Kolumne "Nichts Neues":"Oh"

Tribute to Sendak

Wo die wilden Kerle malen: Christoph Niemann hörte ein Interview von Terry Gross mit Maurice Sendak - und zeichnete mit.

(Foto: Christoph Niemann/Bearbeitung: SZ)

Zum Weinen schön: Terry Gross interviewt Maurice Sendak

Von Johanna Adorján

Wie viele Radiointerviews gibt es, die Hörer zu Tränen rühren? Im September 2011 gab der große Kinderbuchautor Maurice Sendak dem amerikanischen Sender NPR ein Interview. Es war eines seiner letzten, er war 83 Jahre alt, acht Monate später würde er an den Folgen eines Schlaganfalls sterben. Die Sendung: "Fresh Air", moderiert von der großartigen Terry Gross. Es war nicht das erste Mal, dass sie Sendak interviewte, dass sie sich mochten, war nicht zu überhören. Vielleicht gab es zwischen ihnen auch eine Art grundsätzliches Einverständnis oder eine Vertrautheit, da sie beide als Nachkommen polnischer jüdischer Einwanderer in Brooklyn geboren und aufgewachsen waren.

Das Interview fand am Telefon statt. Wie so oft bei Terry Gross ging es sofort um die ganz großen Themen: Leben, Vergänglichkeit, Tod. Sendaks Stimme klang angestrengt. Er sprach von Dankbarkeit, davon, ein glücklicher alter Mann zu sein, pries die Schönheit der Welt. Doch durch seine Worte schimmerte eine unstillbare Traurigkeit, die Terry Gross taktvoll auffing.

Der deutsche Illustrator Christoph Niemann war an diesem Nachmittag in New York mit dem Auto unterwegs und hörte das Interview live im Radio. Die letzten fünf Minuten sprengen noch mal alles, was man an Mitmenschlichkeit sonst im Radio oder überhaupt je zu hören bekommt. Da unterhalten sich zwei, die sich mögen, zum letzten Mal - und wissen es, auch wenn sie es nicht sagen. Niemann hat diese letzten Minuten dann illustriert und zu einem Film gemacht, einer wunderschönen und würdevollen Verbeugung vor Maurice Sendaks Werk. Am Schluss sagt Sendak zu Terry Gross, dass er wohl vor ihr sterben werde, aber so müsse er sie wenigstens nicht vermissen. Und wer das zarte, überraschte "Oh" gehört hat, das ihr daraufhin entweicht, wird es nicht mehr vergessen.

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© SZ/mob
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