Süddeutsche Zeitung

Kunstdebatte:"Ich habe mich wirklich widerlich benommen, keine Frage"

  • Im Mitschnitt einer Diskussionsrunde in München wirkt Kurator Kasper König unvorbereitet und verfällt in einen dubiosen Monolog über "Typen in Kreuzberg".
  • Auf harsche Kritik vor allem von der Künstlerin Cana Bilir-Meier hin hat sich König daraufhin zwar entschuldigt, wartet jedoch bis heute auf Antwort seiner Kritiker.
  • Der Fall wirft unter anderem die Frage auf, wie rassistisch die Kunstwelt ist.

Die Diskussionsreihe "Kasper König &" läuft seit mehr als einem Jahr in den Münchner Kammerspielen. Eine der letzten Vorstellungen der Reihe war dem Thema "Heimat und Rechtsradikalismus" gewidmet. Dazu waren die beiden aus Ostdeutschland stammenden Künstler Henrike Naumann und Wilhelm Klotzek eingeladen und die Künstlerin Cana Bilir-Meier aus München. Zwei Stunden nach dem Ende der Veranstaltung postete Bilir-Meier auf Facebook unter der Überschrift "Zum Kotzen" auf Englisch ihre Erinnerung an diesen "most horrible talk with Kasper König", eine Horrordiskussion.

Schon nach dem telefonischen Vorgespräch hätte sie gewarnt sein sollen, schreibt sie, denn da habe der Gastgeber ihr unumwunden mitgeteilt, dass sie Kunstpreise wohl nur wegen ihres "exotischen Namens" gewonnen hätte. Der Abend sei dann "voll toxischer Maskulinität, Rassismus und Gewalt" verlaufen. In Versalien zitiert sie zudem einen Ausbruch Königs gegen die "türkische Community": "Er hat während des Gesprächs wirklich gesagt, dass sie (die Türken) Arschlöcher und aggressiv seien (weil sie in Berlin dicke Autos fahren)". Seither steht das Netz nicht mehr still.

"Fuuuuuuuuck You König, diese Typen mit Mattautos sind meine Brüder!", antwortet die Wiener Rapperin Esra Özmen sofort. Der Fotograf Murat Tueremiş schreibt: "Das, was die deutsche Kulturelite von Nachfahren türkischer / anatolischer Gastarbeiter und Migrationshintergründen hält, wird hier mal wieder deutlich in Worte gepackt." Die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz teilt den Beitrag unter dem Hashtag "notsurprised" und schreibt, dass es ihr leidtue, "dass das auf Dich zielte, Cana". Den Begriff der "deutschen Old-Dick-Kunstwelt-Grandezza" der Theoretikerin Kerstin Stakemeier teilt die Münchner Kunstszene. "Ich bin überhaupt nicht überrascht", ergänzt der aus Kamerun stammende Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, einer der Kuratoren der Documenta 14, "es ist einer der größten Mythen, dass die sogenannte Kunstwelt ein 'progressiver', 'liberaler' oder 'sicherer' Ort ist."

Der Tenor "Go Cana Go!" hält sich über Tage - und während das politische Kunstmagazin Texte zur Kunst bereits nach einem Autor für einen Beitrag zu Kasper Königs Auftritt sucht, unterschreiben mehr als 100 Menschen das Manifest "Es kotzt uns an!", das an diesem Freitag veröffentlicht wird. Die Entgleisungen seien kein Einzelfall, stellen die Autoren fest. Der Kunstkontext setze sich auf der einen Seite "kritisch" mit "Migration, Rassismus, Klassismus und Kolonialismus auseinander", reproduziere gleichzeitig aber Diskriminierungen: Es wird "zwar mit uns gesprochen", heißt es weiter, man werde aber nur eingeladen "solange unsere Kritik nicht die alltägliche Praxis der Institution/Person kritisiert, sondern ihr bei einer Imageverbesserung hilft". Wo man Rassismus anspreche, sei die Antwort zu oft, "dass wir nur was falsch verstanden haben und es nicht so gemeint war, dass wir übertreiben".

