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Zukunft der Kinos:"Was uns nichts nutzt, ist ein Flickenteppich"

Kino Deutschland Corona

"Stirbt das Kino wegen Corona, dann stirbt eine große Kunstform": Auch das Odeon in Bamberg ist wegen der Pandemie geschlossen.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Christian Bräuer vom Verband AG Kino erklärt, warum sich der deutsche Föderalismus so schlecht mit teuren Hollywood-Filmen verträgt. Und wie sich Kinos trotz Corona wiedereröffnen lassen.

Christian Bräuer ist Vorstandsvorsitzender von AG Kino, der Gilde deutscher Filmkunsttheater, die über 300 unabhängige Filmkunst- und Programmkinos vertritt. Er erklärt, warum es auch von den Abstandsregelungen in Deutschland abhängt, wann wir wieder neue Hollywoodfilme zu sehen bekommen, und warum das föderale Krisenmanagement die Corona-Probleme der Kinos verstärkt. Während einzelne Länder wie Hessen und Sachsen bereits mögliche Termine für eine Wiedereröffnung nennen, zaudern andere noch.

SZ: Warum ist es für die deutschen Kinos so schlimm, wenn jedes Bundesland eigene Regeln und Termine für die Wiedereröffnungen festlegt?

Christian Bräuer: Wir sind natürlich froh, dass die Wiedereröffnungen endlich überhaupt auf die Agenda der Politik kommen. Aber was uns nichts nutzt, ist ein Flickenteppich. Denn der deutsche Kinomarkt funktioniert nur als Einheit. Es lohnt sich für einen Verleih nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn er nur in der Hälfte der Bundesländer anlaufen kann - und auch dort nicht vor vollen Sälen wegen der notwendigen Abstandsvorkehrungen. Das sind keine Kapazitäten, die sich für einen teuren großen Film lohnen. Wenn aber keine neuen großen Filme anlaufen - wie soll man dann die Leute zurück ins Kino bekommen?

Was schlagen Sie vor?

Vielen Betreibern wäre es lieber, erst die Auflagen zu kennen und dann die Termine, damit man sich vorbereiten kann. Deshalb plädieren wir sehr dafür, dass sich die Länder auf einheitliche Abstands- und Hygieneregeln einigen. Der Kinomarkt braucht vier bis sechs Wochen Vorlauf, und zwar sowohl die Verleiher, um ihre Filme anständig zu bewerben, als auch die Kinos, um ihre Mitarbeiter zu schulen, notwendige bauliche Anpassungen für die Abstandsregelungen zu treffen, Masken zu kaufen und so weiter. Wir haben nichts davon, wenn uns am 28. Juni jemand sagt, ab 1. Juli dürft ihr alle wieder aufmachen. Und es muss dringend geklärt werden, wie die Kontaktverfolgung von infizierten Besuchern, für die wir als Kino zu sorgen haben, technisch funktionieren soll, die ja der Schlüssel zum Leben mit Corona sein wird.

Sie haben die Abstandsregelungen angesprochen. Wie sieht das in der Praxis oft sehr enger Kinosäle aus?

Viele Multiplexe und moderne Kinos haben einen Reihenabstand von 1,20 Metern, traditionelle Kinos sind bei 90 bis 95 Zentimetern. Wenn man die nun überall genannten 1,50 Meter in alle Richtungen als Maßstab nimmt, haben sie in vielen Kinos maximal eine Auslastung von 20, vielleicht 30 Prozent. Bei ganz kleinen Kinos, von denen es ja auch einige gibt, wäre es noch weniger. Da kann man kaum wirtschaftlich arbeiten und könnte auf Zahlen kommen, wo man ins Grübeln kommt, ob es nicht günstiger ist, das Kino geschlossen zu lassen.

Sie hoffen auf eine niedrigere Abstandsgrenze?

Natürlich geht die Sicherheit vor. Aber wenn wir gut sind in Sachen Hygiene und Kontaktverfolgung, kann man hier vielleicht zu einer anderen Regelung kommen. Im Kino schaut man in der Regel nach vorne und redet nicht oder kaum während des Films. Deshalb wäre die Frage, ob man im Saal über die 1,50 Meter in alle Richtungen noch einmal nachdenken kann.

Damit verschobene Blockbuster wie zum Beispiel der neue Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" im Herbst nicht nur vor 25 Leuten laufen.

