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Kulturwirtschaft und Coronavirus:"Wir brauchen jeden Cent"

Coronavirus - Berlin

Passanten stehen vor dem Alten Museum in Berlin. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schließt wegen des Coronavirus ab Samstag bis auf weiteres sämtliche Standorte.

(Foto: dpa)

Allein die Berliner Bühnen verlieren bei einer Schließung etwa 15 Millionen Euro im Monat. Berlins Kultursenator Klaus Lederer über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kultur und seine Forderungen an den Bund.

Immer mehr Städte schränken den Betrieb ihrer Theater und Museen ein, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Als einer der Ersten hat Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Donnerstag die Schließung aller Kultureinrichtungen in seinem Verantwortungsbereich angeordnet.

SZ: Herr Lederer, am Dienstag haben Sie entschieden, dass Theatervorstellungen mit mehr als 500 Besuchern abgesagt werden. Weshalb haben Sie sich zwei Tage später mit allen vom Land Berlin getragenen Museen, Konzerthäusern, Bibliotheken, Opern und Theatern darauf verständigt, den Publikumsbetrieb für die kommenden fünf Wochen komplett einzustellen?

Klaus Lederer: Wir orientieren uns bei allen Entscheidungen strikt an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Ausbreitung der Pandemie in einer Geschwindigkeit vor sich geht, die solche Maßnahmen notwendig macht. Das ist schmerzhaft für uns alle. Theater und Opern können ihre Premieren und Vorstellungen nicht zeigen, die Schaubühne hat das Find-Festival abgesagt, Ausstellungen, die mit viel Aufwand und Mühe organisiert wurden, müssen schließen. So eine Entscheidung fällt niemandem leicht. Kultur ist ein Lebensmittel, das diese Gesellschaft und jeder Einzelne von uns braucht. Aber es gibt Situationen, in denen man sehr deutlich andere Prioritäten setzen muss.

Hatten die Intendanten und Museumsleiter Vorbehalte gegen Ihre Entscheidung?

Es gab Traurigkeit, auch bei mir selbst, aber keine Einwände. Alle Verantwortlichen bei den Berliner Bühnen und Museen waren sich einig, dass dieser Schritt unausweichlich ist. Ich kann mich bei ihnen nur für ihr Verständnis und ihre Solidarität bedanken, auch für die Kreativität, mit der sie auf diese Situation reagieren. Die Staatsoper zum Beispiel hat am Donnerstag eine Aufführung live im Internet übertragen, das HAU zeigt Veranstaltungen im Livestream.

Versprechen Sie sich von Ihrer Entscheidung auch eine Signalwirkung in die Gesellschaft?

Es handelt sich mit Sicherheit nicht um eine leichte Grippewelle. Wir haben weder Impfstoffe noch Medikamente. Nach Aussage der Experten aus dem Gesundheitswesen fehlen bei einer schnellen Ausbreitung der Krankheit die notwendigen Kapazitäten in der Intensivmedizin. Das bedeutet im Extremfall, dass Ärzte in die Lage kommen können, entscheiden zu müssen, welche Patienten die lebensnotwendige Behandlung erhalten, und welchen sie versagt wird. Deshalb muss jetzt alles unternommen werden, um Ansteckungsgefahren so weit wie möglich zu reduzieren. Das bedeutet auch, Orte zu schließen, an denen Menschen einander begegnen. Theater, Konzerte, Museen und Bibliotheken sind solche Orte.

Allein die Berliner Bühnen verlieren bei einer Schließung Einnahmen von etwa 15 Millionen Euro im Monat. Zu den Theatern kommen jetzt die Museen und Gedenkstätten. Wollen Sie die Einnahmeverluste kompensieren oder die Häuser auf einem Defizit sitzen lassen?

