Katja Eichinger: "Liebe und andere Neurosen":Kolonien der Lust

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Katja Eichinger: "Liebe und andere Neurosen": Manchmal gibt es "keine Lösung, keine Erklärung, kein Ziel, keine Schuld für unsere Sehnsucht": Die Schriftstellerin und Filmjournalistin Katja Eichinger, Jahrgang 1971.

Manchmal gibt es "keine Lösung, keine Erklärung, kein Ziel, keine Schuld für unsere Sehnsucht": Die Schriftstellerin und Filmjournalistin Katja Eichinger, Jahrgang 1971.

(Foto: Christian Werner)

Die groß staunende und darin außergewöhnlich elegante Essayistin Katja Eichinger ergründet das Unergründliche: unser Begehren im Social-Media-Zeitalter.

Von Jens-Christian Rabe

Essays über die ewigen großen Themen zu schreiben - die Freundschaft, die Familie, den Tod oder die Liebe ­-, ist so naheliegend wie verflixt schwer. Und es verlangt einigen Mut. Mindestens. Es haben sich ja schon zwei oder drei Leute daran versucht in den vergangenen zwei oder drei Jahrtausenden. Über die großen Themen aber auch noch entlang von Erlebnissen aus seinem eigenen kleinen Leben zu schreiben, das ist - genau genommen - eine völlig verrückte Idee, auch hauchzart größenwahnsinnig. Oder das publizistische Kunststück schlechthin. In der angelsächsischen Essayistik hat der Ansatz eine lange, angesehene Tradition, hierzulande wird dem Ich-Sagen in intellektuellen Zusammenhängen üblicherweise mit tiefem Misstrauen begegnet. Akute Fehlschlussgefahr, vom Einzelnen aufs Allgemeine. Verboten.

Gut, dass sich Katja Eichinger davon nicht hat abschrecken lassen. "Liebe und andere Neurosen" heißt ihr neues Buch und es besteht aus zehn sehr persönlichen Essays zu einigen der ewigen großen Themen: Freundschaft, Familie, Tod, Lust, Begehren, Leidenschaft, Ehe, Verlieben, Zweisamkeit und Selbstliebe. Auf beinahe jeder einzelnen Seite ist es eine hinreißende Mischung aus Memoir, Spurensuche und Zeitdiagnose, wobei Katja Eichinger über ein insbesondere für eine deutsche Essayistin seltenes Doppelinteresse verfügt: Sie ist nicht nur literarisch-kulturhistorisch umsichtig, also bei den unvermeidlichen Klassikern auf der Suche, sondern auch popkulturell trittsicher, pop savvy, sich also nicht zu schade, Erkenntnissen auch dort aufzulauern, wo sich der deutsche Kanon-TÜV nicht hintraut: in den ewigen Untiefen der populären Kultur der Gegenwart.

Man steht mit ihr - ganz ähnlich übrigens wie in ihrem 2020 erschienenen und ebenso famosen Essay "Mode und andere Neurosen" - in diesem Buch also immer mit einem Bein bei den Ideen und Pointen von Platon, Shakespeare, Freud oder Foucault - und mit dem anderen in irgendeinem Popsong, einem Film, einer Trash-Serie, während sie wiederum aus ihrem eigenen (Liebes-)Leben erzählt, von Pool-Erlebnissen in Cannes oder von Niederaula, ihrem Heimatdorf tief in der hessischen Provinz, aus dem sie einst nach London floh, um Filmjournalistin und Weltstadtbürgerin zu werden (und die letzte Ehefrau des 2011 mit 63 Jahren gestorbenen, sagenumwobenen deutschen Blockbuster-Filmproduzenten Bernd Eichinger, weshalb sie lustigerweise auch so etwas ist wie die erste und einzige deutsche Essayistin, die der Bunten ein Begriff ist, leider aus den falschen Gründen).

Für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich: Kulturpessimismus ist ihr nicht wichtig

Geplant war das Buch, wie sie im Vorwort schreibt, als eine Sammlung von "zwischenmenschlichen Extremsituationen, bedingt durch die globale Pandemie". Dass es dann auch gleich mit einer Reflexion auf das Begehren losgeht, und nicht nur auf irgendetwas Begehrtes, ist schon die erste Pointe. Das Begehren als Zustand wird ihr mit Philosophen wie Deleuze und Girard zur Urkraft unseres postmodernen Social-Media-Kapitalismus. Wobei die sozialen Medien es geschafft hätten, "die Dynamiken unseres Begehrens" zu entschlüsseln: "Sie haben unser Begehren in Algorithmen übersetzt, die es vermögen, es für ihre kommerziellen Interessen nutzbar zu machen." Insbesondere für deutsche Verhältnisse ist an dieser nicht ganz neuen Diagnose nun aber ungewöhnlich, dass ihr das Kulturpessimistische daran nicht das Wichtigste ist. Man muss sich Katja Eichinger eher als eine große, medial omnivor Staunende vorstellen, die auch im persönlichen Gespräch eher Eindrücke teilt, sich an Beobachtungen herantastet und Interpretationen sucht, als apodiktische Ansagen und steile Thesen zu jonglieren.

