bedeckt München 27°

Kino:Jetzt mal tief durchatmen, Hollywood

"Spider-Man: Homecoming" mit Tom Holland in der Hauptrolle war schon das Remake vom Remake.

(Foto: AP)

Die Top-Ten-Liste der erfolgreichsten Kinofilme des Jahres 2017 besteht aus sechs Fortsetzungen und vier Remakes. Muss das sein? Ein paar Anregungen für ein aufregenderes Hollywood.

Von David Steinitz

Kennen Sie diese Müdigkeit? Man geht ins Kino, vorbei an den Postern für "Thor 3" und vor der Vorführung von "Fast & Furious 8" laufen die Trailer zu "Guardians of the Galaxy 2" und "Fluch der Karibik 5"? Selbst wohlgesonnene Blockbuster-Liebhaber geraten da an die Grenzen ihrer Hollywood-Leidenschaft. Die Top-Ten-Liste der erfolgreichsten Filme des Kinojahres 2017, weltweit wohlgemerkt, besteht aus sechs Fortsetzungen und vier Remakes. Bis zum Jahresende wird es höchstens noch "Star Wars 8" auf diese Liste schaffen. Scheint doch zu funktionieren, könnte man sagen - einerseits. Andererseits hat Hollywood ja auch Geld verdient, als sich Regisseure und Drehbuchautoren noch die Mühe gegeben haben, sich neue Geschichten auszudenken. So jedenfalls, findet der erschöpfte Filmkritiker, kann es nicht weitergehen. Und möchte den Hollywood-Studios zum Jahresende ein paar Anregungen für die Zukunft unter den Baum legen.

Lasst Netflix nicht gewinnen

Schon klar, Filmkritiker sind Wesen, die zur Kino-Nostalgie neigen und nach dem dritten Bier ungefragt Monologe über französische Schwarzweißfilme halten. Aber Filmkritiker gehen eben gern ins Kino und glauben, dass Menschen, die Filme lieben, auch gern ins Kino gehen und sich nicht alles auf Netflix anschauen wollen. So wird es aber enden, wenn die Streaming-Dienste die einzigen sind, die Regisseuren wie Martin Scorsese und Woody Allen noch eine künstlerische Heimat für ihre Geschichten bieten. Regisseuren mit einer eigenen Handschrift also, die ihre Filme fürs Kino kaum oder gar nicht mehr finanziert bekommen. Denn im Kino arbeiten mittlerweile Handwerker, deren Namen kein Mensch kennt, weil sie ihre Blockbuster so routiniert wie Fließbandarbeiter runterinszenieren. Oder haben Sie schon mal von Bill Condon, F. Gary Gray und Pierre Coffin gehört? Das sind die Regisseure der drei erfolgreichsten Kinofilme 2017.

Zuschauer sind keine Roboter

Warum sind die Menschen aus dem Kino verschwunden? Als zahlende Kunden dürfen sie zwar noch im Publikum sitzen, aber auf der Leinwand geht es fast nur noch um Maschinen, mutierte Überwesen und Zeichentrickfiguren. Unter den erfolgreichsten Filmen findet man keine einzige Geschichte ohne Superheld, Superauto oder Supermonster. Da bekommt das Wort Autokino leider eine ganz neue Bedeutung. Um zu zeigen, welch kleine Rolle Frauen in Hollywood-Filmen spielen, erfand die Amerikanerin Alison Bechdel einst den Bechdel-Test. Mittlerweile bräuchte man aber eher einen Homo-Sapiens-Test, weil die Menschen insgesamt zwischen den computeranimierten Haushaltsgegenständen in "Die Schöne und das Biest" und den Autos in "Fast & Furious 8" zu Sidekicks geworden sind. Bechdel hatte sich drei Testfragen ausgedacht: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Die abgewandelte Version müsste lauten: Gibt es mindestens zwei Menschenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als Maschinen oder Fabelwesen?

