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Muse der Rolling Stones:Zur Dekadenz geboren - Marianne Faithfull wird 70

Marianne Faithfull, 1966

Die junge Marianne Faithfull, Ende der Sechzigerjahre am Mikrofon.

(Foto: KPA)

Das Rolling-Stones-Groupie, die berühmteste Blondine der Sechzigerjahre, wird tatsächlich siebzig Jahre alt.

Vor fünf Wochen sang sie noch einmal diese Schnulze "As Tears Go By", die Mick Jagger einst zum Spott von Keith Richards für sie geschrieben hatte. Das war im Pariser Bataclan, ein Konzert zur Erinnerung an die Opfer des Anschlags ein Jahr zuvor, und das Publikum feierte eine, die überlebt hatte. Das Video bei Youtube zeigt, dass sie inzwischen sitzen muss, aber auch, dass sie keine Lust mehr hat auf diesen Schmalz, der sie mit siebzehn zum Star gemacht hatte. Auf einer Party war sie Andrew Loog Oldham aufgefallen, dem Manager der Rolling Stones, der gleich zur Sache kam: "Ich habe einen Engel mit großen Titten gesehen und unter Vertrag genommen."

Marianne Faithfull stammte mütterlicherseits aus dem aristokratischen Wien, war als Urgroßnichte des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch mindestens fünfzigprozentiges Fin de Siècle und damit zur Dekadenz geboren. Bis heute gehört zur Rock-Folklore ihr Marihuana umwölkter Auftritt vor der britischen Polizei, die Keith Richards' Anwesen durchsuchte und auf eine blonde Venus ohne Pelz stieß, das Playgirl der bösen Männer.

Sie verließ Mann und Kind, um bewundernd an den Lippen von Mick Jagger zu hängen und verkam zur Ingeborg Bachmann des Rock 'n' Roll: Geliebte, abgelegt, Tabletten, Geliebte, abgelegt, Drogen, Absturz, schließlich Obdachlosigkeit. Nur über ein Gericht konnte sie Tantiemen an dem Lied "Sister Morphine" einklagen, das die Rolling Stones über ihre Elendsjahre an der Nadel geschrieben hatten.

Die Liebe nicht nur, auch die engelhafte Stimme ging verloren, umso stärker war dann ihr zweites Debüt 1979 mit "Broken English". Bei Brecht/Weill und bei Lotte Lenya fand sie eine neue Stimme, neue, wenn auch morbide Lebenslust, von der auch ihre 1995 veröffentlichten Memoiren zeugen. Sie war wieder da und mehr denn je. Fast achtzig Mal spielte sie die Pegleg im "Black Rider" von Robert Wilson und Tom Waits. 2007 wurde sie auf der Berlinale für ihren Film "Irina Palm" gefeiert, Trostbeifall für eine, die wider Erwarten alles überlebt hatte. Im Bataclan im November steckte sie sich erst in aller Gemütsruhe eine Zigarette an und zersang dann genussvoll das Tränenstück ihrer Jugend. Nun wird die schönste Blondine der Sechzigerjahre siebzig Jahre alt.

Ein Interview ohne Worte Warum klingt Ihre Stimme so rau, Marianne Faithfull?
SZ-Magazin
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Die Sängerin über ihr neues Album, das Meditieren mit den Beatles und ihre Rolle als "Gott" in einer Serie.

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