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Kunst:Die Oper vom Ende der Welt

Sun Sea Marina

"Sun & Sea" (Marina) bei der Kunstbiennale in Venedig 2019.

(Foto: Andrej Vasilenko/Andrej Vasilenko)

"Sun & Sea": Auf der Kunstbiennale in Venedig vor zwei Jahren war die Oper über das ökologische Desaster ein Überraschungserfolg. In Luckenwalde wird sie nun in adäquat kaputter Kulisse aufgeführt.

Von Till Briegleb

Es war der Sensationserfolg der letzten Kunst-Biennale in Venedig vor dem weltweiten Covid-19-Ausbruch. "Sun & Sea", die Beobachtung eines Strandtags mit Badetüchern, Sonnenöl, Schwimmreifen, Kindern und Hunden, der immer wieder von singenden Badegästen in Opernform irritiert wurde, war ein sinnliches Erlebnis, das sofort millionenfach die sozialen Plattformen flutete. Obwohl der Beitrag Litauens 2019 in einem schwer auffindbaren Teil des Arsenale ein halbes Jahr gezeigt wurde, rissen die Schlangen vor der Marina Militare nie ab. Für das Projekt von Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė, das den Goldenen Löwen als beste Produktion der Biennale gewann, mussten Besucher bis zu drei Stunden in einer kargen Gasse vor dem Gebäude ausharren. Das Verlangen nach dem Stück hat auch danach nie nachgelassen.

"Wir hätten 'Sun & Sea' wochenlang spielen können", beschreibt Pablo Wendel die Nachfrage auf die Ankündigung, das Stück an diesem Wochenende im E-Werk Luckenwalde zu zeigen. Innerhalb von 48 Stunden waren die Karten ausverkauft, obwohl die Provinzstadt 50 Kilometer südlich von Berlin nicht gerade ein Kulturkiez ist. Jedes dritte Haus ist verfallen, jeder zweite Laden nach dem Lockdown geräumt. Und auch das weltberühmte Wahrzeichen der Stadt, die 1923 erbaute Hutfabrik von Erich Mendelsohn, steht in einer Gegend voll zerfallener Gebäude in schlampig renoviertem Zustand leer. An diesen Ecken sieht es in Luckenwalde so aus, als sei die Zerstörung der Welt durch den Mensch, um die es in den Gesangspassagen von "Sun & Sea" geht, hier schon längst akute Gegenwart.

Die Kulisse korrespondiert perfekt mit dem ruinösen Zustand der Welt

Atmosphärisch konnte es jedenfalls keinen besseren Ort für die Aufführung dieses "ökologischen" Musiktheaters geben als das alte Stadtbad auf dem Gelände des E-Werks Luckenwalde. Nach vielen internationalen Tourneestationen in edlen Barocktheatern, Universitäten und Sporthallen ist das 1913 vom Siemens-Hausarchitekt Hans Hertlein entworfene Bad die erste nach Venedig mit perfekter Aura. In dem mit Sand gefüllten Schwimmbecken steht Rugilė Barzdžiukaitė bei der Einrichtung des Stückes nicht nur in einer großen Halle, die noch alle Elemente eines Volksbades zeigt, aber im Zustand dystopischen Verfalls. Die Kulisse, die perfekt mit dem ruinösen Zustand der Welt korrespondiert, der in den Arien von Vaiva Grainytė (Text) und Lina Lapelytė (Musik) besungen wird, ist selbst ein inspirierender Ort der Hoffnung auf nachhaltigen Wandel.

Der Künstler Pablo Wendel und die Kuratorin Helen Turner, die vor einigen Jahren das stillgelegte Braunkohlkraftwerk in dem Jungendstilgebäude erworben haben, veranstalten hier auf 10 000 Quadratmetern nicht nur Ausstellungen und Performances für ein aus Berlin anreisendes Publikum. Unter dem Titel "Kunststrom" produziert Wendel wieder Elektrizität in der Anlage. Mit ausgeprägtem Bastel-, Reparatur- und Recyclingdrang und vielen Rentnern in Latzhosen, die an den alten Maschinen noch gearbeitet hatten, konnte der Stuttgarter Künstler das 35 Meter hohe Gewirr aus Kesseln, Rohren, Zahnrädern und Förderbändern in ein Blockheizkraftwerk umbauen, ohne den Charakter als rostige Skulptur des Industriezeitalters zu verändern.

