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Neubau für das New Yorker Whitney Museum:Spät auf der Party

Whitney Museum New York

Tatsächlich hat ein Architekturkritiker den Bau bereits zu einem besonders klumpigen Löthaufen auf dem Motherboard New Yorks erklärt.

(Foto: Nic Lehoux)
  • Der Neubau des Whitney Museums in New York ist licht ausgefallen, eher fein als erhaben.
  • Von innen bietet das Gebäude seinen Besuchern einen hinreißenden Blickwinkel auf Manhattan.
  • Architekt Renzo Piano lässt es dem Bau mit Absicht an Stringenz fehlen.

Von Peter Richter, New York

Renzo Piano hat dem Whitney Museum of American Art an der Westside von New York ein neues Gebäude errichtet. Das wird am 1. Mai eröffnet. Und es wäre schön, wenn sich hier jetzt mitteilen ließe, ob Daumen hoch oder Daumen runter. Stattdessen: Er flattert, als ob einem ein Tremor in die Hand gefahren sei.

Unsicherheit? Könnte man so nennen. Die liegt aber in diesem Fall nicht nur im Auge des Betrachters. Die ist hier eingebaut. Die liegt, wer weiß, vielleicht schon in der Sache selbst.

Wenn man zum Beispiel Scott Rothkopf, die junge Kuratoren-Hoffnung am Whitney, fragt, wo bei der Neupräsentation der Bestände eigentlich die Malerstars der Achtzigerjahre abgeblieben seien, die Schnabels und Fischls, denen hier früh Retrospektiven eingerichtet wurden, dann schaut er für einen Moment, als hätte man nach Leichen gefragt, die vorsichtshalber vor dem Umzug noch im Keller des alten Domizils vergraben wurden.

Aber so ist das in Museen: Urteile können revidiert werden, und das Umpflügen der Depots macht sie erst fruchtbar.

Alle Galerien mal ganz der eigenen Sammlung gewidmet

Man muss nämlich bei alldem zunächst einmal sagen, dass es eine helle Freude ist, durch das neue Whitney zu gehen, solange es alle seine Galerien mal ganz der eigenen Sammlung widmet.

All die amerikanischen Regionalismen, Sozialrealismen und Surrealismen, die in der Kunstgeschichte immer nach hinten sortiert werden, den provinziellen Hintergrund bilden müssen für den Triumph von Action-Painting, New York School und Pop-Art - hier dürfen sie sich mal aus eigenem Recht entfalten.

Endlich kommt auch von den Arbeiten auf Papier mal wieder was ans Licht, aus denen der größte Teil der Sammlung besteht, darunter die Studien, welche Edward Hopper beim Aktzeichnen im Salon jener Gertrude Vanderbilt Whitney angefertigt hat, die das nach ihr benannte Institut 1931 auch als lokalpatriotische Reaktion auf das Museum of Modern Art ins Leben rief.

Die Wände wirken hier so, als seien es Figuren der Augsburger Puppenkiste

Was es aber heute, wo der Begriff des Amerikanischen auch am Whitney recht international aufgefasst wird, eigentlich darstellen will neben dem MoMA, dem Guggenheim und all den anderen Häusern in der Stadt: Das ist eine Frage, die einem eigentlich der Neubau beantworten müsste.

Keine einfache Aufgabe in einer Stadt, wo die darwinistischen Überlebensregeln viel mit der Gunst des Publikums, des Markts, des Geldes zu tun haben, während die maßgeblichen Kritiker nicht müde werden, ein Schielen der Museen nach dem Geld, dem Markt, dem Publikum zu geißeln. Ließe sich aus dieser Stimmung eine architektonische Präferenz ableiten, wären beim Neubau New Yorker Museen im Moment vor allem massive Wände zum Schutz guter, wahrer und echter Kunst vor dem sogenanntem Zeitgeist gefragt.

Dafür hätte das Whitney aber eher in Marcel Breuers Bau an der Madison Avenue bleiben sollen, diesem wundervollen Schrein mit Burggraben und Zugbrücke, der mit seinen paar um die Ecke lugenden Fensteraugen für sich selber Schmiere zu stehen scheint.

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