren Bühnenabschied. Rote Rosenblätter regneten in den Stürmen des Beifalls auf sie nieder, und Staatsintendant Nikolaus Bachler sank vor ihr auf die Knie. Am Montag ist Edita Gruberová im Alter von 74 Jahren gestorben.

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