Das ist noch so ein Thema, denn solche Blockbuster-Starts könnten zu einer brutalen Verdrängung führen. Weil sie den Bond mit den bisherigen Abstandsregeln eigentlich in allen Sälen spielen müssten, wenn sie denn mehrere haben, um zumindest ansatzweise das Geld zu verdienen, das man mit einem Bond-Film normalerweise machen kann. Da ist für kleinere Filme schnell kein Platz mehr, und das würde zu einem großen Verlust an Vielfalt führen.

Die meisten Hollywoodstudios haben ihre großen Filme auf Herbst, Winter oder gar ins nächste Jahr verschoben. Allein Warner Brothers will Christopher Nolans Actionthriller "Tenet" weiterhin im Juli rausbringen.

Christian Bräuer

Christian Bräuer ist Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe in Berlin und der Programmkino Ost GmbH, Dresden. Neben seiner Arbeit als Vorsitzender der AG Kino ist er auch Vorstandsmitglied von Europa Cinemas.

(Foto: David von Becker)

Und Disney plant mit "Mulan" derzeit auch für Juli. Aber das wird davon abhängen, wann die Amerikaner die Kinos wieder so flächendeckend aufmachen, dass sich große Starts für die Verleihe lohnen, und auch davon, wie die Abstandsregelungen aussehen werden. Kein US-Verleih bringt einen Film ins Kino, wenn er ihn nicht mindestens in den USA und Westeuropa relativ flächendeckend starten kann. Deshalb würde es in dieser Hinsicht kaum etwas bringen, wenn Deutschland drei Monate vor allen anderen wieder öffnet.

Schon vor Corona war das Kinogeschäft nicht die sorgenfreieste Branche.

Es mag ein paar Betreiber geben, die viel Geld verdienen, aber die meisten Leute, die ich kenne, betreiben ihr Kino vor allem aus Leidenschaft und Überzeugung. Das gilt gerade für den Arthouse-Markt. Der hat sich zwar sehr stabil entwickelt, doch die Mieten sind hoch bis sehr hoch. Ich kenne nur ganz wenige Kollegen, denen es gelungen ist, wegen Corona echte Mietminderungen auszuhandeln, nicht bloß Stundungen. Wenn ich allein eines meiner Kinos als Beispiel nehme, da zahle ich 30 000 Euro Miete im Monat, das läuft weiter, während die Einnahmen komplett ausbleiben. Auch die Darlehen laufen weiter, Kino ist ein Geschäft, in dem Sie permanent investieren müssen, was meist nur mit Krediten möglich ist. Es gibt natürlich einige öffentliche Förderprogramme, aber wenn man uns schon im Normalbetrieb finanziell unterstützen muss, können Sie sich vorstellen wie schlimm diese Krise uns jetzt trifft. Rücklagen kann man so kaum bilden.

Was hat das meiste Geld gefressen in den vergangenen Jahren?

Die Digitalisierung. Das betrifft ja nicht nur die teuren Projektoren, die viele Betreiber lange Jahre und teilweise bis heute abbezahlen mussten, sondern das komplette Kino. Sie brauchen neue Kundenkartensysteme, eine gute Webseite für die Kundenbindung. Selbst die Haustechnik bis zu den Brandschutzklappen hat sich digitalisiert. Das kostet viel Geld. Davon sieht man als Besucher teilweise gar nichts, aber es muss eben investiert werden.

Die Konkurrenz der Streamingdienste hat das Geschäft vermutlich auch nicht leichter gemacht. Wie wird die Kinolandschaft nach Corona aussehen?

Ich glaube, der Kinomarkt wird noch radikaler, noch konzentrierter. Aber ich bin mir auch sicher, dass Verleihe wie Publikum weiterhin die Kinos brauchen. Denn mit dem Start im Kino kann man immer noch gutes Geld verdienen und die Filme auch für die weiteren Verwertungsstufen veredeln. Und das Publikum schätzt uns als Kuratoren. Von den Tausenden Filmen in den Videotheken der Streamingdienste sind wir doch alle überfordert, da freuen sich die Zuschauer, wenn wir für sie vorab etwas auswählen. Gerade deshalb fordern wir die Politik auf, uns zu unterstützen. Denn stirbt das Kino wegen Corona, dann stirbt eine große Kunstform.

© SZ vom 13.05.2020/khil
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