Die Kammerspiele stellen einen Mitschnitt des Abends ins Netz. Man sieht: Der Fall ist exemplarisch.

Was genau ist in München vorgefallen? Ist es nur dem prominenten Namen von Kasper König geschuldet, dass die Szene sich empört? Nein. Die Münchner Kammerspiele, die sich auf ihrer Website sofort entschuldigten ("Äußerungen des Gastgebers können als herabsetzend insbesondere gegenüber (Post)Migrant*innen verstanden werden.") stellten schnell einen Videomitschnitt auf ihre Seite, und man begreift das Exemplarische des Vorfalls.

Was sich über zweieinhalb Stunden auf der schwarz lackierten Bühne abspielt, hat etwas von einem Kammerspiel, das Kasper König fast ahnungsvoll mit dem Satz eröffnet, er stünde dort als "einer der alten Männer Jahrgang '43", geboren am Ende eines Krieges. Die Gesprächsrunde geht die künstlerischen Werke zügig an: Henrike Naumann baut aus Möbeln Installationen, Wilhelm Klotzek versetzt - nur mal vorschlagshalber - den abgerissenen Palast der Republik und andere Berliner Großbaustellen.

Die in München geborene Cana Bilir-Meier ist vielen in ihrer Heimatstadt spätestens seit dem vergangenen Sommer bekannt, als sie für die Biennale Public Art die im Jahr 1967 versäumte Grundsteinlegung der Freimann-Moschee in einem öffentlichen Akt nachholte. Zudem zeigte sie Clips, die sie aus alten Fernsehshows wie "Richter Alexander Hold" geschnitten hatte, die von Ehrenmord oder Türkenmafia handelten. Bilir-Meier bringt bei Performances Archivmaterial wie ein DJ zum Sprechen. Die Kunstwissenschaft lobte an ihrem Werk gerade ihre Zurückhaltung: "Aneignung heißt in Cana Bilir-Meiers Arbeit also immer auch Relativierung und Denaturalisierung von Autorschaft innerhalb eines von sozialen und symbolischen Ausschlüssen geprägten gesellschaftlichen Feldes namens Gegenwartskunst", schreibt Sabeth Buchmann.

"Ich habe von Typen geredet"

Kasper König erwähnt davon kein Wort. Er wirkt an dem Abend nicht nur unvorbereitet, sondern ist offensichtlich nicht bereit, solche Qualitäten seinem Publikum in dem Künstlergespräch zugänglich zu machen. Im Gegenteil: Mehr als eine "Tiefenrecherche" vermag er bei Bilir-Meier nicht zu erkennen und fragt, ob die Künstlerin mit dem Material nicht lieber was "im Fernsehen oder Radio" machen würde. Man braucht eine Weile, bis man die Vorbehalte hört, Königs assoziative Monologe kommen vom Privatfernsehen auf den Konsumzwang und von Einkaufsmalls auf Flughäfen, bremsen aber wieder und wieder vor dem Werk von Bilir-Meier. Warum es da irgendwie keine Form gebe, die Tiefenbohrungen sich nicht verdichteten, damit da "eine Kraft entsteht"?

Immerhin meldet sich der Münchner Kulturschaffende Gürsoy Doğtaş im Publikum zu Wort und weist König darauf hin, dass er nur eine der drei Geladenen wieder und wieder auf die Form befrage, "als wäre man hier bei der Beratung zu einer Mappe, wie man noch professioneller werden kann". Dass der Abend ab dem Moment keinen anderen Verlauf nimmt, ist erstaunlich. König, kein bisschen beschämt, bleibt bei seinen Vorbehalten, die er im Selbstgespräch noch einmal an historischen Beispielen wie Bruce Nauman oder Hans Haacke zuspitzt. Auch die eigenartige Passage über die "Typen in Kreuzberg" hat sich im Monologisieren entwickelt, unvermittelt und in dem Tonfall, in den manche Deutsche verfallen, wenn sie Phänomene aus ihrem Alltag wie Kopftücher, breitbereifte Autos, Schmuck oder Großfamilien pauschal bestimmten Rassen, Religionen oder Nationen zuordnen.