Ihre Pointe geht dann auch entsprechend so: Die Entschlüsselung unseres Begehrens heiße nicht, "dass wir einen antifaschistischen Schutzwall um uns errichten müssen, um uns zu entziehen". Der Schutz liege "einfach" darin, "zu akzeptieren, dass es manchmal eben keine Lösung, keine Erklärung, kein Ziel, keine Schuld für unsere Sehnsucht gibt". Der eigentliche Zauber jedes Menschen, so Eichinger, entstehe doch dadurch, dass der Ursprung unseres Begehrens unergründlich ist.

Die spielerische Postmodernität, die hier anklingt, ist freilich alles andere als "einfach", im Alltag ist sie sogar ein denkbar anspruchsvolles Konzept. Und in polarisierten Zeiten wie diesen nicht besonders in Mode. Der freundliche Humanismus, der darin im Kern steckt, wird derzeit aber natürlich mehr denn je gebraucht.

Als der dunkle Kontinent der Sexualität in Manolo Blahniks kolonisiert wurde

Im Kapitel zur Lust landet man mit ihr schließlich bei der Serie "Sex and the City" und der Beobachtung, dass die eigentliche Intimität in der Serie nie wirklich mit den Sexualpartnern stattfindet. Der Sex sei nur "Mittel zur verbalen Lust" danach. "Sex and the City", so Eichinger, habe so zweifellos "die Unterhaltungen unter Frauen über Sex und Lust" verändert: "Plötzlich war es normal, dass im Karstadt um die Ecke in der Unterwäscheabteilung schwarze Strapse und Spitzen-BHs an den Bügeln hingen."

So weit bewegt sie sich allerdings noch in der etablierten Interpretation des Phänomens. Aber es geht auch gerade erst los, denn es folgt die Frage: "Wie radikal war das wirklich?" Sei hier wirklich so etwas geschehen wie die Befreiung der Lust der Frauen?

Eichinger ist skeptisch, denn "in gewisser Weise seien die Unterhaltungen in 'Sex and the City' eine Weiterführung der Kultur der sexuellen Beichte, die schon lange den westlichen Diskurs über Sex" beherrsche. Seit Sigmund Freud bezahlten wir psychoanalytische Experten dafür, uns zuzuhören, wenn wir ihnen unsere sexuellen Geheimnisse erzählen. Doch was genau sei hier eigentlich die "Lust" oder die "Kunst der Erotik"? Es gehe doch eher um "die Analyse und Produktion von Wahrheit über Sex".

Katja Eichinger: "Liebe und andere Neurosen": Katja Eichinger: Liebe und andere Neurosen. Essays. Mit Fotografien von Christian Werner. Blumenbar, Berlin 2021. 335 Seiten, 22 Euro.

Katja Eichinger: Liebe und andere Neurosen. Essays. Mit Fotografien von Christian Werner. Blumenbar, Berlin 2021. 335 Seiten, 22 Euro.

Wobei der einzige Unterschied von Freud und "Sex and the City" sei, auf welche Weise sie sich dem "dunklen Kontinent" (Freud) der weiblichen Sexualität näherten. Freuds einschlägige Arbeiten wirkten auf sie immer so, als sei er mit seinem "phallischem Fernrohr" auf einem Dampfer bloß die Küste auf und ab gefahren, die Serie sei dagegen eher ein Beispiel dafür, wie man den Kontinent mit High-Heels von Manolo Blahnik kolonisiert.

So gelingt das verblüffende Kunststück, Intimes zu erzählen (der biografische rote Faden des Lust-Kapitels ist eine Pandemie-Affäre Eichingers), ohne dabei allein indiskret zu sein. Die eigenen Erlebnisse sind Ausgangspunkt und dramaturgischer Anker der Assoziationen. Worum es eigentlich geht, ist, dem Wesen des jeweiligen großen Themas auf die Spur zu kommen. Mit anderen Worten: Durch dieses Buch schwebt etwas, das man vielleicht kritische Eleganz nennen kann, das gleichzeitig unterhaltsam und instruktiv wirkt.

Apropos: Man darf sich Katja Eichinger in diesem Sinne übrigens auch als virtuose Gastgeberin vorstellen, die - man hatte es fast vermutet - über die seltene und unterschätzte Gabe verfügt, auf die allerunprätentiöseste Weise so entspannt wie konzentriert geistreich plaudern zu können. Wobei die Dinge danach nie einfacher, aber auf wundersame Weise trotzdem leichter erscheinen.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Katja Eichinger jüngst, dass Verliebte "zu Auguren und Wahrsagern" würden und ständig nach der Bestätigung suchten, "dass das, was wir erleben, bedeutsam ist und dass das Universum uns wahrnimmt". Sie persönlich fände das sehr schön, "aber per se ist das Leben natürlich absurd". Es dürfte sehr, sehr wenige Menschen geben, die diese niederschmetternde Pointe so tief beruhigend und herzerweichend tröstlich klingen lassen können wie in dem Moment Katja Eichinger.

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