Süddeutsche Zeitung

Kabarettist Dieter Hildebrandt:"Ich bin hoch gespannt auf den Tag X"

Warum der von ihm verehrte Kollege Georg Kreisler nicht mit ihm warm wurde. Welche Berufe er dem Kabarett vorgezogen hätte. Und die Frage nach Gott. Ein Gespräch mit Dieter Hildebrandt zu seinem 85. Geburtstag.

Oliver Das Gupta

Dieter Hildebrandt ist der Nestor des deutschen Polit-Kabaretts. Seit mehr als fünf Jahrzehnten piesackt er Volksvertreter - Franz Josef Strauß, Helmut Kohl, aber auch "seine" SPD können ein Lied davon singen. Von der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, brachte Hildebrandt das Kabarett in die Medien - seine legendären Sendungen Notizen aus der Provinz und Der Scheibenwischer gehören zu den Juwelen des deutschen Fernsehens. Am 23. Mai vor 85 Jahren wurde er in Schlesien geboren, seinen Geburtstag feiert er im Kreise seiner Familie im Ausland. Das folgende Gespräch enthält auch drei Fragen von SZ-Lesern, die sie über Twitter vorschlagen konnten. Hildebrandt selbst will auch "internetzen". Später, wenn er mal weniger zu tun habe, beteuert er. Wann er denn kürzer treten wolle? Frühestens in einem Jahr, sagt er: So lange habe er nämlich schon seine beruflichen Termine vorgeplant.

SZ: Mensch, Herr Hildebrandt: 85 Jahre!

Dieter Hildebrandt: Ist nicht mehr zu ändern.

SZ: Das ist ein stolzes Alter. Und Sie wirken fit. Wenn man Sie so sieht, hört und liest, dann ...

Hildebrandt: ... vergisst man schon mal zwei, drei Jahre, meinen Sie? Jaja, jahaaa ...

SZ: Sie nehmen das Kompliment vorweg. Wie haben Sie sich als junger Mann das hohe Alter vorgestellt?

Hildebrandt: Als ich 20 war, hab ich gedacht, dass ich nicht älter werde als 65 oder maximal 70. Um mich herum starben sie ja auch alle in diesem Alter. Die Friedhöfe waren voll mit ihnen. Inzwischen bin ich ganz froh, dass ich noch einigermaßen bei Trost bin. Es geht schon. Oder wie der Bayer sagt: 'Basst scho!'

SZ: Sie sind in Schlesien geboren, leben aber seit Jahrzehnten in München. Wie sehr haben Sie sich denn inzwischen bajuwarisiert?

Hildebrandt: Es ist eine ganze Menge in mich eingedrungen. Aber ich vermeide es, so zu tun, als sei ich von hier. Um Bairisch zu sprechen, muss man in Bayern aufgewachsen sein.

SZ: Sind Sie denn so sehr Münchner, dass Sie am Samstagabend, beim Champions-League-Finale, getrauert haben?

Hildebrandt: Da habe ich natürlich mitgelitten. Besonders leid taten mir die Elfmeterschützen. So viel Pech kann man nicht haben. 120 Minuten rennen die Bayern auf das Tor des Gegners, Chelsea stellt sich hinten rein, zerstört das Spiel, und triumphiert am Ende. Diese Mannschaft ist der Horror.

SZ: Haben Sie beim FC Schmiere, der Freizeitmannschaft der Lach- und Schießgesellschaft, Ihre Elfmeter versenkt?

Hildebrandt: Ich bin da nicht drangekommen. Wir hatten ja auch gelernte Fußballspieler dabei, die haben das dann übernommen. Die haben mich nur mitlaufen lassen und ab und zu durfte ich ein Tor schießen. Das haben die mir dann gegönnt: Sie legten mir den Ball so vor, dass es gar nicht danebengehen konnte.

SZ: Herr Hildebrandt, Sie gehören zum lebenden Inventar der Bundesrepublik. Es ist ein Staat, dessen Verfassung auch an einem 23. Mai in Kraft trat - Sie haben also sozusagen gemeinsam Geburtstag. Sind Sie zufrieden, wie sich Deutschland entwickelt hat?

