Rassismus in Kinderliedern:Die ganze Affenbande brüllt

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Rassismus in Kinderliedern: Zum Grölen tendierende Hordengesänge: Der siebenjährige Affe Kai Lek im Monkey Theatre auf der thailändischen Insel Ko Samui. Affen werden auf der Insel auch darauf trainiert, Kokosnüsse zu pflücken.

Zum Grölen tendierende Hordengesänge: Der siebenjährige Affe Kai Lek im Monkey Theatre auf der thailändischen Insel Ko Samui. Affen werden auf der Insel auch darauf trainiert, Kokosnüsse zu pflücken.

(Foto: Rungroj Yongrit/DPA)

Zur vom ZDF aufgeworfenen Frage, wie rassistisch das Kinderlied "Wer hat die Kokosnuss geklaut?" ist. Eine Lyrikanalyse.

Von Philipp Bovermann

Wenn die Gemüter mal wieder ein wenig erregt sind, was hilft da in der Not? Eine Lyrikanalyse. Derzeit lohnt etwa eine Exegese des Kinderliedes "Die Affen rasen durch den Wald", da ZDF Kultur darauf einen "Woke-Angriff" (Bild) verübt haben soll. Der Sender betreibt den Instagram-Kanal "Around the Word", der sich mit der Vielfalt von Sprache beschäftigt.

Darin klärt er in einem Beitrag über "Rassismus im Kinderzimmer???" auf, wohlgemerkt mit Fragezeichen. Es geht beispielsweise um "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" ("antiasiatische Ressentiments"), "Aramsamsam" ("Verballhornung der arabischen Sprachen") - und eben um das Lied über eine Affenbande, die auf der Suche nach einer geklauten Kokosnuss durch den Wald rast. "Rassistische Stereotype gegen BIPoC", also Menschen dunklerer Hautfarbe, steckten "laut Kritiker*innen" darin. "Das auf BIPoC projizierte, kolonialistische Klischee vom kriminellen und triebgesteuerten Affen steht dabei besonders im Fokus", schreibt der ZDF-Account.

Das wiederum findet die taz skandalös. An dem Text des Kinderliedes sei überhaupt nichts Rassistisches. Die Rassismus-Diagnose des Senders sei vielmehr selbst rassistisch. "Bei Affen an schwarze Menschen zu denken, ist eine ungeheure Entgleisung, für die das ZDF sich umgehend entschuldigen sollte", schreibt die Berliner Tageszeitung.

Weshalb wird hier eigentlich gebrüllt?

Schauen wir uns also den Text genauer an, in dem es, so viel vorweg, um eine Affenbande geht. Je nach Kontext, etwa in manchen Fankurven von Fußballstadien, sind Affen ein etablierter rassistischer Code für Menschen schwarzer Hautfarbe. Der Bezug wird im Lied aber an keiner Stelle explizit.

Das Lied besteht aus sechs, in anderen Versionen acht Strophen, die unterschiedliche Mitglieder einer Affenhorde auf der Suche nach einer verlorenen Kokosnuss vorstellen. Sie beginnen in den ersten beiden Zeilen mit einem einfachen Reim ("Die Affenmama sitzt am Fluss / und angelt nach der Kokosnuss"), es folgt ein Refrain, eingeleitet mit der Zeile "Die ganze Affenbande brüllt". Anschließend wird die Frage, wo die Kokosnuss ist und wer sie geklaut hat, zweimal wiederholt, wobei die Frage nach dem Verbleib der Kokosnuss innerhalb dieser Wiederholung ihrerseits wiederholt wird. Die Hypnotik dieser Wiederholungen erzeugt den Eindruck primitiver, sinnvernichtender Intensität, jede lädt dazu ein, noch lauter als die vorige gesungen zu werden - die Affenhorde geht in Gebrüll unter. Der Liedforscher Gottfried Künzel rechnet "Die Affen rasen durch den Wald" unter die "etwas rüden, zum Grölen tendierenden Hordengesänge".

Apropos grölende Horden: Die Affenbande ist laut Ernst Klusen "in den singenden Jugendgruppen seit etwa 1945 heimisch". So viel zu den historischen Fakten.

Die Primitivität der Affen spiegelt sich auch in der Beschreibung des Hordenlebens wider. Es ist von Mord ("Der eine macht den anderen kalt") und Kriminalität ("Wer hat die Kokosnuss geklaut?") bestimmt. Dass "die Affenmama" am Fluss angelt, "der Affenmilchmann" auf die Milch der offenbar einzigen Kokosnuss wartet, lässt sich als Hinweis auf die prekäre materielle Versorgung der Affenbande lesen. Als Dieb wird in der letzten Strophe "das Affenbaby" überführt. Die Horde ist also möglicherweise weniger kriminell, als es ursprünglich den Anschein hatte - das Lied handelt also genau genommen von einer kriminellen Tat, die es gar nicht gab, von einem vorschnellen Urteil, das in sich zusammenfällt. Es ist ein Vorurteil-Dekonstruktions-Song.

Kann Rassismus verblassen? Und wenn ja, wann ist es so weit?

Was sagt uns das nun über die Frage, ob die grölenden Jugendhorden "seit etwa 1945" oder doch ZDF Kultur rassistischer sind? Die Antwort führt zunächst zum Musikethnologen Nepomuk Riva. Der bemerkt, dass die ersten Aufnahmen des Liedes nach afroamerikanischer Popmusik der Fünfziger- oder Sechzigerjahre klängen. Man muss also davon ausgehen: Das Lied war wohl damals rassistisch. Aber was, wenn das Lied heute anders gesungen wird? Ist dann ein Affe einfach nur ein Affe? Kann Rassismus, wenn er sich als allegorisches Interpretationsganzes über ein Werk gelegt hat, verblassen und es irgendwann freigeben? Zumindest wohl so lange nicht, wie diese Bezüge immer wieder hergestellt werden und sich dadurch reproduzieren. Und zumindest so lange nicht, wie der Code gebräuchlich ist, der Menschen schwarzer Hautfarbe mit Affen gleichsetzt. Dieser Code hält die rassistische Allegorie lebendig. Vertrackt macht die Sache nun aber natürlich umgekehrt auch, dass der Code nur weiterlebt, wenn er angewendet wird - etwa von ZDF Kultur (oder diesem Artikel).

Sind also beide rassistisch: das Lied und ZDF Kultur? Das ist sicher keine befriedigende Antwort, aber manchmal sind die Dinge nun einmal kompliziert. Keiner hat eine Kokosnuss geklaut - und trotzdem großes Gebrüll. Es muss also was passiert sein.

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