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Serie: Licht an mit Lola Randl:Zeit für Trüffel, Sauerkraut und den Liebhaber

Thalia Kinos Filmgespräch Fühlen sie sich manchmal ausgebrannt und leer Regisseurin Lola Randl *

Trüffel setzen? Kraut konservieren? Lola Randl lebt in der Uckermark.

(Foto: imago images / tagesspiegel)

Die Tage werden dunkler, die Pandemie bedrückender. Wie kommt man da durch?

Gastbeitrag von Lola Randl

Dann war es auf einmal wieder eine Stunde früher dunkel, und es war ganz klar: Wir leben in einem kleinen nordischen Land.

Die Kraniche sammeln sich in den Senken, erst waren es nur ein paar Dutzend, aber jetzt sind es schon Hunderte, die da sitzen und zetern. Als ich hier hingezogen bin, aufs Land, wusste ich erst gar nicht, woher das Gekreische kam, und eigentlich habe ich auch nicht darüber nachgedacht. Jetzt weiß ich, dass es die Kraniche sind, die sich versammeln, um in einer gemeinsamen Aktion von hier abzuhauen.

Noch fliegen sie in Gruppen von 50 oder 100 hin oder her, aber eigentlich warten sie auf den einen Sonnentag, der kommen wird, den Tag, an dem die Thermik stimmt. Sie werden es spüren, wenn es der Tag sein wird, und sie werden kreischen, etwas aufgeregter als sonst, und sie werden die anderen anstecken, und die werden auch kreischen. Und dann, kurz nach dem Mittag, wenn der Boden sich maximal erwärmt haben wird, so viel, wie er sich in diesem Herbst nie wieder erwärmen wird, dann fangen sie an.

Die ersten steigen auf und ziehen niedrige Kreise über die Gruppe der anderen. Aber das macht die anderen zu nervös, sie müssen auch aufsteigen, sie müssen alle aufsteigen, und dann spüren sie den Aufwind unter ihren Flügeln und sie wissen, diesmal werden sie nicht gleich wieder landen, um noch ein bisschen Mais zu naschen. Nein, diesmal wollen sie es wissen. In Spiralen trägt die Thermik sie hinauf, Tausende Vögel, so weit, bis man sie gar nicht mehr sehen kann, bis sogar die schwarzen Punkte verschwinden, die sie am Ende noch sind. Und dann sind sie weg.

Eigentlich sollte ich auch verreisen, denke ich, in den Süden. Zwei Wochen, vielleicht drei. Oder sogar ein paar Monate nach Indien. Aber es ist ja Pandemie. Selbst wenn man irgendwo hinkönnte, wäre dort auch Pandemie.

Mein erster Therapeut wusste, wie essenziell die Flucht ist, zumindest für uns neuzeitliche Individuen, denen ohne Flucht nur die Depression bleibt, wenn man es in die Achtsamkeit nicht schafft. Die nächste Therapeutin meinte, ich soll mich den Problemen stellen, Flucht wäre kein Ausweg. Ich überlege, ob ich in diesem Jahr mal Sauerkraut machen soll für den Winter. Die milchsaure Vergärung erhält alle Vitamine und vertreibt außerdem ungebetene Gäste aus dem Darm. Eigentlich ist es gar nicht so schlecht, dass es gar keinen Sinn mehr macht, über Flucht nachzudenken. Wobei Sauerkraut ja auch eine Flucht ist.

Unsere Kanzlerin hat gesagt, dass wenn wir jetzt alle zusammenhalten, dass wir dann ein schönes Weihnachten kriegen, im Kreise unserer Liebsten. Dabei weiß doch mittlerweile jeder, dass man so nicht erziehen soll, mit Drohungen. "Wenn du nicht brav bist, dann Hier schlimme Vorstellung einfügen."

Ich frage den Liebhaber, ob wir auf der Wiese hinter dem Liebhaberhaus Schafe halten wollen. Dann hätten wir eine gemeinsame Aufgabe. Wir könnten einen Eichenhain pflanzen und Trüffeln an den Wurzeln züchten. Wenn wir sie jetzt setzen, könnte es in fünf Jahren die ersten Trüffeln geben. Und oben grasen die Schafe. Im Herbst werden die neuen Böcke geschlachtet und die Frauen grasen und grasen und kriegen neue Kinder.

Der Mann, von dem wir die Eichenpfähle für den Zaun bekommen, sagt, dass wir aufpassen müssen, dass der Wolf die Schafe nicht holt. Er hat den Wolf gesehen, wie er mitten am Tag auf dem Feld herumlief. Die Wölfe treiben das Wild vor sich her, sagt er, und sobald der Wolf in seinem Revier ist, also im Revier vom Eichenpfahlmann, gibt es kein Reh mehr, kein Wildschwein, nichts. Nicht einmal einen Hasen sieht man dann, sagt er. Alle sind vor dem Wolf geflüchtet. Und wer Angst hat, hat auch Hunger, und deswegen frisst das Wild jetzt alles ab. So kleine Kiefernsetzlinge, zeigt er mit der Hand, alles weggefressen, das sind alles Wolfsschäden. Aber vor dem Virus hat er keine Angst, symptomfrei erkrankt, was soll das denn sein?