Durch das Vergasen von gehäckseltem Holz entsteht jetzt der Kunststrom, den mittlerweile nicht nur Museen und Galerien beziehen, sondern auch Privatkunden. Die unterstützen damit gleichzeitig Kunstprojekte, denn Wendels Unternehmen nutzt alle Gewinne zur Kulturförderung. Auch die Abwärme der Stromerzeugung wird weitergenutzt, etwa um den nasskalten Sand im Schwimmbecken für die Inszenierung zu temperieren. Strand indoor hatte in Venedig zu mancher Erkältung geführt.

Der Mensch versucht im Finale, mit dem 3-D-Drucker all das wiederherzustellen, was er vorher vernichtet hat

Pablo Wendel will mit seinem Do-it-yourself-Kraftwerk nun exemplarisch beweisen, dass mit geringen Mitteln und unter Verzicht auf Profite ökologische Stromversorgung überall möglich wäre. Nimmt man Reisen und Hotels aus, dann ist auch die Produktion von "Sun & Sea" hier CO₂-neutral realisiert worden. Und als Künstler, der viel mit dem Medium Strom arbeitet, ist Wendels Konstrukteurseifer noch lange nicht erschöpft. Gerade baut er einen Feuerwehrwagen um, der mit Hackschnitzeln aus dem Wald eine Reichweite von 600 Kilometern erreicht. Holz im Tank, eine Zukunftstechnologie?

Die Regisseurin ist sichtlich begeistert von der Atmosphäre dieses Geländes mit seinen mächtigen Hallen, selbstkonstruierten Maschinen und einer großen geodätischen Kuppel für Veranstaltungen im Garten, wo alles wiederverwendet wird, sogar alte Schauben. Denn auch ihr Projekt entstand bei einer gemeinsamen Künstlerinnen-Residenz 2016 im Schloss Solitude in Stuttgart aus dem Unbehagen über die Wegwerfhaltung des kapitalistischen Individuums. Das Libretto visioniert dazu im Finale einen letzten Menschen, der mit dem 3-D-Drucker versucht, all das wiederherzustellen, was er vorher mit Shopping, Reisen zum Great Barrier Reef und hemmungslosem Shrimpkonsum an Lebensgrundlage vernichtet hat.

Wobei Rugilė Barzdžiukaitė trotz des überwältigenden Erfolgs ihrer Strandoper ein wenig Bitterkeit darüber verspürt, dass "Sun & Sea" fast nur noch mit steigenden Meeresspiegeln, vergifteten Flüssen und leergefischten Ozeanen in Verbindung gebracht wird. "Wir haben uns sehr bemüht, ein subtiles Kunstwerk zu schaffen, das aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt", sagt Barzdžiukaitė. "In der Rezeption wird das Stück dann aber sehr auf den ökologischen Aspekt reduziert." Tatsächlich reagiert die bewusst gecastete Vielfalt an Menschen, die in "Sun & Sea" Badetücher und Liegen bevölkert, auf die Liedtexte. Von der reichen Mutter über den Workaholic bis zum Philosophen reflektieren dort verschiedene Figuren über ihre Konsumparadoxien.

Aber die Verlockung dieser Aufführung ist natürlich der schamlose Voyeurismus, den sie erlaubt. Von den Galerien auf das vielseitige Entspannen unterschiedlichster Menschen zu schauen, erzeugt einen schadlosen Genuss. Wie bedroht dieses Bräunungsreich ist durch die schadhaften Tätigkeiten der sich dort Räkelnden, dämmert dem Zuschauer im Dunklen dann eher durch die tröpfchenweise aufgenommenen Botschaften. Urlaub der Menschen dient nicht der Erholung der Welt.

Sun & Sea: E-Werk Luckenwalde, Samstag, 17. Juli, 15-19 Uhr, Sonntag, 18. Juli, 12-17 Uhr.

© SZ/eye
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