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Bestseller-Verfilmung:"Der Minus-Mann ist ein österreichischer 'Taxi Driver'"

Es hat etwas Kathartisches, dieser verkommenen Figur zu folgen, sagt Poet. Er glaubt an die politische Sprengkraft des Schmuddelkinos und seiner wilden, unkorrekten, schmutzigen Erzählungen. "Die Geschichte funktioniert aber nur, wenn man den Exorzismus darin herausarbeitet. Wenn man nur die harte Verbrechergeschichte erzählt, bleibt man an der Oberfläche." Muss man Sobotas Exorzismus der Gesellschaft zumuten? Ja, findet Poet. "Gerade sehen wir in Filmen vor allem funktionelle Superhelden, Powerfrauen und andere idealisierte Figuren, wo der Mensch als grundsätzlich fehlbares Wesen nicht mehr mitkommt. Dabei finde ich es wesentlich aufklärerischer, über den menschlichen Dreck zu schreiben als über idealisierte Abziehbilder. Der Minus-Mann ist ein österreichischer 'Taxi Driver'."

Im Roman sagt Sobotas Vater zu seinem Sohn: "In dir kommt der Dreck aller unserer Generationen zum Ausdruck." Hat dieser Dreck etwas im Kino zu suchen? Sollte Kunst, die so viele Menschen abstößt, nicht von den Leinwänden verschwinden?

Alle rissen den Stoff an sich, nur, um ihn dann wieder abzustoßen

Poet kämpft nun seit fast zehn Jahren für die Realisierung des "Minus-Manns". Er hat etliche Versionen geschrieben und konnte schon mehrere Produzenten für sein Projekt erwärmen. Weltvertriebe sicherten sich die Kinorechte, weit bevor die erste Klappe gefallen war - keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Alle rissen den Stoff an sich. Nur, um ihn dann wieder abzustoßen. Zu riskant, zu brutal und unzumutbar für das weibliche Publikum.

Also machte Poet den Stoff verdaulicher, indem er eine Metaebene einführte: Eine Journalistin sollte mit dem alten, am Sterbebett liegenden Sobota über sein Leben sprechen. So wäre dem Minus-Mann das Wort nicht ohne weiblichen Widerpart erlassen worden. John Malkovich gab seine Zusage für die Hauptrolle. Doch auch diese Version scheiterte und Poets Drehbuchversionen wurden bescheidener.

Auch das Manuskript für den "Minus-Mann" war jahrelang erfolglos über Lektoratstische geschoben worden. Die einen antworteten mit empörten Briefen, die anderen gar nicht. Bis es bei Reinhold DuMont landete, dem Verleger von Heinrich Böll und Günter Wallraff, der es 1978 bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlichte. Der Roman schlug ein wie eine Bombe. Der Verlag schickte Sobota auf Lesereise durch die Republik und stellte lebensgroße Sobotas aus Pappe in den Buchhandlungen auf. Auf dem Cover war Sobotas Unterleib zu sehen, in hautengen Denimjeans.

Die Literaturkritik war gleichermaßen angeekelt und fasziniert. Am Tag darauf war der Roman ausverkauft. Etwa 600 000 Exemplare wanderten in deutsche Bücherregale, der Text wurde ins Niederländische, Französische und Japanische übersetzt. Und Sobota schlief nicht mehr unter Brücken, in Zellen oder Stundenhotels, sondern in Luxussuiten und Stadtvillen.

"Ich bin von einer gewissen brutalen Sonnigkeit"

In gewisser Weise ging damit eine Rechnung auf. Sobota schrieb den Roman, weil er hoffte, sich damit aus seiner Situation zu befreien: "Ich hatte von einer bestimmten Art von Leben genug. Da dachte ich mir, ich versuche es auf diese Art. Ich bin von einer gewissen brutalen Sonnigkeit. Ich war zuversichtlich, dass Leute das lesen werden." Doch der "Minus-Mann" ist mehr als eine Lektion darüber, wie man mit Gewalt und Rücksichtslosigkeit reich wird, sondern auch eine Studie über die Langzeitwirkung von Schuld. Sobota lebte zwar an der Seite einer reichen Frau, "mit Villa, Pool, zwei Jaguars, erste Klasse fliegen nach Bali, oder auf die Philippinen. Unter meinem Kopfkissen lag einmal eine Uhr für hunderttausend Schilling, ein anderes Mal Manschettenknöpfe für zehntausend Mark." Er hatte den Jackpot geknackt, aber entschied sich für die Selbstzerstörung. "Ich bin geflüchtet, vor allem in den Alkohol. Das waren die Jahre, in denen ich mich selbst immer weniger ertragen konnte."

