Schauspielerin Monica Vitti wird neunzig:Tänzeln in der Krise

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Monica Vitti

Monica Vitti auf dem Weg zum Filmfestival von Venedig im Jahr 1962.

(Foto: Keystone/Getty Images)

Mit Michelangelo Antonioni schrieb sie Filmgeschichte, Alain Delon wirkte neben ihr wie ein Bub. Ein Geburtstagsgruß für Monica Vitti zum Neunzigsten.

Von Fritz Göttler

Cannes 1962 war fürchterlich, ihr erstes Festival. Michelangelo Antonioni präsentierte "L'Avventura", die Chronik einer entschwundenen Liebe, seinen ersten Film mit ihr. Der Saal war voll, und schon bei den Vorspanntiteln fingen die Zuschauer an zu lachen, an Stellen, die traurig und tragisch waren. So ging es weiter den ganzen Film lang. "Ich ging aus dem Saal und weinte wie ein Baby, all die intensive Arbeit umsonst."

Am folgenden Morgen aber fand sie im Hotel eine lange Liste mit Unterschriften, Regisseure aus Italien und anderswoher, Kritiker, Schriftsteller, und für alle war "L'Avventura" das Schönste, was sie je auf einem Festival gesehen hatten. Viele Jahrzehnte zählte "L'Avventura" dann bei allen Umfragen zu den zehn besten Werken des Kinos. Einer der Filme, sagte später Martin Scorsese, die mich am tiefsten erschütterten.

Monica Vitti, geboren als Maria Luisa Ceciarelli am 3. November 1931, studierte an der Theaterakademie in Rom, stand gern auf der Bühne, begann in den Fünfzigern mit kleinen Rollen im Kino. Antonioni lernte sie kennen, als sie die Schauspielerin Maria Luisa Mangini (alias Dorian Gray) in dessen Film "Il Grido" synchronisierte. Dann drehte sie mit ihm "L'Avventura", sie verliebten sich, die Beziehung hielt bis Ende der Sechziger. Aber anders als bei anderen großen Star-/Regie-Paaren der Filmgeschichte, Sternberg und Marlene Dietrich, Hitchcock und seiner "Vertigo"-Darstellerin Kim Novak, ist bei Antonioni/Vitti die Richtung der Impulse nicht so eindeutig, die direction. Ohne Vitti wären manche der inszenatorischen Versuchsanordnungen Antonionis an der Grenze zum Manierismus.

Aus den frühen Antonioni-Filmen hat man in Erinnerung, wie ihr dichtes rötlichblondes Haar immer wieder ins Spiel gebracht wird. Lebhaft und unablässig fährt der Wind hindurch, zu Beginn von "Liebe 62 / L'Eclisse" sogar der Luftzug eines kleinen Zimmer-Ventilators. In "Die rote Wüste / Il deserto Rosso" fährt sie sich oft nervös durch die Haare oder legt die Hand an den Kopf. Da ist sie Giuliana, eine Frau, die einen Autounfall hatte und nicht mehr rauskommt aus ihrer Verstörung. Eine Frau, die sich erneuern muss.

Giulianas Neurose, sagt Antonioni, der sicher kein Apokalyptiker ist, wird sichtbar gemacht von der modernen Industriegesellschaft. Einen Utopisten nannte ihn Barthes in einem berühmten Brief. Vitti tänzelt durch diese Krise. Einmal, als sie durch die verdreckte Industrielandschaft stromert, stößt im Hintergrund Dampf aus einem Abgasrohr einer Fabrik, giftig gelb, als wär's eine Gedankenblase in einem Comic-Strip. Antonioni fasziniert die neue Technik und die Veränderungen, die sie produziert. Ich betrachte all dies mit viel Neid, sagt Antonioni, und ich möchte schon in dieser Welt sein. Man muss die Naivität, die Kindlichkeit entdecken in diesen Filmen, sie spielen in einer Spielzeugwelt.