Hildebrandt: Es hätte schlechter kommen können. Die Weimarer Republik endete nach 14 Jahren, unsere Bundesrepublik aber existiert nun schon 63 Jahre. Das ist schon ein Erfolg. Ich bin in dieser Hinsicht zufrieden.

SZ: Sind Sie es auch mit dem aktuellen Zustand der Republik?

Hildebrandt: Nein! Wir müssen immer darauf achten, dass wir nicht abrutschen. An dieser Demokratie ist immer etwas ein bisschen faul oder faul geworden. Die Kontrolleure kontrollieren sich beispielsweise selber - dabei ist das im Grundgesetz gar nicht so vorgesehen. Das Unrechtsbewusstsein bei nichtdemokratischen Handlungen wie Korruption hat abgenommen.

SZ: Das müssen Sie erklären.

Hildebrandt: Viele Ertappte sind fassungslos, dass man ihnen etwas vorwirft. Vor 25 Jahren wäre das noch anders gewesen.

"Occupy rollt an mir vorbei"

SZ: Also gab es im alten Westdeutschland von Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Johannes Rau weniger Korruption?

Hildebrandt: Das behaupte ich nicht. Aber ich glaube, dass diejenigen, die erwischt wurden, anders reagiert hätten als heute. Auf der einen Seite ist es heute leichter, Korruption zu enthüllen. Auf der anderen Seite sagen die Leute heute eher: Na ja, es machen ja alle so. Man nimmt das so hin. Egal, ob es um Politiker, Wirtschaftsgrößen oder Banken geht. Das hat sich so eingeschliffen.

SZ: Sie spielen auf die internationale Finanzkrise an.

Hildebrandt: Unsere Banken treiben uns an den Rande des Ruins, dann lassen sie sich von unserem Geld retten. Ein, zwei Jahre später wiederholen sie das Spiel. Wir lassen uns das gefallen und unsere Politiker auch. Unsere Politiker bedauern, was die Finanzwelt macht. Aber sie tun nicht, was sie tun könnten, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Das ist nicht in Ordnung.

SZ: Was halten Sie von der Occupy-Bewegung? In den vergangenen Tagen gab es kapitalismuskritische Blockupy-Proteste in der Bankenstadt Frankfurt.

Hildebrandt: Dieser Protest ist aus einer ganz natürlichen Empfindung entstanden. Es ist positiv und richtig, dass die Menschen ihren Unmut öffentlich zeigen.

SZ: Würden Sie demonstrieren, wenn der Protest hier in München wäre?

Hildebrandt: Ich setze mich lieber auf eine Bank und sehe mit Wohlwollen zu, wie Occupy an mir vorbeirollt. Ich würde mitmachen, wenn ich mithalten könnte mit denjenigen, die laufen. Aber mit 85 ist es zu spät, sich an irgendeine Spitze zu setzen. Ich blamiere mich so ungern.

SZ: Haben Sie sich denn schon oft blamiert?

Hildebrandt: Sicherlich habe ich das. Aber was das genau war? Weiß ich nicht mehr. (lacht) Alles weg!

SZ: Aber das, was Ihr Leben am intensivsten prägte, haben Sie nicht vergessen, oder?

Hildebrandt: Drei große Themen waren es, die mich antrieben. Am Anfang, in den fünfziger Jahren, ging es um die Wiederbewaffnung und, wie wir eine bessere und friedliche Zukunft erreichen. Dann: Wachstum, Wohlstand und der Übermut und die gesellschaftlichen Konflikte, die daraus entstehen. Nummer drei: die Wiedervereinigung und die Frage, wie Menschen, die 40 Jahre in der DDR leben mussten, wieder mit den Menschen zusammenkommen, die 40 Jahre in Freiheit leben durften.

SZ: Sie waren mit 17 als Kanonenfutter für die Reste des Nazi-Regimes vorgesehen und überlebten knapp. Wie sehr beeinflusste der Krieg Ihr späteres Leben?

