"Aphelion" von Leprous:Hart mutig

"Aphelion" von Leprous: Riecht fast nach Taylor Swifts Cardigan: Die norwegische Band "Leprous" mit Bandchef Einar Solberg (2. von rechts).

Riecht fast nach Taylor Swifts Cardigan: Die norwegische Band "Leprous" mit Bandchef Einar Solberg (2. von rechts).

(Foto: Insideout Music)

Die Metal-Band "Leprous" hat mit ihrem neuen Album endgültig zum, nun, man muss es so sagen: Pop gefunden. Gut so.

Von Nicolas Freund

Diese Kritik fängt mit einer Selbstkritik an, denn alleine ihre Existenz bestätigt natürlich das Vorurteil: So lange eine tolle Band die Gitarren bis an die Schmerzgrenze verzerrt und dazu herumbrüllt, kommt sie im Feuilleton nicht vor oder nur als Witz. Wenn sie aber anfangen, verschwurbelt herumzuexperimentieren, voilà!

Wobei sich natürlich gleich die Frage anschließen muss, und damit wären wir dann auch schon bei "Aphelion", dem neuen Album der norwegischen Band Leprous, die gerade neben den englischen Kollegen von Haken als sehr heißes Ding im anspruchsvolleren Metal gehandelt werden, ob das überhaupt noch Metal ist, was sie da, teilweise im engen Austausch mit Fans, im Lockdown aufgenommen haben?

Kurzantwort: nein. In länger geht die Geschichte so: Wie der etwas pubertäre Bandname und die frühen Cover mit Knochen und Kiffermotiven schon erahnen lassen, fing die Band tief im norwegischen Metal-Underground an, der aber schon immer eine sehr experimentelle Subkultur pflegte. Bands wie Enslaved mischten etwa den fiesen, provokanten Black Metal mit 70er-Prog-Rock und abonnierten damit auf Jahre hinaus den Spellemannprisen, den norwegischen Grammy. Shining mixten Jazz und Metal so geschickt, dass die Band einfach in beiden Genres unterwegs war. Gutes Umfeld also für eine Band, die Ambitionen abseits möglichst harter Gitarren entwickelt.

Auf dem Höhepunkt ihrer Metal-Adoleszenz war das Ganze teilweise sogar tanzbar

Aber längst kein Selbstläufer. Die Band war tief in der Prog- und Metal-Szene verwurzelt, die ja durchaus Erwartungen an ihre Künstler hat. Die alten Alben klingen entsprechend, sind sehr hörenswert, in Teilen stark von Tool beeinflusst und auf dem Höhepunkt ihrer Metal-Adoleszenz war das Ganze teilweise sogar tanzbar ("The Price" vom Album "The Congregation"). Dass Bandchef Einar Solberg dazu meist am Keyboard vorne an der Bühne steht - im auf Gitarrenhelden fixierten Metal fast schon eine Provokation -, zeigt allerdings auch, dass das Konzept schon früh offen angelegt war.

Ganz zu sich gefunden hat der frühe Leprous-Stil dann auf dem Album "Malina" (2017), das man jetzt, wo die Zeit gewirkt hat, ohne Übertreibung als eines der besten Progressive-Rock-Alben aller Zeiten bezeichnen muss. Wenn Muse Metal machen würden, klänge das womöglich so. Damals kam zu den schon immer ins kleinste Detail ausgefeilten Leprous-Songs noch die Dringlichkeit, die nichts an den sehr, sehr durchdachten Songs konstruiert wirken ließ.

"Aphelion" von Leprous: undefined

Das bekamen sie auf dem Nachfolger "Pitfalls" nicht mehr ganz so überzeugend hin, und auch das neue Album mit dem etwas verkopften Titel "Aphelion" (Insideout Music) wirkt manchmal wie vom Reißbrett. Dafür hat sich die Band getraut, den Metal fast komplett wegzulassen.

Auf den aktuellen Promo-Fotos posiert die Band denn auch gleich vor einer rustikalen Holzwand. Vielleicht einfach die Terrasse in dem kleinen Häuschen am Meer, in dem sie das Album aufgenommen haben. Aber es riecht doch etwas nach Taylor Swifts "Cardigan".

Was verrät es nun also über den Metal, wenn Leprous ihre spannendsten Alben aufgenommen haben, nachdem sie die gröbere Härte zugunsten von Rock- und Pop-Elemente zurückgefahren haben? Eigentlich nur Gutes. Selten hat eine Band den Wechsel vom Metal in den Pop so selbstbewusst und natürlich vollzogen wie Leprous mit ihrem neuen Album "Aphelion". Die Gitarren werden, wie schon auf den vorherigen Alben angedeutet, fast zum reinen Rhythmusinstrument. Der Gesang übernimmt die Melodieführung. Noch immer hört man die harten Wurzeln in den Songstrukturen und ein paar Einsprengseln, aber die werden jedes Mal unterlaufen durch die hohe und vielseitige Stimme von Einar Solberg, durch Synthesizer und gesäuselte Vocals, wie von Taylor Swift oder Lana Del Rey. Das Mutigste, was die Band bislang gemacht hat.

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