Sobotas Geschichte erzählt auch von einer völligen inneren Zerfaserung durch die immer schwerer wiegende Schuld. Schon im Roman beschreibt er, wie sich die Gewalt, die er ausübt, gegen ihn selbst kehrt, ihm zusetzt, ihn aushöhlt. Er versucht mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Und doch ist das Buch keine Beichte, kein Bekenntnisroman. Wenn man Sobota fragt, ob er sich bei jemandem entschuldigen würde, sagt er, er fände das gegenstandslos. "Glauben Sie, dass ein 'Es tut mir leid' ausreichen würde?" Über Schuld hat er hingegen viel zu sagen: "Ich glaube, die Krankheiten, die ich habe, sind Rechnungen, die ich bei Lebzeiten zu begleichen habe", sagt er. "Das Konzept der Sühne, das sich in der Gefängnisstrafe spiegelt, das hat ja nichts mit der Sühne zu tun, die einem das Leben abverlangt. Ich habe mein Leben lang begriffen, dass wenn ich fünf Semmeln kaufe, ich dafür bezahlen muss. Und wenn ich Scheiße baue, muss ich dafür geradestehen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann."

An einem der ersten Frühlingstage in München sitzt der Regisseur Paul Poet auf dem Beifahrersitz von Heinz Sobotas Chrysler Cabrio. Sobota trägt eine schwarze Lederhose, die goldene Kette blitzt in der Sonne. Poet trägt Jeans und einen Hut. Die beiden sprechen nur wenig miteinander, wie alte Freunde, die sich das Wichtigste schon gesagt haben. Poet besucht Sobota seit Jahren regelmäßig, manchmal, um ihm den neuesten Entwurf für das Drehbuch zu zeigen. Das bedeutet dann, mit einem tief aufgewühlten Sobota die Nacht in der verrauchten Wohnung durchzuackern und am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Oft hat er ihn schon im Krankenhaus besucht, er saß an Sterbebetten, die dann doch keine waren. Und manchmal, so wie heute, ist Poet nur auf Stippvisite da, um zu sehen, wie es Sobota geht.

Der Dreh ist für nächstes Jahr geplant - wenn die Förderinstitutionen mitmachen

Die beiden sahen sich zum ersten Mal im Sommer 2008. Poet nahm über SM-Internetforen, in denen "Der Minus-Mann" (vor allem von Frauen) bis heute verehrt wird, Kontakt zu Sobota auf. Der beschimpfte ihn erst. Dann überwog die Eitelkeit. Sie verabredeten sich im Wiener Café Westend und Sobota erwartete Poet mit Sonnenbrille und halb offenem Hemd, aus dem sein Brusthaar herausschaute. Er trug eine schwere Kette mit Skorpionanhänger und rauchte filterlose Gitanes. Poet setzte sich und bemerkte nach den ersten Minuten Smalltalk, wie Sobota an ihm zu riechen begann. "Er schnüffelte an mir, und nach einer halben Stunde fragte ich ihn, wieso. Da sagte er, er wolle überprüfen, ob er meinen Angstschweiß riechen könne. Das hat er im Knast so gelernt. Um die Ehrlichkeit seines Gegenübers zu testen. Und natürlich, ob ich die Eier habe, den Stoff umzusetzen."

Inzwischen ist Paul Poet mit seinem Projekt bei der Produktionsfirma des Autorenfilmers Ulrich Seidl gelandet, der ein Herz für Gestalten wie Sobota hat. Es ist nun wieder der "Minus-Mann" in seiner reinsten Form, ohne Metaspielerei, ohne Rückblenden, eine Hetzjagd durch das Österreich der Sechziger und Siebziger. Der Dreh ist für nächstes Jahr geplant - wenn die Förderinstitutionen mitmachen. Die fördern allerdings im Moment lieber Stoffe, die sich politisch und moralisch einfacher einordnen lassen. Poet hat versucht, sich viele Frauen ins Boot zu holen, als Dramaturgin etwa die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer ("Was hat uns bloß so ruiniert"). Vielleicht wird bald die erste Klappe fallen. Vielleicht zieht der Stoff wieder weiter. An den Kinokassen, da waren sich alle Beteiligten einig, würde er ausnahmsweise kein Problemkind sein.

Sobota selbst jedenfalls glaubt nicht mehr daran, dass die Verfilmung noch zu seinen Lebzeiten stattfinden könnte. Inzwischen ist es ihm auch nicht mehr wichtig, viel lieber möchte er "noch mal an die Amalfitana fahren, die Zugstrecke zwischen Neapel und Salerno." Dem Tod gegenüber hat er eine gewisse Gelassenheit entwickelt. "Mein Gott, keiner möchte sterben. Aber ich dramatisiere das auch nicht. Wenn ich nachts träume und weiß, dass der Tod im Raum ist, dann ist das wie ein Waffenstillstand." Der Tod ist nichts anders als Schlafen, und geschlafen hat Sobota immer gut. "Mein Gewissen hat mich nachts in Ruhe gelassen. Ich zähle Schäfchen. Ein mieser Trick, aber er funktioniert." Ob er nicht wissen will, was aus seinen Opfern geworden ist? "Ich habe nie nachgefragt." Er hält inne. "Es hat sich nach dem Roman aber auch nie jemand bei mir gemeldet. Außer ein paar Mitgefangenen. Die waren begeistert."

© SZ vom 03.06.2017/luch
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