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Serie: "Lokalrunde":"Ick weeß ja, dit is falsch, grundfalsch"

Lieblingskneipe

Bis die Stammkneipe wieder aufmacht, dauert es wohl noch ein wenig. Bis dahin erzählen Schriftstellerinnen und Schriftsteller von ihrer Lieblingsbar.

(Foto: Steffen Mackert)

Bis die Stammbar wieder aufmacht, erzählen Autorinnen und Autoren in dieser Serie Geschichten von ihrer Lieblingskneipe - diesmal trinkt Katja Lange-Müller einen Absacker mit Alice Schwarzer. Im Wedding.

Gastbeitrag von Katja Lange-Müller

Die kleine Kneipe am Ende der Straße hat zu. Sie fehlt, so wie Bars, Restaurants, die gesamte Gastronomie, Gespräche, Flirts, letzte Drinks. Zur Überbrückung haben wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller um Geschichten über ihre Lieblingslokale gebeten.

Es ist noch nicht allzu lange her, da hatte ich mich mit meiner Verlagskollegin Alice Schwarzer, die ich sehr schätze und mag, zum Essen verabredet. Wir trafen uns, weil Alice den Berliner Wedding noch nicht kannte, in einem italienischen Lokal bei mir um die Ecke. Wir bestellten je ein billiges, einfaches Nudelgericht, zumal teure, komplizierte Speisen dort eh nicht auf der Karte standen, tranken Chianti und unterhielten uns - oder versuchten es zumindest. Denn wir wurden dauernd unterbrochen von Frauen und Männern, die Alice die Hand schütteln wollten, ihr Komplimente machten, sie baten, Papierservietten oder flugs aus Agenden gerissene Blätter zu signieren.

Um 21 Uhr etwa schloss der Italiener. Da wir bester Stimmung waren, fragte mich Alice, ob wir nicht irgendwo hier noch zwei, drei "Absacker" trinken und weiterreden könnten. Das brachte mich in Verlegenheit; dies italienische Bistro (es ist mittlerweile out of order, erst aus Mangel an Kundschaft und nun wegen Corona) war das einzig zumutbare im Umfeld des Leopoldplatzes gewesen. Ansonsten gibt es in jener plebejischen Ecke des Weddings nichts als diverse Imbisse und Kneipen, womöglich die archaischsten der Stadt. - Und weil ich das wusste, Alice jedoch nicht, kam ich auf die teuflische Idee, sie in ein extrem minimalistisches Etablissement zu locken, das sehr wohl Flüssiges führt, also Bier, Schnaps, Limo und eine Sorte eines grausam süßen Fruchtschaumweins, aber auf Überflüssiges, etwa eine Topfpflanze, einen Spielautomaten oder wenigstens ein verstaubtes Plüschtier, gänzlich verzichtet.

Ich nenne den Laden, wiewohl er anders heißt, aus Gründen der Konspiration "Das kleine Versteck". In diesem schließzeitlosen Versteck, das, abgesehen von Typen wie mir, normalerweise nur feministischer Anwandlungen weitgehend unverdächtige, jedwede Zeitungslektüre verweigernde alte Trinker und reife Prostituierte besuchen - oder eher bewohnen -, würde, so spekulierte ich, niemand die berühmte Alice Schwarzer erkennen. Sie wäre, auch das hoffte ich, darob ein wenig verwundert und vielleicht sogar froh, mal eine Stunde unbehelligt zu sein. Kneipe, sagte Alice, finde sie prima; und schon waren wir drin im "Kleinen Versteck".

Alice will keinen der drei Cocktails (Sprite mit Wodka, Cola mit Wodka, Fanta mit Wodka)

Die Tresenkraft, eine üppige Person, die an jenem Abend einen feuerroten Overall trug, erstarrte bei Alices Anblick, riss die Augen unter den angeklebten Wimpern weit auf und rief mir zu: "Kneif mich, wenn die neben dir nicht Frau Schwarzer ist!" Daraufhin hoben sich die Köpfe der übrigen Gäste, die verteilt an zweien der insgesamt fünf Tische hockten. Alice mochte weder Bier noch Schnaps noch einen der drei Cocktails (Sprite mit Wodka, Cola mit Wodka, Fanta mit Wodka), die ihr die nun auch im Gesicht feuerrote Bedienung offerierte, und verlangte freundlich lächelnd ein Mineralwasser, das ihr, wenn nicht ausgerechnet sie es bestellt hätte, garantiert verweigert worden wäre. Das Glas Mineralwasser "für unsere großartige Alice", an dem zu meinem grenzenlosen Erstaunen ein Scheibchen Zitrone hing, und das Bier für mich kamen in Windeseile - und ebenso schnell waren wir, genauer Alice, umringt von der sonstigen Kundschaft, einer welken Blondine und drei ziemlich zerzausten Männern.

"Du wolltest mich testen, das konnte ich mir gleich denken"

Die Blondine schoss ein Selfie mit Alice und erzählte, dass sie seit etlichen Monaten nicht mehr anschaffen gehe. "Ick weeß ja, dit is falsch, grundfalsch. Ick wäre da gar nich erst reinjerasselt, wenn Sie schon früher mal hier aufjetaucht wären." Zwei der Männer blieben relativ schweigsam, hoben nur ab und an ihr Bier, um Alice zuzuprosten, aber der dritte, sehr betrunkene, begann zu weinen und sagte immer wieder. "Glauben Sie mir, Frau Schwarzer, ick hab meine Rita nich gehauen, bloß anjespuckt hab ick ihr." Alice nickte streng, redete dem Mann ins Gewissen, gab der Blondine einen Wodka pur aus und mir zu verstehen, dass es nun langsam spät genug sei. Beate, die Tresenkraft, boykottierte, als ich das Portemonnaie zückte, energisch meinen Versuch, zu bezahlen ("nee, nee, das nehme ich nicht, nicht von euch") und fragte dann ganz lieb, ob wir eventuell morgen wiederkämen.

Wir standen kaum draußen, da war Alice diejenige, die mich zart in die Seite kniff. "Du wolltest mich testen, das konnte ich mir gleich denken", sagte sie und fügte hinzu: "Nun sei mal nicht enttäuscht, war doch ein guter Abend."

Eine Minute später hielt ein Taxi am Straßenrand. Der Fahrer schaute Alice an, stieg aus, lief um sein Auto herum, riss die Tür auf und säuselte: "Welche Ehre. Frau Schwarzer, wohin darf ich Sie chauffieren?" Noch heute sehe ich Alice, wie sie mir durch die Scheibe des Wagens einen letzten belustigten Blick zuwirft. Ich rauchte eine und sagte mir, Donnerwetter, so viel Grandezza. Wer hätte ihr das zugetraut? Du Blindschleiche jedenfalls nicht.

© SZ vom 18.04.2020/tmh
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