Künstliche Intelligenz und Kunst Algorithm and Blues

Musik wird jetzt auch von Apps gemacht - ob sich gut dazu tanzen lässt, ist noch ungewiss.

(Foto: Getty Images)

Erstmals erhält eine künstliche Intelligenz einen Plattenvertrag. Bislang kann sie unter anderem Sternenhimmel vertonen. Oder das Wetter.

Von Philipp Bovermann

Endel ist ein Musiker, wie Plattenfirmen ihn sich vielleicht wünschen: Er raucht und trinkt nicht, er liefert im Akkord neue Alben ab, und man muss auch keine Angst haben, dass er irgendwann anfängt, sexistische Sprüche zu twittern. Endel ist eine künstliche Intelligenz, die automatisch Musik erzeugt.

Seine Bühne ist eine App. Entwickelt hat sie ein Berliner Start-up. Sie spielt Musik, die Menschen dabei helfen soll, sich zu konzentrieren, zu beruhigen oder zu schlafen. Menschliche Körper reagieren nämlich auf bestimmte Arten von Musik und Geräuschen auf eine berechenbare Weise. Studien kommen zum Beispiel zu dem Schluss, dass Fünftonmusik besonders stresslindernd wirkt; über die Ausschüttung von Hormonen und andere Faktoren lässt sich das messen. Diese Erkenntnisse verbindet Endel mit dem aktuellen Befinden des Nutzers, das etwa anhand des Herzschlags, aber auch äußerer Faktoren wie Tageszeit oder Wetter ermittelt wird. Heraus kommt Musik, die zur konkreten Situation passen und buchstäblich unter die Haut gehen soll. Sie klingt nie zweimal genau gleich, weil sich die Daten, die sie verarbeitet, ständig ändern.

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Die Plattenfirma Warner, bei der etwa auch Madonna oder Ed Sheeran unter Vertrag stehen, hat sich vor Kurzem entschlossen, mit Endel einige Alben aufzunehmen. Dafür mussten die Entwickler die Algorithmen mit willkürlichen Werten für Tageszeit, Wetter und andere Faktoren füttern. Diese klingen nun in den Songtiteln nach: "One Starry Skies" etwa, Musik für den Sternenhimmel, oder "Three Graystreaked", eine Variation in Grau.

Fünf der 20 geplanten Alben sind schon veröffentlicht. Laut dem Unternehmen handelt es sich um "schlafförderndende Klanglandschaften". Sie klingen, als seien sie für Planetarien komponiert: nach hellen Glocken, reinigendem Wind und unendlicher Weite. Die ausstehenden 15 Alben sollen die Themen "Konzentration", "Entspannung" und "On-the-go" haben.

Warner führt Endels Kompositionen in der "Arts Division", also der Kunstsektion, in der zum Beispiel auch klassische Musik ihren Platz hat. Deren Leiter Kevin Gore lobte die "einzigartigen Hörerfahrungen", die er einem breiteren Publikum bekannt zu machen hoffe. Einen Markt dafür gibt es bereits. Videos mit entspannender Musik, die Menschen laufen lassen, während sie arbeiten oder einzuschlafen versuchen, bekommen auf Youtube oft viele Millionen Klicks. Menschlichen Musikstars wird Endel also eher nicht in die Quere kommen. Seine Geräuschkulissen halten sich demütig im Hintergrund.

Für seine Macher ist der Deal mit Warner eine schöne Auszeichnung. Allerdings soll Musik erst der Anfang sein, erzählt der Geschäftsführer Oleg Stavitsky. Irgendwann wollen sie etwa auch die Temperatur und das Licht in Häusern an die jeweilige Stimmung ihrer Bewohner anpassen können. Die müssen sie dafür natürlich messen und analysieren. Endel tut das schon jetzt, indem die App etwa auf die Daten von Fitnesstrackern zugreift, wenn der Nutzer das erlaubt. So kann sie den Musikrhythmus auf dessen Herzfrequenz abstimmen. Endel ist vielleicht kein Künstler. Aber er weiß, welche Knöpfe er drücken muss.

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