Auszeichnung für Maria Stepanova:Fremdes Territorium

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Auszeichnung für Maria Stepanova: Die in Moskau geborene Dichterin Maria Stepanova.

Die in Moskau geborene Dichterin Maria Stepanova.

(Foto: Lorena Sopêna/ASSOCIATED PRESS)

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geht an die russisch-jüdische Lyrikerin und Romanautorin Maria Stepanova.

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2023 wird der russisch-jüdischen Autorin Maria Stepanova verliehen. Die Lyrikerin und Essayistin, 1972 in Moskau geboren, lebt derzeit im deutschen Exil. Sie bekommt den Preis für ihren Lyrikband "Mädchen ohne Kleider", der 2022 im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Die viel gelobte Übertragung aus dem Russischen stammt von Olga Radetzkaja.

Die Jury verweist in ihrer Begründung auch auf den Lyrikband "Der Körper kehrt wieder" und den Roman "Nach dem Gedächtnis", die jeweils 2020 herauskamen. In der Begründung der Jury heißt es, Stepanova erhalte den Preis "für die Unbedingtheit, mit der sie auf der poetischen Wahrnehmung der Welt besteht. Unablösbar in der Gegenwart und in der russischen Sprache von Alexander Puschkin über Ossip Mandelstam bis Marina Zwetajewa verankert", sei ihr Werk zugleich ein Hallraum der Weltliteratur.

Sie verschränkt Familiengeschichte mit dem Stalinismus und dem Zerfall der Sowjetunion

In ihrem Zyklus "Mädchen ohne Kleider" aus dem gleichnamigen Gedichtband nehme sie den weiblichen Körper in Schutz gegen das Machtgefälle zwischen Betrachter und Objekt, so die Jury weiter. Spielerisch greife sie in der Gedichtreihe "Kleider ohne uns" auf den Formenkanon zurück und bette die Kleidung als Chiffre des Lebens in einen perfekten Sonettkranz ein.

Ähnlich wie in ihrem grandiosen Roman "Nach dem Gedächtnis", der die eigene Familiengeschichte mit dem Rückblick auf den Stalinismus und dem Zerfall der Sowjetunion verschränkt, betritt Stepanova im Zyklus "Bist du Luft" das Reich der Toten: "Ihr lyrisches Ich spricht in ein Grab hinein und verschmilzt mit der Kindheitslandschaft. In den Tiefenschichten lagern auch die Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts und die Knochen der Gefallenen."

Der Preis wird zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Abend des 26. April 2023 im Gewandhaus an Maria Stepanova verliehen. Er wird seit 1994 jährlich vergeben und ist mit 20000 Euro dotiert.

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