Dennoch ist es dieser Moment, in dem sich Kasper König im Nachhinein besonders missverstanden fühlt. Beim Anruf der SZ räumt er zunächst Fehler ein: "Meine Schuld war es, nicht gut informiert gewesen zu sein", sagt er: "Ich habe mich wirklich widerlich benommen, keine Frage." Er habe der Künstlerin sofort einen sieben Seiten langen, handschriftlichen Entschuldigungsbrief geschrieben, in dem er sich selbstkritisch als "alter weißer Mann" apostrophiert habe und "Formulierungen wie Künstler*Innen gewählt habe, die ich sonst nie verwende".

"Die sind doch nicht Black Panther oder Rapper - ich stehe da wie ein Kolonialarsch."

Seither warte er auf Antwort und sei bereit, sich im Gespräch - auch öffentlich - den Vorwürfen zu stellen. Doch sei an dem Abend "kein einziges Mal das Wort Türke gefallen, ich habe von Typen geredet". Dass sich nun "ganz bürgerliche Frauen mit denen solidarisieren", kann er nicht nachvollziehen. "Die sind doch nicht die Black Panther oder Rapper - ich stehe da wie ein Kolonialarsch." Ob die Szene sich aber auf Erklärungen einlassen möchte? Es geht wohl längst nicht mehr um ein mögliches Missverständnis oder einen rassistischen Ausbruch. Der Konflikt zwischen den Generationen braucht auch keinen Ort und keine Namen, er ist ja längst da.

Die Reaktionen hören sich an wie eine Entladung, als sei der Ausbruch überfällig. Denn Kasper König hat die internationale Szene der zeitgenössischen Kunst nicht einfach nur geprägt: Wer die im Neuen Berliner Kunstverein gerade laufende Ausstellung "A 37 90 89 - Die Erfindung der Neo-Avantgarde" gesehen hat, kann aus den gezeigten Fotografien, Dokumenten, Briefen und Einladungen eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass die internationale Nachkriegs-Avantgarde eine Erfindung von Kasper König ist, dass er der damals noch unbehausten zeitgenössischen Kunst nicht einfach nur ein Dach gab, sondern eine ganze Architektur erfand und alle Blaupausen gleich mit.

Seit König im Jahr 1969 die erste Museums-Schau mit Andy Warhol eingerichtet hatte, schuf er mit den Skulptur-Projekten Münster das Konzept der Stadtkunstschau, erfand die zeitgenössische Großausstellung mit "Westkunst" oder "Von hier aus", prägte als Direktor der Frankfurter Städelschule die zeitgenössische, akademische Künstlerausbildung und leitete das Kölner Museum Ludwig, während seine Familie mit Galerien und Verlagen einige der bedeutendsten Künstler unter Vertrag hält. Dennoch stand König selbst nie für Autorität, sondern für eine Autonomie der Kunst, für Bewegung, für Neugierde und Durchsetzungsvermögen.

Nun stößt den charmant-rüpeligen König ausgerechnet eine in den Achtzigerjahren geborene Künstlerin mit Migrationshintergrund vom Sockel. Und man erkennt, dass die Szene nicht mehr bereit ist, ihn als Hausherrn zu akzeptieren, wenn sich Gäste wie Bilir-Meier unwohl fühlen. Auf der Bühne in München waren sich alle drei Künstler einig, dass es nicht nur von Vorteil sei, dem Galerie-System anzugehören. "Ich arbeite anders", sagte Cana Bilir-Meier, "mit anderen Gruppen, in anderen Räumen." Die Szene sollte sich nicht nur mit den Werken, sondern auch mit den Anliegen ihrer Generation befassen. Der Fall König zeigt, wie schnell jemand, der sich immer an der Spitze sah, plötzlich allein dasteht.

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Quelle:
SZ vom 07.12.2018/cag
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