"Minari" im Kino:Oh Heimat

Kinostart - 'Minari - Wo wir Wurzeln schlagen'

Youn Yuh-Jung als Großmutter Soonja (rechts) hat für "Minari" einen Oscar als beste Nebendarstellerin bekommen.

(Foto: Melissa Lukenbaugh/Prokino)

Die oscarprämierte Tragikomödie "Minari" erzählt von einer koreanischen Einwandererfamilie im Amerika der Achtzigerjahre.

Von Fritz Göttler

"Darf ich beten?", fragt der alte Ben den jungen Mr. Jacob Li. Der ist mit seiner Frau und den zwei Kindern aus Kalifornien nach Arkansas gezogen, will hier Gemüse und Salat pflanzen und mit eigener Landwirtschaft - einem "großen Garten" - für den Lebensunterhalt sorgen. Die Lis waren aus Korea in die USA gekommen, und Ben ist ganz aus dem Häuschen darüber. Er war vor vielen Jahren im Koreakrieg und holt gleich einen verkrumpelten Schein aus der Hosentasche, koreanisches Kriegsgeld, das Jacobs siebenjähriger Sohn David in sein Portemonnaie stecken darf. Amerika zu Beginn der Achtziger, Reagan verspricht, viel für die Landwirtschaft zu tun. "Darf ich beten?", fragt Paul, dann dankt er euphorisch Gott für dieses Zusammentreffen.

Paul berät Jacob und hilft ihm eifrig, mit dem Traktor, beim Anpflanzen, was das Wasser angeht für die Felder. Jacob ist stur, er will sein eigenes Wasserloch graben, sich das Geld für den Wünschelrutengänger sparen. Am Sonntag begegnet man Paul dann auf der Landstraße, wie er ein schweres Kreuz auf der Schulter schleppt. Will Paton ist Paul, er spielt ihn lebendig wie ein Schachtelteufelchen.

Die Männer werden erdrückt von der Verantwortung für die Familie

Regisseur Lee Isaac Chung verarbeitet Erinnerungen an seine Kindheit, das macht seinen Film so zart und spontan, ein Vorbild war Willa Cathers großer Roman "My Antonia". Ein Pionierfilm, in den koreanischen Immigranten ist die ursprüngliche Besiedlung Amerikas gespiegelt. Die Männer in diesem Genre sind oft erdrückt von der Verantwortung für ihre Familie, wer das nicht schafft, hält sich eine Waffe an die Schläfe und drückt ab ... Jacobs Frau Monica ist nicht glücklich über das Leben auf dem Land, in einem Mobilheim, mit Rädern, aufgebockt, in das man - keine Treppe - erst mal mühsam hineinklettern muss wie in einen Güterwagen. Unwirsch weist sie Jacobs Hand zurück, als der ihr dabei helfen will.

Beide arbeiten als chicken sexer, das heißt, sie gucken Küken auf den Hintern, um deren Geschlecht festzustellen, die männlichen kommen in den blauen, die weiblichen in den weißen Korb. Auf dem Gebäude gibt es einen Schornstein, aus dem dichter schwarzer Qualm dringt - da werden die männlichen Küken entsorgt, die zu nichts nutze sind, sie schmecken nicht und können keine Eier legen.

Kinostart - 'Minari - Wo wir Wurzeln schlagen'

Der Traum von einer Farm: Steven Yeun als Vater Jacob in "MInari".

(Foto: Melissa Lukenbaugh/Prokino)

Die Kinder, David und seine Schwester Anne, sind viel allein zu Hause. Aber dann kommt die Großmutter aus Korea, sie wird in Davids Zimmer mit einquartiert. Sie riecht nach Korea, kann keine Kekse backen, flucht und spielt Karten, mit den gleichen ausladenden Bewegungen, die man vom Männer-Poker in Hinterzimmern kennt, und sie trägt Männerunterwäsche. Yuh-jung Youn hat für diese Rolle einen Oscar gekriegt.

Die Oma will den Kindern ein Kumpel sein, aber David widersetzt sich erst mal. Einmal haben sie einen lebhaften Austausch über einen Traum, darin geht es um den Penis und ums Pinkeln. Das ist kein Penis, sagt David, sondern ein Dingdong. Die Oma pflanzt Minari, einen koreanischen Wassersellerie, an einem versteckten Wasserlauf. "Der Wind bläst, und der Minari verbeugt sich. Er sagt Danke." Eine Schlange kriecht auf einem Stamm heran, "lass sie", sagt die Großmutter. "besser, man sieht sie. Was sich versteckt, macht Angst ... und ist gefährlich".

Ratlosigkeit zeichnet oft die Gesichter in diesem Film - es will einfach nicht zusammengehen, die Familie und die Farm. Steven Yeun spielt Jacob mit einer müden Gelassenheit, man kennt ihn aus amerikanischen TV-Serien, unter anderem "The Walking Dead", und aus dem Film "Burning", 2018, von Lee Chang-dong, da war er der mysteriöse Ben, der von Zeit zu Zeit dem Drang nicht widerstehen kann, ein Gewächshaus in Brand zu setzen. Jacob kann seinen American Dream vom eigenen Garten Eden nicht loslassen, in seinem Gesicht zuckt es, als er mit Monica darüber streitet, er wendet den Blick, fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

In Amerika war J.J. Abrams, der Mann der neuen Generation von "Star Trek" und "Star Wars", ein leidenschaftlicher Fan von "Minari". Deshalb wird Lee Isaac Chung nun für Abrams ein Remake des magischen japanischen Anime-Erfolgs "Your Name" drehen, mit Schauspielern. Auch im Arkansas der Achtziger scheint eine unbekannte magische Zeit auf. Der alte Paul hat dafür schon mal einen Exorzismus parat.

Minari, 2020 - Regie, Buch: Lee Isaac Chung. Kamera: Lachlan Milne. Schnitt: Harry Yoon. Musik: Emile Mosseri. Mit: Steven Yeun, Yeri Han, Yuh-jung Youn, Alan Kim, Noel Kate Cho, Will Patton. Prokino, 115 Minuten.

© SZ/dbs
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