Kurdische Kampflieder "Geh zur Hölle!"

Als er zu seinem Tisch ging - Youtube vergisst nichts - riefen die auserwählten Gäste, Damen in Abendtoilette: Buuuh. "Geh zur Hölle!" - "So was wie Kurden gibt's nicht!" - Es flogen Gabeln, Messer, Gläser. Die Gäste stimmten ein Marschlied von 1933 an: "Türken nach vorne . . ."

Ahmet Kaya und seine Frau Gülten flohen aus dem Bankettsaal. "Schäm dich, Süßer" titelte Hürriyet, das Blatt der Massen. Will heißen: Süßer, schlitz dir gern mal die Adern auf. Einige Jahre davor hatte das Blatt der Massen Ahmet Kaya noch zum Künstler des Jahres erkoren. Die Staatsanwaltschaft forderte nun wegen Hochverrats dreizehneinhalb Jahre Haft.

Ahmet Kaya war berühmt geworden, weil er nach dem Putsch von 1980, als das Land in eine Schockstarre versank, eine neue Sprache fand für das, worum es immer geht, wenn einer wirklich singt: Angst, Hoffnung, Liebe. Es gab damals einen sehr berühmten Sänger, Orhan Gencebay, dessen Motto war: "Diese Welt soll untergehen". Die hochbegabte Diva Sezen Aksu sang ihrerseits über "verlorene Jahre" und einen Ex, der nun bitte schweigen soll.

Ahmet Kaya, der Mann mit dem ostanatolischen Akzent und der unerhört rauen, seltsam angenehmen Art, Saz zu spielen, sang über den Alltag im Bürgerkrieg.

Die Möwen weinten auf Müllbergen

Wir lächelten uns zu

Bomben fielen auf Städte, jede Nacht

Wir liebten uns, unentwegt

Der Herbst tröpfelte auf unsere Dächer

Wir verblassten, du und ich

Damit sich diese dreckigen Gesichter erhellten

Kämpften wir, unentwegt

Ahmet Kaya liegt am Père Lachaise. Vor einem Jahr verlieh ihm Staatspräsident Gül posthum den Großen Kultur- und Kunstpreis. Und Erdoğan sagte (da war er verunsichert wegen der Gezi-Proteste): "Leute, die uns heute angreifen, haben seinerzeit Ahmet Kaya angegriffen."

Chronik der Proteste in der Türkei

Für den Park und gegen die Regierung

Was für ein Quatsch. Ahmet Kaya, eine Ikone des Widerstands - für Erdoğan, für die PKK, für Gezi-Studenten, für links, für rechts. Aber eine Projektionsfläche für neue Massenpsychosen? Ahmet Kayas Ehefrau Gülten schrieb für ihn 1994 einen Song, bei dem bis heute sehr viele einfach dankbar die Klappe halten in der Türkei und in Kurdistan. Es heißt "Ağladıkça".

Während wir weinen, werden unsere Berge grün. Während wir weinen.