"Ich war die am wenigsten Schöne in unserer Familie"

"Ob ich schön bin? Ich war die am wenigsten Schöne in unserer Familie, war immer anders. Zu groß, zu dünn, und schon als kleines Mädchen trug ich eine Brille." In "Die Nacht / La Notte" hat Vitti ein langes, spielerisches, nächtliches Gespräch mit Marcello Mastroianni, der Schriftsteller ist und Eheprobleme hat und eine Schreibblockade. Sie spielt ihm auf einem schönen alten Tonband Sätze vor, die sie frei improvisiert hat. Wie ihre Finger die Knöpfe bedienen, das ist ungemein verführerisch. Er will es noch mal hören, sie dreht an einem Knopf und hat alles damit gelöscht. "Ich ging in die USA", sagt sie beiläufig, "um Julia zu sehen". Wer ist Julia? Ein Hurrikan.

In "L'eclisse" ist sie gern zögerlich, aber immer sehr viel selbstsicherer als die Männer um sie herum, auch Alain Delon, der sich als gewiefter Börsenmakler gibt, wirkt wie ein kleiner Bub. Vitti ist das neugierige Mädchen, das loszieht in die Welt, die ihr und uns so fremd vorkommt mit ihren Bauten und Gebräuchen. Die Männer, die ihr nachlaufen, Francisco Rabal und Alain Delon, stehen vor ihrem Fenster, und sie schaut auf sie herab und lässt sie nicht ein. Manchmal hat sie auch fröhliche Ausfälle, komisch und kindlich.

Sie hat in vielen italienischen Komödien gespielt, einmal auch als Gattin von Curd Jürgens und Geliebte von Jean-Louis Trintignant, in "Ein Schloss in Schweden", von Roger Vadim, nach Françoise Sagan. Da ist sie sehr betrübt, dass all ihre Liebhaber sterben, im Winter. Einen großen Spaß machte sie sich, als sie die kämpferische "Modesty Blaise" spielte - eine italienische Komödiantin verkörpert den femininen Urtyp britischer Agenten-Raffinesse, unter der Regie des eher humorlosen Joseph Losey.

Ende der Siebzigerjahre wollten die Fernsehmacher der RAI, dass Antonioni ein Remake von "L'Amore" macht, mit Monica Vitti in der Hauptrolle, die in der Originalversion von Roberto Rossellini zuvor Anna Magnani gespielt hatte, die verlassene Geliebte, die sich nach der Stimme ihres Geliebten sehnt, aber der ruft einfach nicht an. Auf ein solches Diven-Projekt hatten beide keine Lust, sie schlugen stattdessen das "Geheimnis von Oberwald" vor. Auch diesen Film hat Vitti im Griff, sie spielt eine Königin, einsam in ihrem Schloss in den Bergen, die sich ein eigenes Bild von ihrem Geliebten macht. Ihre Nervosität ist noch einmal der Motor der Geschichte.

Ein zweiter wichtiger Mann in ihrem Leben ist Roberto Russo, mit dem sie seit 1973 eine Beziehung hat. Er begann als Fotograf, drehte in den Achtzigerjahren sein Regiedebüt "Flirt" mit ihr, mit dem sie einen Berliner Bären gewann. Mit ihm als Produzent hat sie auch einmal selbst Regie geführt: für "Scandalo Segreto" bekam sie 1990 den Filmpreis David di Donatello als beste Nachwuchsregisseurin. Im Jahr 2000 heiratete das Paar, im Jahr danach zog Vitti sich zurück - sie leidet an einer Alzheimer-Krankheit, die sie seitdem aus der Öffentlichkeit fernhält.

Und so driften die Gedanken doch immer wieder zurück zu ihrer Zeit mit Antonioni, etwa wenn man La Cupola betrachtet, einen heiteren Kuppelbau aus Beton. Nach "Il deserto rosso" hatte das Paar sich dieses besondere Haus auf Sardinien errichtet, das in sich ruht wie das Kino von Vitti und Antonioni. Und doch immer in Bewegung ist, Geschlossenheit suggeriert und Offenheit zugleich.

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