Jedoch die Schweinepest macht ihm schon Sorgen, Wildschwein verkauft er jetzt für einen Euro das Kilo. Die Afrikanische Schweinepest trat in Deutschland das erste Mal im September 2020 auf, lese ich später im Internet, wo ich eigentlich Trüffelsporen bestellen wollte. Sie ist eine Viruserkrankung, die von Tier zu Tier übertragen wird. Das Tier fühlt sich dann angeschlagen, erschöpft, bekommt Fieber, Husten, Blut tritt aus After und Nase, nach weniger als 48 Stunden ist das Tier tot, die Sterblichkeit liegt bei hundert Prozent.

Also wenn, dann kauf ich keine Trüffelsporen, sondern einen mit Trüffeln geimpften Baumsetzling. Die Trüffel ist ein Pilz und lebt ausschließlich mit der Wurzel eines Baumes oder Strauches zusammen. Die Trüffel gibt der Wurzel Salz und Wasser und die Wurzel der Trüffel aus Licht umgewandelte Energie. Die beiden können ohneeinander nicht leben und hinterfragen das auch weiter nicht.

Kontaktbeschränkung, die Welt hat geschlossen, und das im November. Wie also kommen wir ans Licht? In der SZ-Serie "Licht an" finden Sie persönliche Geschichten aus dem Herbst 2020.

  • Wir müssen da durch

    Ein paar Empfehlungen für diese Tage. Auch Bücher. Auch solche, die wenig mit Literatur zu tun haben. Das ist hier nicht der Bachmannpreis.

  • Eva Sichelschmidt, Licht an. Der große Schlaf

    "Ich war's nicht, Corona ist es gewesen", dies ist mein Mantra. Es ist, als hätte das Virus alle Schuldgefühle endlich ausgelöscht. Mein Dasein als Sorgenstaubsauger hat ein Ende.

  • Joachim Lottmann Lockdown Corona Wien Zeit der Zärtlichkeit

    Endlich ist Schluss mit den Lockerungen, in Wien ist alles wieder still. Dazu die Kälte. Schön. So kommt der Mensch zu sich. Über den Lockdown in der österreichischen Hauptstadt.

  • Thalia Kinos Filmgespräch Fühlen sie sich manchmal ausgebrannt und leer Regisseurin Lola Randl * Zeit für Trüffel, Sauerkraut und den Liebhaber

    Die Tage werden dunkler, die Pandemie bedrückender. Wie kommt man da durch?

  • Lutz Seiler Corona Licht an Es rauscht im Kieferngewölbe

    Was hilft durch die düstere, bedrückende Zeit der Pandemie? Gespräche auf Bänken mit Stulle und Thermoskanne - und Selbstgespräche unter Bäumen.

  • 'GOLIATH96' Premiere In Hamburg; Katja Riemann Man will nicht allein sein

    Grüner Tee am Morgen, Pfefferminztee am Abend und dort in Kontakt gehen, wo es möglich ist. Und es hilft in diesen Zeiten, mit vielen Mitbewohnern unterschiedlicher Herkunft zusammenzuwohnen.

  • Eva Menasse, österreichische Autorin; Eva Menasse Solange wir leben, bleibt das Beste immer möglich

    Ja, es kommen dunkle Wochen. Aber anstelle von weihnachtlichem Warenkapitalismus könnte es eine Zeit für das Detail sein, für die Überraschung. Und für die Dankbarkeit.

Die Pilze haben ein weltumspannendes Mycel, und ihre Sporen fliegen kilometerweit. Sie stehen in ständigem Austausch miteinander und nur ganz ab und zu durchbrechen ihre Früchte den Waldboden und strecken ihren Hut in die Atmosphäre. Der Liebhaber sagt, dass er schlechte Laune hat, wegen der ganzen Sache mit dem Virus, dabei will er sowieso nirgends hin, er ist ja schon hierher geflohen. Er sagt dem Jäger, dass die Leute aus der Stadt den Wolf so lieben, weil sie die Natur lieben, aber der Jäger sagt, es gäbe hier keine Natur, es gäbe nur Kultur.

Mir ist das jetzt egal, ich gehe zu der Frau, die immer Gemüse aus Polen holt, und frage nach Weißkohl. Ich brauche: 8 Kilo Weißkohl, 160g Salz, Lorbeer, Kümmel, Wacholder und einen Gärtopf 10 Liter, mehr nicht. Die Milchsäurebakterien kommen ganz natürlich auf Obst, in Gemüse und einer gesunden Darmflora vor.

Lola Randl, geboren 1980, ist Regisseurin und Schriftstellerin. Sie lebt in der Uckermark und hat im Herbst ihren zweiten Roman "Die Krone der Schöpfung" veröffentlicht.

© SZ vom 14.11.2020/khil
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