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Keira Knightley im Theater:Makellose Heuchelei

Die Theater im Londoner West End schmücken sich mit dem Glamour berühmter Filmstars. Erst war Jude Law mit seinem Hamlet dran und jetzt gibt auch Keira Knightley ihr Bühnendebüt.

A. Menden

Das Stück, das im Londoner Comedy Theatre gespielt wird, findet in zwei Welten statt. In der einen gibt eine junge Schauspielerin, die noch nie professionell Theater gespielt hat, ihr Bühnendebüt in Molières "Menschenfeind". In der anderen Welt werden Zuschauer am Eingang vorsorglich nach Kameras durchsucht, weil drinnen der Auftritt eines Hollywoodstars mit großem PaparazziAppeal ansteht. Die Schnittmenge beider Welten heißt Keira Knightley.

Was bringt eine Oscar-nominierte Hollywoodschauspielerin, die mit 24 ausgesorgt hat, dazu, sich den Anstrengungen einer mehrmonatigen Theatersaison und möglichen Verrissen auszusetzen?

(Foto: Foto: ap)

Bei ihrem ersten Auftritt steht sie mit dem Rücken zum Publikum. Sie blickt aus einem Fenster der luxuriösen Hotelsuite, in der Thea Sharrocks Inszenierung angesiedelt ist. Als sie sich umdreht, geht ein verhaltenes Raunen durch den Raum. Es ist das einzige Mal, dass allein die Anwesenheit Knightleys eine merkliche Reaktion auslöst. Doch einige der Lacher, die der Abend bereithält, wären wahrscheinlich weniger laut, spielte die Produktion nicht mit dem Besetzungscoup, die weltberühmte Filmschauspielerin Keira Knightley eine weltberühmte Filmschauspielerin namens Jennifer spielen zu lassen.

Martin Crimps 1996 erstmals aufgeführte (und für Sharrocks Inszenierung überarbeitete) Version verlegt den "Menschenfeind" in die Gegenwart und macht aus der lebenslustigen Jungwitwe Célimène den lebenslustigen Jungstar Jennifer, der Sachen sagt wie: "Ich kann doch nichts dafür, dass ich die Medien so fasziniere!" Einmal tritt Jennifer in einer Perücke auf, die sicher nicht zufällig an jene erinnert, die Knightley in "Die Herzogin" trug.

Keira Knightley ist nur einer von vielen Filmstars, die dieses Jahr an Londoner Theatern auftraten. Die Nominierungen für die Schauspielpreise des Online-Theatermagazin Whatsonstage.com lesen sich weniger wie eine Liste britischer Theatergrößen als wie ein Who-is-Who der Film- und Fernsehstars: Jude Law ist für seinen "Hamlet" als bester Hauptdarsteller nominiert.

Zugkräftige Darsteller und populäre Spielpläne

Helen Mirren ("Phèdre") ringt mit Rachel Weisz ("Endstation Sehnsucht") um den Titel der besten Hauptdarstellerin. Patrick Stewart kann doppelt hoffen: als Nebendarsteller für seinen Claudius in "Hamlet" sowie als "Theaterereignis des Jahres", eine Sparte, in der sein Auftritt mit "X-Men"-Kompagnon Ian McKellen in "Warten auf Godot" gute Chancen hat. Kurz: Das Londoner Theater birst derzeit vor Star-Glamour.

Für die Theater hat diese Besetzungspolitik handfeste wirtschaftliche Bedeutung. Zwar wird der Dachverband der West-End-Theater, die Society of London Theatre, nicht müde zu betonen, die Finanzkrise wirke sich nicht auf das Theater aus, die Nachfrage sei sogar größer als je zuvor. Doch um diese Nachfrage zu gewährleisten, bedarf es zugkräftiger Darsteller und populärer Spielpläne. Die kommerziellen Bühnen im West End orientieren sich programmatisch schon länger am Film.

Sowohl Musicals wie "Billy Elliot" und "Dirty Dancing" als auch Dramen wie "Calender Girls", "Breakfast at Tiffany's" oder "The Shawshank Redemption" spekulieren auf eine Wiederholung des Erfolgs entsprechender Filmversionen. In vertrauten Klassikern wie Tschechows "Kirschgarten" und Ibsens "Nora" treten Film- und Fernsehstars auf, auch amerikanische wie Ethan Hawke und Gillian Anderson. Leisten können sich die Theater solche Besetzungen nur, weil die Stars für einen Bruchteil ihrer Filmgagen auftreten. Das hat Kritiker zu der Bemerkung veranlasst, es gebe schon eine Art Quersubventionierung zwischen Film und Theater. Jedenfalls verfestigt sich der Eindruck, das West-End-Theater vertraue seiner Attraktivität als eigenständige Form darstellender Kunst nicht mehr so recht.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich Keira Knightley in Großbritannien Respekt verdienen will.

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