Mexiko-Ausstellung in Berlin:Stadt der Götter

Menschenzähne und Schlangenköpfe: Eine spektakuläre Ausstellung in Berlin zeigt Fundstücke aus der versunkenen Pyramidenstadt Teotihuacan.

Harald Eggebrecht

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Quelle: Consejo Nacional para la Cultura y las Artes - Instituto Nacional de Antropología e Historia, México

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Nichts wissen wir, wissen die Archäologen, möchte man nach dem Besuch dieser so großartigen wie Rätsel aufwerfenden Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau sagen. Was für Menschen erbauten diese gewaltige Stadt? Woher kamen sie, wohin verschwanden sie? Hatten sie eine Schrift? Immerhin fand man Zeichen und Glyphen. Wie transportierten sie die Baumaterialien für die riesigen Tempel und Prachtstraßen, ohne Tragtiere und ohne das Rad zu nutzen? Wie funktionierte die Gesellschaft? Reich und Arm gab es, die einfachen Leute wohnten in winzigen Räumen, während die Elite, Priester, Würdenträger und Krieger in prächtigen Residenzen lebte. War es ein Sklavenstaat, der mit harter Hand regiert wurde von Priesterkasten oder Alleinherrschern?

Skulptur eines maskierten Gottes Teotihuacan, Xolalpan Klassik, Xolalpan-Epoche (500-650 n. Chr.). Foto: Martirene Alcántara.

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Das, was über das altmexikanische Teotihuacan bekannt ist, stammt zuerst von den Azteken, der letzten bedeutenden Kultur Mexikos, die dann den europäischen Barbaren unter Hernando Cortez zum Opfer fiel und mit Kreuz, Feuer und Schwert niedergemacht wurde. Auf bisher nicht bekannte Weise brach im 7. Jahrhundert nach Christus die Kultur von Teotihuacan nach einem großen Brand zusammen. In der Glanzzeit im 5. und 6. Jahrhundert zählte sie mit über 160000 Einwohnern zu den größten Städten der Welt, etwa mit dem antiken Rom vergleichbar. Auch jetzt, obwohl längst Unesco-Welterbe, ist Teotihuacan wieder gefährdet, denn die rund fünfzig Kilometer entfernt liegende Metropolis Mexiko-Stadt bedroht mit rasendem Wachstum den archäologischen Bereich.

Die Sonnenpyramide vom Platz der Mondpyramide aus gesehen, Foto: Martirene Alcántara.

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Die Azteken glaubten, als sie rund achthundert Jahre nach dem Untergang die Überreste der Stadt wiederentdeckten, dass dies wohl der Platz gewesen sei, wo die Welt erschaffen wurde, sie nannten ihn Teotihuacan, "der Ort, wo die Menschen zu Göttern werden". Und sie leiteten ihre eigene Existenz und Macht von diesem auch für sie antiken Ort ab. Teotihuacan wurde der Ausgangspunkt für den Abstammungs- und Schöpfungsmythos der Azteken.

Figur des Huehueteotl, Unbekannte Herkunft, Klassische Periode (150-650 n. Chr.), Basalt, 44,6 x 38,8 x 33,8 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Dass nun über vierhundertfünfzig Exponate der Teotihuacan-Kultur auf einer Tour durch Europa nach Zürich und Paris in Berlin gelandet sind, liegt an der Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit Mexikos von Spanien und dem Jubiläum hundert Jahre Mexikanische Revolution. Viele Bruchstücke dieser Hochkultur werden wohl nach ihrer Rückkehr nie wieder das berühmte Anthropologische Nationalmuseum in Mexiko-Stadt oder die Museen in Teotihuacan verlassen. Daher ist es eine einzigartige Gelegenheit, dieser geheimnisvollen Kultur in Berlin zu begegnen.

Zoomorphes Gefäß Teotihuacan, La Ventilla, Palast B Klassische Periode, 200-550 n. Chr. Ton, Farbe, Muschel und Grünstein, Foto: Martirene Alcántara.

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Es gibt Ähnlichkeiten zwischen den Gottheiten der alten Stadt und denjenigen der Azteken: Tlaloc, Quetzalcoatl oder Huehueteotl, der sogenannte Alte Gott des Feuers, alles aztekische Namen, sind in ähnlichen Funktionen vielfältig dargestellt als Skulpturen und gemalt, auch in der immer ausdrucksvollen, kunst- und formenreichen Keramik.

Azcapotzalco, San Miguel Amantla, Klassische Periode, späte Xolalpan-Phase, 450-550 n.Chr, Ton, Stuck und Farbe, 9,7 x 16,8 x 5,6 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Die Wände von Tempeln und Palästen der Reichen und Mächtigen waren mit bemaltem Stuck überzogen. Da tanzt auf einem Wandfragment Tlaloc, der Gott des Wassers, des Sturms und der Überschwemmungen, mit einer Maisstaude in der Hand auf rotem Grund. Aus seinem Mund steigt ein Band auf, Rede oder Gesang andeutend. Das Zinnoberrot für die Wandmalerei war kostbar und wurde im Handel besorgt. Auch die gefiederte Schlange, Quetzalcoatl, windet sich auf lang gestreckter roter Stuckbahn. Die gespaltene Zunge fährt zwischen üppige Pflanzen, die typische Klapperschlangenrassel am Schwanzende hochgereckt.

