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"Land des Honigs" im Kino:Von Mund zu Mund

Land des Honigs

Imkern ohne Handschuhe: Hatidze und die Bienen.

(Foto: Neue Visionen)

"Land des Honigs": Ein eindrucksvoller Film über das Leben in der Natur mit den Bienen.

Sie trägt, wenn sie loszieht zum Honigsammeln, nur selten Maske und keine Handschuhe, braucht keinen Schutz vor den fröhlich wuselnden Bienen. Mit behutsamen Bewegungen holt sie die Waben aus den Felsenritzen, an den steilen, schwer zugänglichen Hängen des Gebirges in Nordmazedonien. Halbe-Halbe macht Hatidze mit den Bienen, sie lässt ihnen die Hälfte des von ihnen produzierten Honigs, und der, den sie mit hinunter nimmt und verkauft auf dem Markt in Skopje, ist besonders intensiv und gut. Ein Film der Selbstgenügsamkeit.

Hatidze muss früh los, auf schmalen Pfaden, durch widerspenstiges Gebüsch, ohne Sicherung, und die Filmemacher Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska bleiben dicht dran mit ihrem Team, Kamera- und Tonmann, sie schmiegen sich an die schmalen Vorsprünge, und immer ist in ihren Bildern die Wendigkeit Hatidzes ausbalanciert mit der Weite und Leere und Schönheit dieses Landes. Keine Sekunde kommt einem, wenn man diesen Film sieht, die übliche allzu kluge Unterscheidung zwischen Dokumentar- und Erzählfilm in den Sinn. Nirgendwo ist hier das Erzählen vom Erzählten abgesondert, dem Leben Hatidzes und ihrer Mutter. Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, schrieb Walter Benjamin, ist die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben. Das ist die Zukunft des Kinos, sagt Tamara Kotevska: Fiktion, die wie Dokumentation, Dokumentation, die wie Fiktion aussieht.

Hatidzes Hemd hat die Farbe der Sonnenblumen. Honigfarben ist dafür das Licht der Dämmerung. Schwarz wie die Nacht ist es in der Hütte, wo die Frauen leben. Das Dorf drumherum ist verlassen, es gibt keine Elektrizität, keine Straßen, kein fließend Wasser. Die Mutter sieht nichts mehr und wälzt sich auf dem Bett herum. Ich werde nicht sterben, darauf beharrt sie. Mit Vergnügen mampft sie eine Banane, die Hatidze aus Skopje mitbrachte.

Es ist kein Film mit einer Öko-Botschaft, kein simpler "Rettet die Bienen"-Beitrag zur aktuellen Stimmungslage

Ein halbes Jahr hatten Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska sich kundig gemacht über Hatidze, hundert Tage haben sie gedreht, verteilt über drei Jahre, manchmal arbeiteten sie getrennt, mit jeweils einem der beiden Kameraleute. Mit einem besonders geländetauglichen Fahrzeug kamen sie immer wieder, übernachteten in Zelten. Den türkischen Dialekt, der in dieser Gegend gesprochen wird, verstanden sie nicht, die erste Schnittfassung fertigten sie allein auf Grund der Körpersprache der Personen. Der fertige Film wurde beim Sundance-Festival ausgezeichnet und ist Nordmazedoniens Beitrag für den Oscar.

Zwei Frauen allein, in Freiheit und Unabhängigkeit. Dann kommt ein Mann, Hussein, ein Nomade. Ein Vater, seine Frau, sieben Kinder, ein Campingwagen, eine Rinderherde. Mit ihm kommt das Patriarchat in die Fraueneinsamkeit. Es wird laut, die Kinder spielen und toben am Fluss, sie rutschen aus im Dreck, aber Hatidze kommt gut mit ihnen aus. Der Mann will auch ins Honiggeschäft, ohne Halbe-Halbe aber. Die Händler aus der Stadt blättern ihm Scheine in die Hand, sie wollen immer mehr. Wir verurteilen ihn nicht, sagen die Filmemacher, es ist das System, das wir verurteilen. Einen der Jungen zieht es zu Hatidze, er lässt sich zeigen, wie sie das macht mit den Bienen. Erfahrung, die von Mund zu Mund geht ... Es ist kein Film mit einer Öko-Botschaft, kein simpler "Rettet die Bienen"-Beitrag, zur aktuellen Stimmungslage. Gesellschaft und Natur sind in komplexer Balance. Und Hatidze ist fröhlich extrovertiert. Nicht sie haben mich gefunden, sagt sie von den Filmemachern, ich habe sie gefunden. Ein Film der Selbstgenügsamkeit.

Honeyland, Nordmazedonien 2019 - Regie und Buch: Ljubomir Stefanov, Tamara Kotevska. Kamera: Fejmi Daut, Samir Ljuma. Schnitt: Atanas Georgiev. Ton: Rana Eid. Musik: Foltin. Mit: Hatidze Muratova, Nazife Muratova, Hussein Sam. Neue Visionen, 85 Minuten.

© SZ vom 21.11.2019
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