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Bücher des Monats:Betty geht in Quarantäne

Die Nachkriegszeit war nur scheinbar harmlos. Im New York der Achtziger gaben chemische Drogen den Rhythmus vor. Eine Liebesgeschichte kann auch vom Alleinsein handeln. Und ein digitaler Roman greift das Coronavirus auf - das sind die besten Bücher im April.

Aus der SZ-Literaturredaktion

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Charles King - Schule der Rebellen

Bücher des Monats

Quelle: Hanser

In nahezu jedem Gespräch, in dem es um Kultur oder Kulturen geht, sind die Kriterien race, class und gender heute allgegenwärtig. Als einer ihrer Urheber gilt der deutsch-amerikanische Anthropologe Franz Boas aus Minden. Der amerikanische Historiker Charles King, der an der Georgetown University in Washington, D. C. unterrichtet, hat über die Denkschule, die Boas begründet hat, eine erzählerische Darstellung geschrieben. In "Schule der Rebellen" tauchen reihenweise Anthropologen auf, die bei Boas gelernt haben und mit ihren Studien berühmt wurden: der Linguist Edward Sapir, die Anthropologin Margaret Mead, die Schriftstellerin Zora N. Hurston. Sie alle haben gezeigt, was heute selbstverständlich ist: Um objektiv zu sein, muss sich die Wissenschaft ihrer Subjektivität bewusst werden.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Ulrich van Loyen.

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Eva Sichelschmidt - Bis wieder einer weint

Bücher des Monats

Quelle: Rowohlt

Eva Sichelschmidts Roman erzählt die Geschichte der westdeutschen Unternehmerfamilie Rautenberg über drei Jahrzehnte. Im Zuge des Wirtschaftswunders wächst die Maschinenbaufirma Rautenberg rasant, die Familie wird ernsthaft reich und steigt in die höchsten sozialen Zirkel der jungen Bundesrepublik auf. Auf den ersten Blick präsentiert sich der Roman als unschuldige Familiengeschichte, aber die Harmlosigkeit ist trügerisch: Unter der Oberfläche wirken die verdrängten Verbrechen des Nationalsozialismus weiter, sie bestimmen das Denken, die Moral und die Etikette der westdeutschen Oberschicht in der Nachkriegszeit.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Felix Stephan.

3 / 5

Scott McClanahan - Sarah

Bücher des Monats

Quelle: Ars Vivendi

Scott McClanahan lebt weder in New York noch Los Angeles, den Zentren des amerikanischen Literaturbetriebs, sondern in Beckley, einer kleinen Stadt in West Virginia. Vielleicht liegt es auch daran, dass er neben Autoren wie Tao Lin, Annie DeWitt oder Chelsea Hodson zwar zum festen Inventar der unabhängigen Literaturszene der USA gehört, ins Deutsche aber bislang noch nicht übersetzt wurde. Dafür brauchte es erst einen Clemens Setz, der McClanahans Roman "Sarah" jetzt persönlich übertragen hat. Und das ist ein großes Glück für deutsche Leser: "Sarah" ist eine Meditation über die existenzielle Verlassenheit des Menschen im Gewand einer Liebesgeschichte.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Insa Wilke.

4 / 5

Eileen Myles - Chelsea Girls

Bücher des Monats

Quelle: Matthes & Seitz

Auch Eileen Myles kommt jetzt mit einiger Verspätung nach Deutschland. In der englischsprachigen Welt gilt die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin, Performerin, Sachbuch-Autorin als zentrale Figur der queeren Avantgarde. In "Chelsea Girls" erzählt sie vom New York der Achtziger, in dem Andy Warhol, Allen Ginsberg und chemische Drogen den Rhythmus vorgaben. Schön, dass der Berliner Verlag Matthes & Seitz diese Autorin nach Deutschland bringt. Noch schöner wäre es gewesen, wenn sich die Übersetzung nicht stellenweise lesen würde, als sei Google Translate am Werk gewesen.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Juliane Liebert.

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Philip Manow - (Ent-)Demokratisierung der Demokratie

Bücher des Monats

Quelle: Suhrkamp

In seinem Buch "Die politische Ökonomie des Populismus" hat der Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow 2018 gezeigt, dass es zwei unterschiedliche Globalisierungen gibt: eine Globalisierung der Waren und eine Globalisierung der Personen. Und der Populismus, so Manow, sehe im Norden und Süden Europas so unterschiedlich aus, weil die Länder jeweils von einer anderen Globalisierung betroffen seien. Jetzt ist sein neues Buch "Die (Ent-)Demokratisierung der Demokratie" erschienen und trotz des Klammer-Wortspiels im Titel ist es wieder sehr lehrreich. Die Demokratie leide zurzeit vor allem darunter, schreibt Manow, dass sie sich immer häufiger an den Institutionen vorbei organisiere. Dadurch werde die Demokratie einerseits demokratischer, andererseits aber instabiler und unberechenbarer, und die Unsicherheit steigt. Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Jens Bisky.

Marlene Streeruwitz - So ist es nun geworden. Der Covid19 Roman

Sie hat schon bei anderen Gelegenheiten an aktuellen Ereignissen entlanggeschrieben, jetzt veröffentlicht Marlene Streeruwitz, Schriftstellerin in Österreich wieder jeden Donnerstag eine neue Folge eines Romans zur Lage. Die Hauptfigur ist eine der Autorin womöglich ähnelnde Frau namens Betty, die sich in die Quarantäne zurückzieht, wo sich Zeit und Einsamkeit albtraumartig aufwölben. Einige, wahrscheinlich imaginäre Gefährten kommen dazu. Und was aus dieser Geschichte werden soll, wissen wir alle noch nicht. Marie Schmidt beschreibt hier, welche Auswirkungen das Coronavirus auf den Literaturbetrieb hat.

© SZ.de/tmh
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