Macht den Chinesen keinen Quatsch vor

Schon mal von dem Film "Wolf Warrior 2" gehört? Der steht zwischen "Guardians of the Galaxy 2" und "Spider-Man: Homecoming" auf Platz fünf der erfolgreichsten Filme des Jahres. Und das, obwohl er fast nur in seinem Produktionsland China und ein paar Nachbarländern lief. Hollywood versucht ja seit Jahren den chinesischen Markt zu erobern, aber "Wolf Warrior 2" beweist: Die Amerikaner waren kein gutes Vorbild. Denn schlechte Hollywood-Filme können die Chinesen mittlerweile gut selber machen. Der Regisseur Jing Wu empfiehlt sich als chinesischer Michael Bay, in dem er ohne größere Not, sich eine vernünftige Geschichte auszudenken, einfach alles in die Luft sprengt, was sich in die Luft sprengen lässt. Dabei wäre doch gerade eine so gigantische Filmnation wie die chinesische in der Lage, den Markt mit einer eigenen Form von Mainstream-Kino aufzumischen.

Engagiert keine miesen Filmemacher

Es gibt in Hollywood mittlerweile eine erstaunliche Anzahl von Filmemachern, die schon mehrfach demonstriert haben, dass sie in einem anderen Beruf vermutlich besser aufgehoben wären. Nur will das anscheinend niemand wahrhaben, weshalb sie für den letzten Müll mit neuen Arbeitsverträgen belohnt werden. Ein Beispiel: Der Drehbuchautor Akiva Goldsman hat von den zehn schlechtesten Blockbustern der letzten Jahre ungefähr neun geschrieben. Das sind Filme wie "Die 5. Welle" und "Insurgent" die weit hinter den Gewinnerwartungen zurückgeblieben sind. Aber seine Arbeitgeber scheint es nicht zu stören. Dieses Jahr war er mitverantwortlich für die grenzdebile Stephen-King-Verfilmung "Der dunkle Turm" und den Spielzeugfiguren-Porno "Transformers 5". Noch so ein notorischer Fall: der Regisseur Zack Snyder, der mit Superheldenorgien wie "Batman v Superman" und "Justice League" eifrig an der Komplettverblödung der Zuschauer arbeitet und dafür Budgets im dreistelligen Millionenbereich zur Verfügung hat. Gewagte These: Auf den Filmhochschulen dieser Welt dürfte es diverse talentierte junge Filmemacher geben, die für ein Hundertstel dieser Summe tolle Filme machen könnten.

Probiert es mal mit Monogamie

Mussten tatsächlich sechs Drehbuchautoren an der Neuauflage von Tom Cruise' "Die Mumie" herumschreiben? Hat es wirklich sieben Drehbuchautoren für das "Baywatch"-Remake gebraucht? Bei Serien hat es sich als probates Mittel erwiesen, dass ganze Autorenmannschaften zusammenkommen, im Kino ist eher das Gegenteil der Fall. Da wird im Abspann proportional zur sinkenden Qualität die Liste der Drehbuchautoren immer länger. Denn während bei Serien die Autoren gemeinsam eine Geschichte erzählen, wird bei Kinofilmen ein Skript oft von Autor zu Autor zum Polieren weitergereicht. Die Studios misstrauen einer einzigen künstlerischen Vision so sehr, dass sie vorsichtshalber noch einen Autor für mehr Gags, einen für mehr Action und einen für mehr Herzschmerz holen - bis von der ursprünglichen Idee nur noch ein Mainstream-Pampf übrig bleibt. Damit mag man das Risiko mindern, irgendwo anzuecken, tolle Filme mir einer eigenen Handschrift entstehen so aber nicht.

Nehmt euch mehr Zeit

Der Regisseur Christopher Nolan hat mit seinen drei Batman-Filmen wohl als letzter Regisseur den Spagat zwischen Blockbuster und Autorenkino so hinbekommen, dass Zuschauer, Studiobosse und Kritiker gleichermaßen glücklich waren. Warum das bei ihm so gut funktioniert hat, erklärte er kürzlich auf einer Podiumsdiskussion in London. Die Batman-Trilogie, die er 2012 abschloss, sei der letzte Fall im modernen Blockbuster-Business gewesen, bei dem ein Filmemacher den Luxus hatte, sich Zeit zu lassen. "Ich habe zum Studio gesagt, vielleicht mache ich eine Fortsetzung, aber das könnte vier Jahre dauern." Das könnten sich Filmemacher mittlerweile nicht mehr leisten, weil der Produktionsdruck von der Studioseite kaum noch Zeit dafür lasse, ein Drehbuch erst dann zu verfilmen, wenn es wirklich sitzt.

© SZ vom 16.12.2017/khil

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite