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Klimawandel im Kino:Unsere Erde, immer nur schön

Ein Panda aus "Unsere Erde 2" - passt perfekt ins Bild der schützenswerten Natur. Unbequeme Wahrheiten werden ausgespart.

(Foto: Universum Film)

Der Eingriff des Menschen in die Erdgeschichte ist schon längst im Kino angekommen. Trotzdem beschwören spektakuläre Filme immer noch die unberührte Natur.

Um herauszufinden, ob man selbst gedanklich schon im Anthropozän angekommen ist, genügt ein einfacher Test. Nennen wir ihn vorläufig den "Unsere Erde"-Test.

So heißt eine Naturdoku-Serie, die von der BBC produziert wurde. Zwei Teile gibt es bisher, die sich nur minimal unterscheiden, es geht ohnehin immer ums große planetare Ganze. Die Filmhandlung jetsettet um die Welt und entdeckt spektakuläre Szenen: possierlich perlende Wassertropfen, weite Landschaften im Gegenlicht, Kolibris, die an Blüten nuckeln, Schwärme von Fischen, die stolz über Korallenriffe hinweggleiten, als hätten die britischen Filmkünstler ihnen eine Synchronschwimmer-Ausbildung verpasst. Den Erzählkommentar spricht in der deutschen Version des zweiten Teils Günther Jauch. Als es im Regenwald zu regnen beginnt, sagt er: "Auf die Baumkronen des Waldes geht ein Wolkenbruch nieder."

Wer bei diesen Szenen ein mulmiges Gefühl kriegt, der hat den "Unsere Erde"-Test bestanden. Es stellt sich ein, weil ein Faktor im "ewigen Kreislauf des Lebens" konsequent ausgespart bleibt: der Mensch. Erst zum Ende des zweiten Teils gelangen wir, über die Station leuchtender Glühwürmchen, in die dauerhellen Großstädte unserer Zeit, die von oben echtgroßartig aussehen. "Wir müssen uns nicht mehr im Dunkeln fürchten. Wir haben mithilfe der Elektrizität den ewigen Tag erschaffen", freut sich Jauch. Dann entlässt er uns aber doch noch mit einer letzten Mahnung: "Wir sollten lernen, dass die Zukunft allen Lebens auf diesem Planeten in unseren Händen liegt."

Man erkennt in diesem abschließenden Hinweis das klassische Erzählmuster in Natur- und Tierfilmen, das hier endgültig zynisch wird: erst Schwelgen in Korallenriffen, dann der Hinweis auf ihren nahenden Tod und mea culpa. Auf der einen Seite steht die Natur in ihrer keuschen Herrlichkeit, auf der anderen der Mensch mit seinem schlechten Gewissen. Wie Bambi mit Rehaugen scheint sie auf unsere Entscheidung zu warten, ob wir sie ausschlachten oder vielleicht großzügigerweise doch lieber schonen wollen. Diese Entmischung von menschlicher Ursache und planetarer Wirkung ist die Grundlage des Herrschaftsdenkens über die Natur. Sie wird uns als etwas Äußeres gegenübergestellt, als bedrohte Schönheit, uns auf Gedeih und Verderb übereignet. So wird aus der Erde "unsere" Erde. Aus dem existenziellen Gebot, sie zu bewahren, ein moralisches.

Als Filmemacher begannen, für den Naturschutz zu werben, taten sie das genau so, wenn auch natürlich mit edelsten Absichten. "Serengeti darf nicht sterben", forderte eine Kinodokumentation von 1959. "Die letzten Paradiese" wollten 1967 gerettet werden. Die veränderte Denkart, die man heute unter dem Anthropozän-Begriff zusammenfasst, bekam aber schon 1973 ihre Urszene. Nämlich in Richard Fleischers Spielfilm "Soylent Green", der den seltsamen deutschen Titel "... Jahr 2022 ... die überleben wollen" bekam.

Richard Fleischer stellte sich eine Erde vor, die durch die anhaltende Wirkung des Treibhauseffekts praktisch komplett zerstört ist. Der war damals nämlich schon bekannt. Die Böden geben keine Nahrung mehr her, stattdessen essen die Leute "Soylent Green". Woraus genau es besteht, ist ein streng gehütetes Geheimnis, aber der Held des Films entdeckt es: "Soylent Green" wird aus Menschen gemacht. Kurz bevor sie sterben, kriegen sie als Beruhigungsmittel noch einmal Filmaufnahmen zu sehen: Rehe, Wälder, Wiesen, glasklare Bäche. Nie hat die Natur schöner ausgesehen als zu dem Zeitpunkt, an dem es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.

Heute existieren tatsächlich keine Orte auf der Erde mehr, an denen der Einfluss des Menschen nicht auf irgendeine Weise messbar wäre, während sich im Film die reinen Naturwunder überschlagen. Man könnte den "Unsere Erde"-Test also auch "Soylent Green"-Test nennen.

Im Anschluss an Fleischer wuchs eine künstlerische Sensibilität für diese Problematik. Anstatt die Macht des Menschen und die Ohnmacht der Natur einander gegenüberzustellen, begannen die Filmemacher nun, die Gleichung zwischen beiden aufzumachen. Der amerikanische Film "Koyaanisqatsi" von 1982 tat das ohne Audiokommentar, nur mit dem Mittel der Montage. In langen Einstellungen rauschen erst Wolken über Felsformationen am Betrachter vorbei, später Autos auf Autobahnen, Würstchen auf einem Fließband, Aufnahmen eines verdreckten Strandes, nukleare Detonationen. Die menschliche Zivilisation ist Teil der Natur und zugleich eine sie verändernde Kraft, so die Botschaft, die sich mithilfe eines nervös kreisenden Soundtracks von Philip Glass in die Hirne schraubt. Spätestens hier begann im Kino endgültig das Anthropozän.

Bäume sind eh die besseren Menschen

Zwei Jahre später entdeckte Werner Herzog, dass auch Maschinen wie Tiere aussehen, wenn man die Kamera lange genug draufhält. In "Wo die grünen Ameisen träumen" erzählt er vom fitzcarraldohaften Kampf indigener Einwohner der australischen Wüste gegen eine Bergbaugesellschaft, die mit Sprengungen auf ihrem heiligen Boden nach Uran suchen möchte. Man sieht die Folgen in der Landschaft: Hügel wie von Riesentermiten, die aber durch Bohrungen entstanden sind. Das Wrack eines Busses, leere Bierflaschen. So als sei die westliche Zivilisation, die hier den Fortschritt vollzieht, bereits untergegangen.

Derartige Eindrücke haben die Vorstellung von der Natur im Kino nachhaltig verändert. Dokumentarfilme erzählen von ihr heute meist als Spielball politischer und wirtschaftlicher Kräfte. Nur haben diese unbequemen Wahrheiten den Nachteil, sehr unbequem zu sein. Die rehäugige, "schützenswerte" Natur ist dagegen angenehm harmlos. Seit einigen Jahren hat sie wieder Konjunktur, in Filmen mit Titeln wie "Unsere Ozeane", "Unser Leben", "Unsere Wildnis" oder eben "Unsere Erde".

Welche gedanklichen Operationen dabei am Werk sind, zeigt der Blick in ein Buch von 2015, das überraschend zum Bestseller avancierte, inzwischen auch in vielen Ländern. In "Das geheime Leben der Bäume" erzählt der studierte Forstwirtschaftler Peter Wohlleben von den ineinandergreifenden Bio-Mechanismen der Pflanzen, als sei der Wald eine utopische Sozialgemeinschaft, eine Großfamilie, in der sich auf mikrobiologischer Ebene alle lieb haben. Immer wieder hebt er die Grenze zwischen menschlicher Gemeinschaft und Wald sprachlich auf: "Jeder Baum ist also wertvoll für die Gemeinschaft und verdient es, so lange wie möglich erhalten zu werden. Daher unterstützt man sogar kranke Exemplare und versorgt sie mit Nährstoffen, bis es ihnen wieder besser geht."

Bäume, so scheint es, sind zurzeit die besseren Menschen. Was ja auch kein Kunststück ist. Je grimmiger der Naturfaktor Mensch spürbar wird, desto weniger wollen wir mit ihm zu tun haben. Stattdessen flüchten wir uns in die romantisch beseelte Natur, die immer menschlichere Züge annimmt, während wir weiter in sie vordringen. Dass der eben zitierte Satz von Wohlleben auf toten Baum gedruckt wurde - geschenkt.

Für die tollen Bilder schickt man Minikameras und Drohnen in die entlegensten Winkel

Am Anfang von "Unsere Erde 2" sehen wir die Erde aus dem Weltraum. Aber welcher Preis wurde dafür bezahlt? Die Aufnahme entstand, weil der Mensch Raketen bauen und damit nicht nur schöne Fotos schießen, sondern auch ganze Landstriche in Schutt und Asche legen kann. Zu "Serengeti darf nicht sterben"-Zeiten mussten die Filmemacher noch schweres Gerät in entlegene Teile der Welt schaffen und sich beim Versuch, ein paar Affen vor die Linse zu kriegen, vom Tiger fressen lassen. Heute rücken sie mit hochauflösenden, digitalen Minikameras und Drohnen an. Deshalb schafft es der BBC-Film, ganze Jahreszeiten in einem Kameraschwenk zusammenzufassen. Mühelos springt er vom Haar einer Raupe zurück auf die prallgrüne Regenwald-Totale. Dazu röhrt triumphal ein Orchester.

"Unsere Erde 2" endet, wie sonst, mit einem Sonnenuntergang. Wie man diese Szene ins Anthropozän übersetzt, hat letztes Jahr der Spielfilm "Downsizing" gezeigt, in einer Art versteckter Replik auf "Soylent Green". Es geht um eine fiktive Methode, mit der die Menschen sich auf Daumengröße schrumpfen lassen können und damit auch ihren ökologischen Fußabdruck. Doch es ist zu spät, das Klima kippt trotzdem. Eine Gruppe winziger Norweger entschließt sich also, eine neue, künstliche Heimat in einem Bergstollen zu beziehen, bis der Planet wieder bewohnbar ist. An dem Abend, bevor sie für unzählige Generationen unter Tag verschwinden, betrachten sie zum Abschied von der Erde den Sonnenuntergang.

Der rote Feuerball versinkt hinter den Berggipfeln, ergreifend schön und wohl das letzte Mal. Um so viel Klima-Pathos irgendwie abzufedern, stellt der Film die Norweger als etwas schrullige Hippiegemeinde vor. Matt Damon hat sich von der Stimmung anstecken lassen und trommelt verträumt auf Bongos herum. Dann bricht die Nacht an. Es ist eine der traurigsten Szenen, die sich Hollywood in den letzten Jahren ausgedacht hat.

© SZ vom 23.05.2018/cag

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