"Matthias & Maxime" im Kino:Küss mich

"Matthias & Maxime" im Kino: Gabriel D'Almeida Freitas und Xavier Dolan als "Matthias & Maxime".

Gabriel D'Almeida Freitas und Xavier Dolan als "Matthias & Maxime".

(Foto: Cinemien Filmverleih)

Xavier Dolan erzählt in seinem Kinofilm "Matthias & Maxime" von zwei Freunden, die mit ihren Gefühlen füreinander hadern.

Von Philipp Stadelmaier

Sie nervt schon ziemlich, die junge Filmemacherin, mit ihrem Jugendslang und ihren Anglizismen: Ihre Schauspieler sollten eigentlich ins Landhaus ihrer Eltern driven, um dort zu shooten, aber irgendwie kommen sie nun doch nicht. Da nun aber Matthias und Maxime, die Freunde ihres Bruders, da seien: Können nicht einfach stattdessen die beiden in ihrem Film acten, oder so?

In "Matthias & Maxime", dem neuen, bereits 2019 auf den Filmfestspielen von Cannes gezeigten Film des Kanadiers Xavier Dolan, der jetzt erst in die deutschen Kinos kommt, sollen Maxime (gespielt von Dolan selbst) und Matthias (Gabriel d'Almeida Freitas) vor der Kamera der Filmemacherin Erika einen Kuss austauschen. Ein Moment, der ein Aufwallen erotischer und romantischer Gefühle zwischen den beiden Freunden zur Folge hat. Die beiden kennen sich seit ihrer Jugend. Matthias hat eine reiche Familie und arbeitet in einer Firma; der ärmere Maxime leidet unter seiner furchtbaren Mutter und ist kurz davor, nach Australien auszuwandern.

Bevor sie die Szene drehen, erläutert Erika ihre künstlerischen Absichten. Ihr Film sei "halt so impressionistisch, aber auch expressionistisch dazu". Aber hey - im Grunde auch egal, da sie Labels ohnehin ablehnt. Dass die Filmemacherin peinlich ist, weiß auch Dolan, und er zeigt uns, dass er es weiß. So lässt er Matthias, Maxime und ihre Freunde während ihres Wochenendaufenthalts an einem kanadischen See über Erikas Sprache herziehen. Es ist die typische Angst des Künstlers, der lieber seine Figuren opfert, um selbst nicht als Idiot durchzugehen, während seine Ideen das Niveau des Idiotischen nicht verlassen.

Dolan zementiert seinen Mythos als Junggenie, indem er für seine Filme vor allem aus sich selbst schöpft

Nun spielt Erika, die nur anfangs auftaucht, für Dolan eine größere Rolle, als man meinen könnte. Denn wie sie lehnt auch Dolan jegliche "Labels" ab. Erikas Familienname ist Rivette, und als sie ihren Kurzfilm mit dem folgenreichen Kuss vorführt, vergleicht ihre Mutter sie mit "diesem Elmodóvar". Diese Anspielungen auf den Nouvelle-Vague-Filmemacher Jacques Rivette und Pedro Almodóvar sprechen für sich, sind aber ganz offensichtlich ironisch gemeint: Durch die nervige Filmemacherin distanziert sich Dolan von vermeintlichen Vorbildern, die ihm Kritiker immer wieder unterjubeln wollen.

Sicher: Wenn Matthias und Maxime für ihre Szene auf dem Sofa Platz nehmen, trägt einer rot und einer blau, als wären sie Wiedergänger von Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in Jean-Luc Godards "Pierrot le Fou". Tatsächlich hält sich Dolans Begeisterung für den ikonischen Filmemacher Godard sehr in Grenzen. Als er 2014 für "Mommy" in Cannes den Preis der Jury erhielt, ex aequo mit Godards "Adieu au langage", hatte er in seiner Dankesrede kein Wort für ihn übrig; in Interviews gab er zu, sich für Godards Kino kaum zu interessieren.

"Matthias & Maxime" im Kino: Xavier Dolan inszeniert die Gruppendynamik einer Clique.

Xavier Dolan inszeniert die Gruppendynamik einer Clique.

(Foto: Cinemien Filmverleih)

Dass Dolan keinen alten Meistern huldigt, ist erfrischend - die Kehrseite davon ist der Mythos des Junggenies, das mit neunzehn seinen ersten Film in Cannes präsentiert hat und nur aus sich selbst schöpft. Dementsprechend sind die meisten Dolan-Filme, "Mommy" inklusive, mehr oder weniger versteckte Selbstporträts des Filmemachers, der meist auch in ihnen mitspielt - so wie hier.

Dennoch ist "Matthias & Maxime" deutlich weniger selbstbezogen als die Filme zuvor. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr der von Dolan verkörperte Maxime, sondern die Gruppe von Freunden, die anfangs bei einem längeren Abendessen und später bei diversen Feierlichkeiten gefilmt werden. So ist es die Dynamik der Gemeinschaft, die dazu führt, dass die aufkeimenden Gefühle zwischen Matthias und Maxime so lange Zeit ein unausgesprochenes Geheimnis bleiben, auch zwischen den beiden Männern selbst.

Was eine ruhige, melancholische Stimmung des Abschiedsnehmens und des Zweifelns an alten Lebensentwürfen nach sich zieht. Dolan war immer groß im disproportionalen, pathetischen Aufblasen von Gefühlen. Hier nimmt er zum ersten Mal die Luft raus, verzichtet auch inszenatorisch auf seine kleinen Bravourstücke in Form von hyperästhetischen Clips, die seine früheren Werke auszeichneten. Den Kuss selbst zeigt er gar nicht, nur eine auf ihn folgende, traurige Montage von wippenden Schaukeln, ausgeblasenen Kerzen und liegen gelassenen Spielsteinen.

Neben den Freunden im Film gibt es noch eine andere Gruppe, der Dolan Tribut zollt. Ein Zwischentitel verrät, dass er den Film "für Eliza, Francis, Joel und Luca" gemacht hat. Gemeint sind, wie Dolan den Cahiers du Cinéma in einem Interview verraten hat, Eliza Hittman, Francis Lee, Joel Edgerton und Luca Guadagnino. Vier Filmemacherinnen und Filmemacher, die erfolgreiche Filme über männliche Homosexualität und homosexuelles Begehren gemacht haben. Keine erdrückenden Vorbilder, sondern beim Vornamen genannte Freunde, denen sich ein gewisser Xavier hier ganz bescheiden anschließt. Dafür verzeiht man ihm sogar seine nervige Filmstudentin.

Matthias & Maxime, Kanada 2019. Regie und Buch: Xavier Dolan. Kamera: André Turpin. Mit Dolan, Gabriel d'Ameida Freitas, Pier-Luc Funk. Cinemien, 119 Minuten. Ab 29. Juli im Kino.

© SZ/dbs
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