Mexiko Roter Quetzalcoatl Zacuala, Portikus 2, Wandmalerei 7, Teotihuacan Klassische Periode (150-650 n. Chr.) Stuck und Farbe, 74,5 x 159,5 x 6,7 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Musik spielte bei den verschiedenen Zeremonien eine wichtige Rolle, man hat diverse Keramikflöten gefunden, darunter eine vierrohrige Flöte, die über ein Mundstück angeblasen wird. Es gab Meeresschneckentrompeten und auch welche aus Ton. Manche Pfeifen hatten Menschengestalt. Die Instrumente gehörten zu je speziellen Ritualen. Auch Ballspiele hatten Bedeutung. Figuren und Wandbilder weisen darauf hin, allerdings wurde bisher kein besonderer Ballspielplatz entdeckt.

Jaguar von Xalla Teotihuacan, Xalla Xolalpan-Metepec-Phase, 350-652 n. Chr. Stein, Stuck und Farbe 97,5 x 235,5 x 74,5 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Der schachbrettartig angelegte Stadtplan Teotihuacans wird von der 63 Meter hohen Sonnen- und 48 Meter hohen Mondpyramide beherrscht, die beide an der etwa sechzig Meter breiten "Straße der Toten" liegen. Bei Grabungen in der Mondpyramide fand man Gräber von Geopferten, Beigaben und aus Verehrung eingebrachte Masken. Einige der schönsten hatten schon die Azteken bei ihren "archäologischen" Erkundungen entdeckt und als hochverehrte Symbole der alten Vorgängerkultur nach Tenochtitlan mitgenommen und im Templo Mayor niedergelegt.

Weibliche Figur, Autobahn Mexiko-Tuxpan, östlich von Teotihuacan, 250-550 n. Chr., Ton und Farbpigmente, 9,5 x 9 x 5,5 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Die auf dem Ausstellungsplakat sichtbare Maske wurde aus geglättetem Vulkanstein gefertigt, mit Türkis- und Muschelplättchen überzogen. Das Augenweiß schimmert in Perlmutt, die Pupille flimmert von Obsidian, einem der Hauptstoffe, der für das Leben der Leute von Teotihuacan bis in alle Schichten hinein von höchster Bedeutung war. Sie stellten aus diesem vulkanischen Glas ausgezeichnete Hieb- und Stichwaffen, doch auch Gebrauchsgegenstände wie Messer und Sicheln her.

Maske aus Malinaltepec Teotihuacan und Westmexiko Guerrero, Malinaltepec Mittlere Klassik (300-550 n. Chr.), 21,6 x 20,7 x 7,9 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Der unverwandte Blick der alten Maske ist so scharf wie zu ihrer Entstehungszeit zwischen 300 und 550. Menschenopfer gehörten zu den feierlichen Riten etwa im Heiligtum des Quetzalcoatl. Der von Pfeilen getroffene Mann aus Marmor, vermutlich ein geopferter Gefangener, weist an Armen, Schenkeln und Waden deutliche Einkerbungen auf, die anzeigen, dass er gefesselt war. Die Skulptur ist die größte Menschenfigur, die bislang in Teotihuacan gefunden wurde.

Tipoteatro-Rauchergefäss Teotihuacan, 350-550 n. Chr., Ton, Glimmer und Farbpigmente, 54 x 32,7 x 24,5 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Die zähnefletschenden Jaguargottheiten, die gefiederte Schlange, nackte Gestalten mit "expressionistisch" geöffneten Mündern, in denen manchmal Zahnreihen zu sehen sind, die einschüchternde Intensität der Masken, all das weist auf eine strenge, harte Welt hin, in der Teotihuacan zur gewichtigsten Macht Mittelamerikas aufstieg, deren Wirkung bis an die Golfküste reichte. Auch die bis auf die Brust reichenden breiten Ketten aus Muschel- und Knochenplättchen, dazu echte Menschenzähne, welche die Geopferten als Zeremonialschmuck trugen, erinnern daran, dass es in den mesoamerikanischen Kulturen nicht milde zuging.

Skulptur des Herrn der Unterwelt Teotihuacan, späte Tlamimilolpa-und frühe Xolalpan-Phase, 300-550 n.Chr. Stein, Stuck, Farbpigmente, 125 x 103 x 25 cm, Foto: Martirene Alcántara.

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Zu Beginn des Rundgangs begrüßen mächtige Schlangenköpfe von der Sonnenpyramide die Besucher. Doch welchen Zeremonien genau der Riesenbau diente, der einst einen Tempel trug, weiß man nicht genau. Bisher sind erst fünf Prozent ausgegraben; der Archäologe Miguel Baez lacht und meint, das Areal biete noch für fünfhundert Jahre genug Arbeit: "Mit jeder weiteren archäologischen Kampagne werden wir wieder etwas mehr wissen als nichts."

"Teotihuacan - Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt", bis 10. Oktober im Martin-Gropius-Bau Berlin. Info: www.berlinerfestspiele.de. Katalog bei Somogy éditions d'art Paris, 35 Euro.

Skulptur in menschlicher Gestalt Teotihuacan, Mondpyramide, Grabstätte 6, ca. 250 n. Chr. Serpentin, Grünstein und Muscheln, 31 x 15,6 x 7,6 cm, Foto: Martirene Alcántara.

© sueddeutsche.de/luc
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