Russische Erinnerungen Babuschka auf den Barrikaden

Maria Stepanova wahrt in ihrem Roman die Souveränität der Toten gegenüber den Lebenden und konterkariert die russische Erinnerungspolitik. In Deutschland könnte man das missverstehen.

Von Insa Wilke

Dieses Buch ist wie ein Teppich, dem eingewebt wurde, was nicht ausgesprochen werden kann: das Zaudern, der Zweifel und das Leid. "Nach dem Gedächtnis" hat die Übersetzerin Olga Radetzkaja den "Roman" der russischen Lyrikerin und Essayistin Maria Stepanova auf Deutsch genannt. Was bedeutet dieser Titel? Dass hier jemand nach dem Ende der Erinnerung schreibt? Ruft Stepanova dieses Ende aus? Oder ist gemeint, dass die Autorin, die auch Chefredakteurin des Kulturmagazins Colta.ru ist und als Gastdozentin an der Humboldt-Universität Berlin lehrt, wie in der Malerei nach dem Gedächtnis, aus der Erinnerung die Geschichten ihrer Eltern, Groß- und Urgroßeltern aufzeichnet?

Auf Russisch heißt das Buch "Pamjati pamjati", also ungefähr "Erinnerung an die Erinnerung", was die Ambivalenz nicht auflöst, aber das Thema klärt: Maria Stepanova hat auf den Spuren ihrer Familiengeschichte einen langen Essay über das Verhältnis der Toten und der Lebenden geschrieben. Keinen Roman, und auch die Bezeichnung "Metaroman", mit der laut Klappentext das Buch Furore macht, verkompliziert die Sache nur unnötig.

Eigentlich geht Stepanova nämlich vor wie eine Naturwissenschaftlerin: Sie stellt ein Gesetz als Hypothese auf und prüft es. Das Gesetz lautet: Auch die Toten haben Rechte. Stepanova schreibt: "Der Vorwurf der Ausbeutung hängt über den Feldern der Erinnerung, den gebeugten Rücken ihrer Arbeiter und Hausgenossen, über unterirdischen Flüssen und Pfeilspitzen." Unsere Toten würden wir wie in einem "human zoo" zur Schau stellen, dabei werden wir alle einmal zur "Mehrheitsminderheit der gewesenen Menschen" gehören.

In Deutschland ist das ein Affront. Hier wurde in den 1980er-Jahren eine "Erinnerungskultur" etabliert, die weltweit Anerkennung fand. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat das gerade noch einmal unterstrichen, als er im Oktober Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis auszeichnete, und provokative Streitschriften wie "Desintegriert euch!" von Max Czollek denken diese Erinnerungskultur kritisch und radikal weiter. Der erste Impuls einer deutschen Leserin, die nichts von Schlussstrichmentalitäten hält, muss bei der Lektüre von "Nach dem Gedächtnis" also empörter Widerstand sein.

In Russland, wo "Pamjati pamjati" laut Pressezitaten mit aufgeregter Euphorie aufgenommen wurde, liegt der Fall anders. Dort scheint es ein geschickter Schachzug zu sein, einen erzählenden Essay über die kollektiven Traumata des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts mit dem großmütterlichen Motto anzufangen: "Trink ruhig, mit den Lebenden trink so viel du willst, aber nicht mit den Toten", um dann ein Buch zu schreiben, in dem sich die Autorin fast ausschließlich mit den Toten an den Tisch setzt. Die Notwendigkeit einer solchen Finte und die Brisanz dieses Buchs versteht man, wenn man parallel zu Maria Stepanovas Essay Masha Gessens grandios erzähltes Buch "Die Zukunft der Geschichte" liest und daran erinnert wird, dass das Gedächtnis in der Sowjetunion wie auch in Putins Russland auf andere Art und Weise ein Politikum ist als in Deutschland. Bei uns geht es momentan darum, die Pluralität der Erinnerung anzuerkennen und in ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis zu integrieren. Für Russland gilt, was der Schriftsteller Dogan Akhanli über die Türkei geschrieben hat: Erinnerungsverbot und kollektiver Gedächtnisverlust. Oder wie Masha Gessen es ausdrückt: "Das Sowjetregime (...) wollte die persönliche und historische Erinnerung ebenso auslöschen wie die wissenschaftliche Erforschung der Gesellschaft." Diese Situation verknüpft sich nun mit den Möglichkeiten der industriell gesteuerten Erinnerungsproduktion durch die sozialen Medien, die Maria Stepanova beunruhigen.

Kurz: Man versteht, warum sie dieses Buch so lange mit sich herumtrug und wie es sich zu seiner Hybridform auswachsen konnte. Mit zehn Jahren habe sie das erste Mal angefangen, daran zu schreiben, dann wieder im "schiefen, scheuen Alter von sechzehn Jahren", zunächst als Versuch, die Geschichten ihrer Familienmitglieder zu bergen. Denn bei "allen anderen bestand die Familie aus Protagonisten der Geschichte, bei mir nur aus ihren Untermietern". Das fand die jugendliche Stepanova ungerecht und fügt sich damit in die klassische Tradition von Geschichtserzählungen als Versuch, Ordnung in die Welt zu bringen, dem ungeheuerlichen Chaos eine Form und einen Sinn zu geben.