Das muss kompensiert werden, das sind wir den Kulturinstitutionen schuldig. Wir sind jetzt schon im Modus vorsorgender Haushaltspolitik und vermeiden alle nicht unmittelbar zwingend notwendigen Ausgaben. Wir werden jeden Cent brauchen. Wir können noch gar nicht abschätzen, wie groß die finanziellen Einschnitte für die Kulturszene sein werden. Niemand weiß heute, ob wir in fünf Wochen zum regulären Spielbetrieb zurückkehren können. Es geht auch nicht nur um die fehlenden Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Es entstehen unter Umständen Schadenersatzpflichten bei Absagen. Die Cafés und Shops in den Einrichtungen sind betroffen, auch die gesamte freie Szene, Musiker, die auf Auftritte angewiesen sind, Schauspieler, die von der Abendgage leben. Viele Guides in den Museen und Gedenkstätten sind Freiberufler, die jetzt ihr Einkommen verlieren. Ich bekomme Anrufe von Leuten, die nicht wissen, wie sie im nächsten Monat ihre Miete zahlen sollen. Niemand weiß im Augenblick, welche Folgen die Krise zum Beispiel für Off-Kinos, Konzertveranstalter, Lesebühnen, Clubs und die Soziokultur hat und wie sie ihre wegbrechenden Einnahmen auffangen sollen.

Mit anderen Worten: Es wird teuer?

Selbst wenn wir bis an die Grenze des finanziell Möglichen und haushaltsrechtlich Zulässigen gehen, können wir das nicht stemmen, und ganz sicher nicht allein aus dem Berliner Kulturetat. Wir sind schon überfordert von dem, was wir unbedingt leisten müssen, etwa um landeseigene Einrichtungen zu stabilisieren. Ich sehe angesichts der existenziellen Bedrohung, der viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler ausgesetzt sind, wirklich drängenden Handlungsbedarf. Ich habe darauf bis heute keine Antwort. Aber keine Kommune und kein Land kann das alleine auffangen. Es ist absolut notwendig, dass der Bund jetzt möglichst schnell Instrumente und Mittel zur Verfügung stellt, die auch individuelle Hilfen ermöglichen. Das wird mit Sicherheit ein Thema der Kulturministerkonferenz sein. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat erklärt, dass sich Künstler und Kulturinstitutionen darauf verlassen können, dass wir sie nicht im Stich lassen. Ich kann nur drei Ausrufezeichen hinter jeden Satz der Ministerin machen: Genau so ist es.

Aber möglicherweise hat dieses Land in drei, vier Wochen ganz andere Probleme als die Finanznöte geschlossener Theater und arbeitsloser Schauspieler?

Wir haben die Verpflichtung, die kulturelle Infrastruktur dieses Landes zu schützen, und nicht nur, weil sie in Berlin auch ein Wirtschaftsfaktor ist. Die Pandemie hat auch eine soziale Komponente. Sie trifft Menschen in prekären Verhältnissen in besonderer Weise, auch freiberufliche Künstlerinnen und Künstler, denen von heute auf morgen ihr Einkommen wegbricht. Soziale Härte und Missachtung gegenüber den ohnehin Verwundbaren ist ganz sicher kein guter Weg durch diese Krise. In der Finanzkrise 2008 wurden in wenigen Tagen enorme Mittel, Billionen Euro, für die Rettung der Banken zur Verfügung gestellt. Wenn wir Banken und Gewerbe retten, müssen wir auch die für das Existieren eines demokratischen Gemeinwesens unverzichtbare Kulturlandschaft retten.

Wie geht es nach der vorläufigen Schließung der Bühnen und Museen bis zum 19. April weiter?

Wir sind in einer Situation, in der die Maßnahmen täglich angepasst werden, um die Ausbreitung der Pandemie zu hemmen. Wir wissen nicht, wie lange diese Krise andauern wird. Wir können nicht absehen, wann sich die Lage entspannt und man beginnen kann, das öffentliche kulturelle Leben langsam wieder hochzufahren.

© SZ vom 14.03.2020/luch
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