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"Die Krone der Schöpfung":Menschen, Viren, Zombies

Definitorisch gelifteter Alltag: Lola Randl läutet die zweite Welle der Corona-Literatur ein.

Von Gustav Seibt

"Wenn Sie das hier lesen", so beginnt Lola Randl ihren kleinen Traktat-Roman zur aktuellen Pandemie, "wird das Gröbste schon vorbei sein. Vielleicht wird es aber auch noch kommen", schiebt sie sogleich hinterher. Und ganz am Ende heißt es: "Die Erzählerin kann sich an keinen Moment erinnern, an dem die Welt sich in einem ähnlich ungewissen Zustand befunden hätte."

Das klingt zwar etwas hyperbolisch, aber es ist erst einmal eine Feststellung nur für einen bestimmten Beobachterstandpunkt: deutsche Frau aus der kreativen Klasse in den besten Jahren mit einem Haus auf dem Land in der Uckermark. Direkte Erfahrungen des Krieges beispielsweise sind hier nicht mehr abrufbar. Es geht um heutige Erlebnisse in einem überschaubaren Generationen- und Gesellschaftsrahmen. Dieser ist aus Randls letztjährigem Vorgängerbuch "Der große Garten" bekannt und wird hier vorausgesetzt.

Und für dieses saturierte Umfeld kann man schon feststellen, dass die Erzählerin mit ihrer Ungewissheitsdiagnose kaum übertreibt. Darum ja auch die Meinungskriege und Verschwörungstheorien in den Netzen, auf den Straßen und Plätzen. Da so eine Pandemie sich hinzieht, kommen die Konflikte auch nicht rasch zur Entscheidung, anders als beispielsweise 1989/90. Damals sorgten die sich überstürzenden Ereignisse schnell für Klarheit, ob sie nun gefiel oder nicht.

So eine Pandemie zieht sich hin, da kommen Konflikte auch nicht rasch zur Entscheidung

Kaum überraschend hat die ungewohnte Erfahrung der Ungewissheit im Frühjahr erst einmal das Genre das Tagebuchs befeuert. Autorinnen und Leser frästen sich im vernebelten Zeitstrom gemeinsam voran, sie teilten Wahrnehmungen, Gefühle, Zweifel, mit dem Risiko, schon nach wenigen Wochen widerlegt und blamiert zu sein. Kitsch drohte nicht nur, er musste von der Literaturkritik sofort zurückgepfiffen werden. Alles wird Zeugnis, mag man abwiegeln. Aber inzwischen ist doch die Frage, ob ein Zeitungsarchiv nicht genauso gute Dienste leistet.

Lola Randl bei der Premiere von Die Erfindung der Liebe am 29 04 2014 im Odeon Lichtspieltheater in

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Lola Randl.

(Foto: imago/Lumma Foto)

Randl, die Systematikerin unter den Nature-Writerinnen, vermeidet solche Fallstricke. Wenn die Tagebücher die erste Welle der Pandemieverarbeitung darstellten, dann hat sich Randl jetzt passgenau in der zweiten Welle positioniert. Auch ihr Büchlein lebt von tagesaktueller Erfahrung, bildet diese aber nicht mehr 1:1 ab, sondern immerhin schon im Maßstab 1:1,5.

Das gelingt ihr, indem sie sich den Phänomenen definitorisch nähert. "Eine Herde ist eine größere Ansammlung von gleichartigen Landwirbeltieren, die durch den Herdentrieb zusammengehalten werden. Herdentiere gehen davon aus, dass sie als Herde besser aufgestellt ...", na ja, und so weiter. Denn, hehe, das oder der Virus macht sich solchen Herdenzusammenhalt zunutze: "Viele gleichartige Wesen auf engem Raum sind für ihn die ideale Voraussetzung. Ein Virus, das auf eine Herde trifft, hat ein leichtes Spiel, denn in diesem Fall wird die Herde von ihrem Gefühl von Sicherheit getäuscht und ist dem Virus schutzlos ausgeliefert."

Randl fasst in solchen Betrachtungen den kollektiven Lernprozess der letzten Monate noch einmal zusammen. Die Unterlage der knapp vermiedenen Tagebuchform schimmert überall durch, doch liegt der Beobachterstandpunkt inzwischen halt nicht einen, sondern fünf Meter über dem Erdboden. Randl muss gespürt haben, dass das nicht ausreicht, um Interesse zu wecken. Daher hat sie den pandemischen Alltag der Erzählerin nicht nur mit allerlei persönlichen Umständen angereichert. Sie lebt auf dem Dorf, hat einen Mann und einen Liebhaber, renoviert an einem Haus herum, hat Kinder und Homeschooling-Stress. Außerdem arbeitet sie als Drehbuchautorin, der ein Projekt wegbricht, sodass sie sich ein neues ausdenken muss. Naheliegenderweise verfällt sie auf eine Zombie-Serie, die als kleine Nebengeschichte durch den definitorisch gelifteten Alltag läuft. Die spannungsarme uckermärkische Lebenswelt wird mit einem Hauch von "Dead Men Walking", nun ja, belebt.

Lola Randl: Die Krone der Schöpfung. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 220 Seiten, 18 Euro.

Das korrespondiert insofern mit dem Hauptstrang, als die Erzählerin sich auf einem Filmfestival gerade noch rechtzeitig infiziert hat (Zungenkuss), sodass sie zur Gefahrenträgerin im ländlichen Nicht-Idyll wird. Der Verlauf bleibt aber "mild", das Grellheitspotenzial der Geschichte ist ja schon in die Zombie-Geschichte ausgelagert.

Wer ist denn nun die Krone der Schöpfung? Mensch, Ameise oder doch das Virus?

Die Natur, in der literarischen Tradition bergender Zufluchtsort für Gesundheit und Behagen - siehe Boccaccio -, erscheint in Randls systematisiertem Zugriff als hämischer Mechanismus, in dem Viren, Keime, Parasiten, Fäulnis aufs Raffinierteste ihre Wege gehen. Der "kleine Leberegel" zum Beispiel lebt erst einmal im Schneckenschleim; dort finden Ameisen dermaßen Gefallen an ihm (der Schleim schmeckt so süß), dass sie euphorisiert auf Grashalmen hochkrabbeln, wo sie von Schafen gefressen werden. In deren Gallengängen nämlich fühlen sich die Leberegel am wohlsten.

Arbeitet das Coronavirus nicht ganz ähnlich, wenn es in den befallenen Menschen eine unwiderstehliche Lust auf Zungenküsse erweckt? Sind die Kamikaze-Ameisen nicht Schwestern der partylustigen Kamikaze-Herden, die uns gerade so viel Sorgen machen? Wer ist nun die Krone der Schöpfung? Mensch, Ameise oder doch Virus und Leberegel?

Das Buch hat hinten ein Register, sodass man nicht mal linear lesen muss, sondern sich zwischen "Verschwörung" und "Virologen" eigene Wege suchen kann. Die lustigste und keineswegs unsympathischste Gestalt ist der "Präsident" (auch er ohne Namen, weil systematischer Zugriff), in den sich die Erzählerin immer wieder nicht ohne Wohlwollen hineinversetzt. Er liegt auf seinem riesenhaften Kinderbett vor den Fernsehern und kommuniziert via Twitter mit der Welt. "Es kann so einfach sein", der Werbespruch des Landes Brandenburg scheint auch sein Motto zu sein. Dummerweise infiziert er sich kurz vor der Wahl. So viel prognostische Hellsicht hatte Lola Randl also schon vor ein paar Monaten.

© SZ vom 22.10.2020

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