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Kabarettist Dieter Hildebrandt:"Occupy rollt an mir vorbei"

SZ: Also gab es im alten Westdeutschland von Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Johannes Rau weniger Korruption?

Klaus Havenstein und Dieter Hildebrandt, 1968

Dieter Hildebrandt (l) und Klaus Havenstein in der Lach- und Schießgesellschaft 1968. Der Titel des Programms lautete: "Der Moor ist uns noch was schuldig " (frei nach dern "Räubern" von Friedrich Schiller).

(Foto: DPA)

Hildebrandt: Das behaupte ich nicht. Aber ich glaube, dass diejenigen, die erwischt wurden, anders reagiert hätten als heute. Auf der einen Seite ist es heute leichter, Korruption zu enthüllen. Auf der anderen Seite sagen die Leute heute eher: Na ja, es machen ja alle so. Man nimmt das so hin. Egal, ob es um Politiker, Wirtschaftsgrößen oder Banken geht. Das hat sich so eingeschliffen.

SZ: Sie spielen auf die internationale Finanzkrise an.

Hildebrandt: Unsere Banken treiben uns an den Rande des Ruins, dann lassen sie sich von unserem Geld retten. Ein, zwei Jahre später wiederholen sie das Spiel. Wir lassen uns das gefallen und unsere Politiker auch. Unsere Politiker bedauern, was die Finanzwelt macht. Aber sie tun nicht, was sie tun könnten, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Das ist nicht in Ordnung.

SZ: Was halten Sie von der Occupy-Bewegung? In den vergangenen Tagen gab es kapitalismuskritische Blockupy-Proteste in der Bankenstadt Frankfurt.

Hildebrandt: Dieser Protest ist aus einer ganz natürlichen Empfindung entstanden. Es ist positiv und richtig, dass die Menschen ihren Unmut öffentlich zeigen.

SZ: Würden Sie demonstrieren, wenn der Protest hier in München wäre?

Hildebrandt: Ich setze mich lieber auf eine Bank und sehe mit Wohlwollen zu, wie Occupy an mir vorbeirollt. Ich würde mitmachen, wenn ich mithalten könnte mit denjenigen, die laufen. Aber mit 85 ist es zu spät, sich an irgendeine Spitze zu setzen. Ich blamiere mich so ungern.

SZ: Haben Sie sich denn schon oft blamiert?

Hildebrandt: Sicherlich habe ich das. Aber was das genau war? Weiß ich nicht mehr. (lacht) Alles weg!

SZ: Aber das, was Ihr Leben am intensivsten prägte, haben Sie nicht vergessen, oder?

Hildebrandt: Drei große Themen waren es, die mich antrieben. Am Anfang, in den fünfziger Jahren, ging es um die Wiederbewaffnung und, wie wir eine bessere und friedliche Zukunft erreichen. Dann: Wachstum, Wohlstand und der Übermut und die gesellschaftlichen Konflikte, die daraus entstehen. Nummer drei: die Wiedervereinigung und die Frage, wie Menschen, die 40 Jahre in der DDR leben mussten, wieder mit den Menschen zusammenkommen, die 40 Jahre in Freiheit leben durften.

SZ: Sie waren mit 17 als Kanonenfutter für die Reste des Nazi-Regimes vorgesehen und überlebten knapp. Wie sehr beeinflusste der Krieg Ihr späteres Leben?

Hildebrandt: Die volle Wirkung setzte erst in den Jahren danach ein. Ich war einfach zu jung, um das Erlebte schneller zu verarbeiten. Es dauerte lange, bis ich den Schock überwinden konnte. Vier, fünf Jahre drehten sich meine Gedanken vor allem um die Frage: Was wird aus uns? Und als ich begriffen habe, wohin das läuft, habe ich begonnen, mich politisch zu engagieren. Immer ein bisschen mehr. Als ich merkte, jetzt muss ich mich voll engagieren, lag das Kriegsende zehn Jahre zurück.

SZ: Wichtige Erfahrungen für Ihre humoristische Laufbahn machten Sie zu dieser Zeit in der "Kleinen Freiheit" - als Platzanweiser. War es damals schon Ihr festes Ziel, Kabarettist zu werden?

Hildebrandt: Als ich sah, was sich auf der Bühne abspielte, war ich regelrecht befallen von diesem Beruf. Ich wollte es auch tun.

SZ: Gibt es Dinge, die Sie gerne gemacht hätten, aber noch nicht probiert haben?

Hildebrandt: Klar gibt es die: Das sind Sachen, die ich nicht kann. Deshalb lasse ich Sie auch.

SZ: Was würden Sie denn gerne besser können?

Hildebrandt: Alles, was mit Musik zu tun hat. Ich hätte gerne ein Instrument gespielt - ich kam aber nicht zum Lernen. Ich wäre gerne ein guter Sänger - ich bin es nicht. Ich würde gerne ein Theaterstück schreiben - ich kann es nicht. Ich wäre ein guter Schauspieler - ich bin aber keiner.

SZ: Aber Sie sind ein guter Kabarettist.

Hildebrandt: Trotzdem: Das alles hätte ich lieber gemacht. Aber als ich damit anfing, das zu tun, was ich tue, habe ich gemerkt, dass ich das am besten kann. Darum mache ich es jetzt am liebsten.

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