Kunstdebatte "Ich habe mich wirklich widerlich benommen, keine Frage"

Der Kunstkurator Kasper König (Archivbild)

(Foto: picture alliance / Guido Kirchne)
  • Im Mitschnitt einer Diskussionsrunde in München wirkt Kurator Kasper König unvorbereitet und verfällt in einen dubiosen Monolog über "Typen in Kreuzberg".
  • Auf harsche Kritik vor allem von der Künstlerin Cana Bilir-Meier hin hat sich König daraufhin zwar entschuldigt, wartet jedoch bis heute auf Antwort seiner Kritiker.
  • Der Fall wirft unter anderem die Frage auf, wie rassistisch die Kunstwelt ist.
Von Catrin Lorch

Die Diskussionsreihe "Kasper König &" läuft seit mehr als einem Jahr in den Münchner Kammerspielen. Eine der letzten Vorstellungen der Reihe war dem Thema "Heimat und Rechtsradikalismus" gewidmet. Dazu waren die beiden aus Ostdeutschland stammenden Künstler Henrike Naumann und Wilhelm Klotzek eingeladen und die Künstlerin Cana Bilir-Meier aus München. Zwei Stunden nach dem Ende der Veranstaltung postete Bilir-Meier auf Facebook unter der Überschrift "Zum Kotzen" auf Englisch ihre Erinnerung an diesen "most horrible talk with Kasper König", eine Horrordiskussion.

Schon nach dem telefonischen Vorgespräch hätte sie gewarnt sein sollen, schreibt sie, denn da habe der Gastgeber ihr unumwunden mitgeteilt, dass sie Kunstpreise wohl nur wegen ihres "exotischen Namens" gewonnen hätte. Der Abend sei dann "voll toxischer Maskulinität, Rassismus und Gewalt" verlaufen. In Versalien zitiert sie zudem einen Ausbruch Königs gegen die "türkische Community": "Er hat während des Gesprächs wirklich gesagt, dass sie (die Türken) Arschlöcher und aggressiv seien (weil sie in Berlin dicke Autos fahren)". Seither steht das Netz nicht mehr still.

"Fuuuuuuuuck You König, diese Typen mit Mattautos sind meine Brüder!", antwortet die Wiener Rapperin Esra Özmen sofort. Der Fotograf Murat Tueremiş schreibt: "Das, was die deutsche Kulturelite von Nachfahren türkischer / anatolischer Gastarbeiter und Migrationshintergründen hält, wird hier mal wieder deutlich in Worte gepackt." Die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz teilt den Beitrag unter dem Hashtag "notsurprised" und schreibt, dass es ihr leidtue, "dass das auf Dich zielte, Cana". Den Begriff der "deutschen Old-Dick-Kunstwelt-Grandezza" der Theoretikerin Kerstin Stakemeier teilt die Münchner Kunstszene. "Ich bin überhaupt nicht überrascht", ergänzt der aus Kamerun stammende Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, einer der Kuratoren der Documenta 14, "es ist einer der größten Mythen, dass die sogenannte Kunstwelt ein 'progressiver', 'liberaler' oder 'sicherer' Ort ist."

Der Tenor "Go Cana Go!" hält sich über Tage - und während das politische Kunstmagazin Texte zur Kunst bereits nach einem Autor für einen Beitrag zu Kasper Königs Auftritt sucht, unterschreiben mehr als 100 Menschen das Manifest "Es kotzt uns an!", das an diesem Freitag veröffentlicht wird. Die Entgleisungen seien kein Einzelfall, stellen die Autoren fest. Der Kunstkontext setze sich auf der einen Seite "kritisch" mit "Migration, Rassismus, Klassismus und Kolonialismus auseinander", reproduziere gleichzeitig aber Diskriminierungen: Es wird "zwar mit uns gesprochen", heißt es weiter, man werde aber nur eingeladen "solange unsere Kritik nicht die alltägliche Praxis der Institution/Person kritisiert, sondern ihr bei einer Imageverbesserung hilft". Wo man Rassismus anspreche, sei die Antwort zu oft, "dass wir nur was falsch verstanden haben und es nicht so gemeint war, dass wir übertreiben".

Die Kammerspiele stellen einen Mitschnitt des Abends ins Netz. Man sieht: Der Fall ist exemplarisch.

Horror-Diskussion? Cana Bilir-Meier, Henrike Naumann, Kasper König, Wilhelm Klotzek (von links) in den Münchner Kammerspielen.

(Foto: Vimeo Screenshot/Kammerspiele)

Was genau ist in München vorgefallen? Ist es nur dem prominenten Namen von Kasper König geschuldet, dass die Szene sich empört? Nein. Die Münchner Kammerspiele, die sich auf ihrer Website sofort entschuldigten ("Äußerungen des Gastgebers können als herabsetzend insbesondere gegenüber (Post)Migrant*innen verstanden werden.") stellten schnell einen Videomitschnitt auf ihre Seite, und man begreift das Exemplarische des Vorfalls.

Was sich über zweieinhalb Stunden auf der schwarz lackierten Bühne abspielt, hat etwas von einem Kammerspiel, das Kasper König fast ahnungsvoll mit dem Satz eröffnet, er stünde dort als "einer der alten Männer Jahrgang '43", geboren am Ende eines Krieges. Die Gesprächsrunde geht die künstlerischen Werke zügig an: Henrike Naumann baut aus Möbeln Installationen, Wilhelm Klotzek versetzt - nur mal vorschlagshalber - den abgerissenen Palast der Republik und andere Berliner Großbaustellen.

Die in München geborene Cana Bilir-Meier ist vielen in ihrer Heimatstadt spätestens seit dem vergangenen Sommer bekannt, als sie für die Biennale Public Art die im Jahr 1967 versäumte Grundsteinlegung der Freimann-Moschee in einem öffentlichen Akt nachholte. Zudem zeigte sie Clips, die sie aus alten Fernsehshows wie "Richter Alexander Hold" geschnitten hatte, die von Ehrenmord oder Türkenmafia handelten. Bilir-Meier bringt bei Performances Archivmaterial wie ein DJ zum Sprechen. Die Kunstwissenschaft lobte an ihrem Werk gerade ihre Zurückhaltung: "Aneignung heißt in Cana Bilir-Meiers Arbeit also immer auch Relativierung und Denaturalisierung von Autorschaft innerhalb eines von sozialen und symbolischen Ausschlüssen geprägten gesellschaftlichen Feldes namens Gegenwartskunst", schreibt Sabeth Buchmann.