Konzert Kollektiv der Sonne nach

Die "Express Brass Band", längst eine zur Münchner Institution gewordene Blaskapelle, stellt im Ampere ihr neues Album "Who's following who" vor

Von Christian Jooß-Bernau

Die Bandfotos sind vorzugsweise querformatig, weil die Besetzung etwas in die Breite geht. Das Cover weist aktuell 26 feste Musiker aus. Darunter natürlich Wolfi Schlick als Kopf des Bandwesens. Marja Burchard ist dabei, die gerade auch Embryo in eine neue Generation mitnimmt, und Mohcine Ramdan, inspirierender Bandkern von Jisr, bei denen man auch nie so genau sagen kann, wohin der Klang im nächsten Stück fließen wird. "Who's following who" heißt das neue Album der Express Brass Band. Eine eher rhetorische Frage, die im Titelsong, einem vergnüglich vor sich hin schaukelnden Singalong, mit einer kleinen Verbeugung in Richtung der Beatles beantwortet wird: "I follow the sun". Beziehungsweise: "We follow the sun", denn die Münchner Express Brass Band ist seit 20 Jahren Blaskapelle gewordener Kollektivgedanke. Die Beständigkeit liegt hier im Fluiden.

Es ist das vierte, bei Trikont erschienene Express-Album. Und die Tatsache, dass seit dem letzten nur gut zwei Jahre vergangen sind, zeigt, dass dieses über weite Strecken grundgemütliche Kollektiv von einer Dynamik erfasst ist, die wohl auch aus dem Albumtitel und der Frage, wer hier eigentlich wem nachfolgt, erwächst. Gerade eine Gemeinschaft wie die Express Brass Band profitiert von globalen Umwälzungen, weil sie die Tugend der Willkommenskultur schon seit Jahren pflegt. Und so baut ihre Musikgeschichte, die ein Austausch ist, nicht mehr chronologisch auf Vorangegangenem auf, sondern die Mischung quer durch die Kulturen und Zeiten ist so hochreaktiv, dass Vergangenheit zum Jetzt wird.

Meistens wird es eng, wenn sich die Mitglieder der Münchner Express Brass Band zum Musizieren treffen.

(Foto: Wolfgang Ramadan)

Natürlich scheppert im Hintergrund von "Happy" ein Dixieland-Banjo, das Glück dieses fröhlich durchgepusteten Popliedchens aber will 2019 aufmischen. "ZOB" ist mit seinem bei aller Wucht noch lässig bouncenden Snare-Beat unterwegs nach Afrika, eine Querflöte hat den Funk, und im Kern, da pulst ein Bass, der mit sich fauchend öffnendem Filter synthesizersynthetisch klingt. "Andalousian Springtime" ist mehr Granada als Jerez, weniger Flamenco als eher arabische Sehnsucht. Die aber ist dem Corazon des Flamenco in vielen Momenten näher, als es die Klischees wissen können.

Weltmusik ist dann und wann ein imperialistischer Akt, bei dem am Ende immer nur ein Terrakotta-Buddha im deutschen Vorgarten sitzen bleibt. Hier aber hat man den Eindruck, jeder dürfe sein Schatzkästlein an Klangerfahrung öffnen und gemeinsam würde man gucken, wie das zusammengehen kann. Die letzte Nummer "Hara Oro" täuscht einen Spaghetti-Western an, um dann geschmeidig hinüberzugleiten in eine Gypsy-Brass-Nummer, die ähnlich dem Zwiefachen artistisch mit den Taktzählzeiten trickst. Dass es dabei doch keinen aus der Kurve trägt, dafür sorgt ein Begeisterungsflow, der sich durch das ganze Album zieht.

Diese Kollektivtoleranz ist so liebenswert, dass man gleich selber bei dieser Gruppe mitmachen möchte. Einen Preis allerdings hat sie. Von James Brown ist überliefert, er habe seine Band so lange getriezt, bis die Nerven blank gewetzt waren und der Sound so tight wie ein gespanntes Stahlseil. Bei der Express Brass Band haben Timing und Intonation einen gewissen Interpretationsspielraum. In den meisten Momenten ist das volltönend schillernde Soundumarmung. Dann und wann aber, wenn der Funk einfährt wie beim heftig wuchtenden Auftakt zu "Between Worlds", hätte man sich mehr Knacken statt Wabbeln gewünscht. Dies fällt nur deswegen nicht stark auf, weil die Richtung in jeder Nummer stimmt: immer der Sonne nach.

Express Brass Band, Freitag, 28. Juni, 20 Uhr, Ampere, Zellstraße 4