In diese Linie gehören die Zwischenkapitel, in denen Stepanova zum Beispiel die Geschichte ihrer Urgroßmutter Sarra Ginsburg rekonstruiert, die durchaus das Zeug zu einer Heldin der Geschichte hat: eine jüdische Frau, die 1905 an den Aufständen gegen den Zaren teilnimmt, verhaftet wird, von der Familie nach Paris zum Medizinstudium geschickt wird, von Männern umworben schließlich heiratet, den Mann früh verliert und ihre Tochter allein aufzieht, die wiederum Ärztin wird, sodass beide während des antisemitischen Staatsterrors gegen jüdische Ärzte in höchster Gefahr schweben, und die hochbetagt mit dem Satz stirbt: "Meine Liebe, ich muss nur die Augen zumachen, dann sehe ich solche Romane, das haut dich glatt um!"

Aber auch Stepanovas Tante Galja, die allein in einer mit Alltagsartefakten angefüllten Wohnung lebt und stirbt, ist eine Heldin des Alltags. Am 8. Juli 2004 schreibt sie in ihr Tagebuch, das ihrer Nichte so detailliert wie verschwiegen vorkommt: "Von früh an ein schöner sonniger Tag, kein Tropfen Regen. Morgens Kaffee mit Kondensmilch, gegen 11 zur Altajskaja. Dort war es brechend voll, ich saß lange auf einer Bank am Teich, bis 13h, habe ins Grüne und in den Himmel geschaut, in die Wolken, und gesungen dabei, wie war mir wohl!" Auch in diesen Sätzen: ein ganzer Roman. Stepanova könnte ihn auch ausführen, wie ihre bildstarke Sprache zeigt. Sie tut es aber nicht.

Diesen erzählerischen Passagen, in denen Stepanova manchmal einfach Briefe und Tagebucheinträge sprechen lässt, stehen Kapitel mit Reflexionen gegenüber. Sie bilden den Gegenpol zur Familiengeschichte. Hier hadert die Autorin mit dem Missbrauch der Vergangenheit und ihrer "Kolonisierung" durch die Lebenden. Hier macht sie oft zu viele Worte, verunklaren ihre Metaphern die Zusammenhänge eher, sodass viele Gedanken im Detail nicht überzeugen. Etwa der, "dass nur das Trauma uns aus Massenware in unverwechselbare einzigartige Wesen verwandelt", oder Setzungen wie diese: "Erinnerung wird überliefert, Geschichte wird geschrieben." Vor allem aber gilt das für ihre unausgegorenen kulturkritischen Überlegungen zur Wirkung der sozialen Medien und zur "Überproduktion visuellen Materials".

Maria Stepanova: Nach dem Gedächtnis. Roman. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 527 Seiten, 24 Euro.

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Bedeutet die Selfie-Manie tatsächlich, dass man nicht mehr sterblich ist? Ist es wirklich ein Luxus geworden, vom "Radar zu verschwinden"? Oder anders: Konnte man jemals über das "ganz sterb ich nicht" entscheiden? Ist es nicht eher so, dass die Menschen immer versucht haben, dem schieren Entsetzen über die Unvorstellbarkeit des Todes etwas entgegenzusetzen, und dass dieser Versuch nur neue Medien gefunden hat? Und haben Archive und Aufzeichnungen, Filme und Erinnerungsromane nicht eher das Gefühl dafür vertieft, wie unwiederbringlich alles Leben verloren geht. Die Trauer, der Schmerz, der Verlust und das ungeheuerliche Verschwinden der Menschen hat auch durch die Facebookavatare kein Ende gefunden.

Auch Stepanovas Nacherzählungen von wissenschaftlichen Werken wie Marianne Hirschs Theorie des "postmemory" oder ihre Beschreibungen künstlerischer Arbeiten haben nicht den inspirierenden Esprit, den Autorinnen wie Maggie Nelson oder Chris Kraus entwickeln, wenn sie ähnlich verfahren. In der Gesamtkomposition ergibt dieses wirre, sprunghafte Arrangement, dieser buchgewordene "unsystematische Zettelkasten" aber durchaus Sinn.

Es geht um den Weg, den die Autorin zwischen dem "Recht auf Erinnerung" und dem "Recht auf Vergessen" zurücklegt. Dieser Weg führt zum Ich und ordnet Stepanovas Arbeit Anne Webers und Katja Petrowskajas Spurensuchen "Ahnen" und "Vielleicht Esther" zu. Werken also, in denen es nicht nur darum geht, die Geschichten der Toten für die Gegenwart zu bergen, sondern darum, der Erzählenden einen Stand in der Gegenwart und ein Verhältnis zu ihrer Welt zu ermöglichen. Stepanova formuliert es so: "Hinfahren und nachsehen", das sei die Grand Tour einer neuen kollektiven Bewegung ihrer Generation.

Durch die Art, wie Stepanova erzählt, und durch ihren Skrupel, die Souveränität der Toten anzutasten, entzieht sie sich zugleich dem, was Max Czollek "Gedächtnistheater" nennt. Das Leid, die Erfahrung des Antisemitismus, die Konsequenzen sowjetisch bereinigter Lebensläufe, die Prägungen durch das Gefühl einer "unauslöschlichen Schande" - sie spricht all das aus und spricht es zugleich nicht aus. Ihre Skrupel und die Verbindung, die sie zu den Menschen herstellt, die sich in ihrer Fantasie "auf die Schattenseite der Geschichte geflüchtet haben", machen die Lektüre dieses Buches im Moment einer fundamentalen kulturellen Wende zu einem wichtigen Akt der Selbstreflexion. "Nach dem Gedächtnis" ist die Einladung, Maria Stepanova auf dem Gang durch die Welt der Toten zurück in die Gegenwart zu begleiten. Nicht mehr und nicht weniger.