Hildebrandt: Die volle Wirkung setzte erst in den Jahren danach ein. Ich war einfach zu jung, um das Erlebte schneller zu verarbeiten. Es dauerte lange, bis ich den Schock überwinden konnte. Vier, fünf Jahre drehten sich meine Gedanken vor allem um die Frage: Was wird aus uns? Und als ich begriffen habe, wohin das läuft, habe ich begonnen, mich politisch zu engagieren. Immer ein bisschen mehr. Als ich merkte, jetzt muss ich mich voll engagieren, lag das Kriegsende zehn Jahre zurück.

SZ: Wichtige Erfahrungen für Ihre humoristische Laufbahn machten Sie zu dieser Zeit in der "Kleinen Freiheit" - als Platzanweiser. War es damals schon Ihr festes Ziel, Kabarettist zu werden?

Hildebrandt: Als ich sah, was sich auf der Bühne abspielte, war ich regelrecht befallen von diesem Beruf. Ich wollte es auch tun.

SZ: Gibt es Dinge, die Sie gerne gemacht hätten, aber noch nicht probiert haben?

Hildebrandt: Klar gibt es die: Das sind Sachen, die ich nicht kann. Deshalb lasse ich Sie auch.

SZ: Was würden Sie denn gerne besser können?

Hildebrandt: Alles, was mit Musik zu tun hat. Ich hätte gerne ein Instrument gespielt - ich kam aber nicht zum Lernen. Ich wäre gerne ein guter Sänger - ich bin es nicht. Ich würde gerne ein Theaterstück schreiben - ich kann es nicht. Ich wäre ein guter Schauspieler - ich bin aber keiner.

SZ: Aber Sie sind ein guter Kabarettist.

Hildebrandt: Trotzdem: Das alles hätte ich lieber gemacht. Aber als ich damit anfing, das zu tun, was ich tue, habe ich gemerkt, dass ich das am besten kann. Darum mache ich es jetzt am liebsten.

"Georg Kreisler habe ich geliebt"

SZ: Der im vergangenen Jahr verstorbene Georg Kreisler konnte Klavier spielen und singen. Der Wiener verbrachte einige Jahre hier in München, aber warm wurden Sie beide nicht. Woran lag das?

Hildebrandt: Er spielte in einer Zeit bei uns in der Lach- und Schießgesellschaft, in der er dem politischen Kabarett, wie wir es gespielt haben, misstraut hat.

SZ: Er fand Sie zu lax?

Hildebrandt: Er war in einer radikalen Phase. Wir waren ihm einfach nicht hart und bissig genug. Er witterte bei uns das Streben, die Leute zu erheitern. Wir waren ihm zu unterhaltsam. Ich glaube aber, dass er gar nicht alles kannte, was wir auf die Bühne brachten.

SZ: Mochten Sie denn das, was er sang und spielte?

Hildebrandt: Natürlich. Meine Kinder und Kindeskinder, wir alle verehren Kreisler. Ich habe ihn geliebt und tue es heute noch.

SZ: Gehen wir in Ihrer Vita an den Anfang zurück. Ihre Geburtsstadt Bunzlau liegt heute in Polen. Dorthin ist Bundespräsident Joachim Gauck gleich nach seinem Amtsantritt gereist. Ist das nur Symbolik oder mehr?

Hildebrandt: Es war eine kluge und richtige Geste von Gauck. Der Gedanke, sich eingehender mit den Polen zu befassen, ist völlig richtig. Im Gegensatz zu unserem Verhältnis zu Frankreich ist das zu Polen immer noch nicht ganz geordnet. So einfach geht das auch nicht, dazu ist zu viel geschehen.

SZ: Bleiben wir beim Präsidenten: Christian Wulff war ein junger Familienvater, Joachim Gauck ist Urgroßvater. Wie sieht der Kabarettist den neuen alten Mann in Bellevue?

Hildebrandt: Auf mich wirkt er nicht wie ein Urgroßvater und auch nicht wie ein Großvater. Ich glaube, er ist ein Häuptling.

SZ: Wie kommen Sie denn darauf?

Hildebrandt: Die amerikanischen Ureinwohner achteten ihre Häuptlinge. Denn die waren nicht nur stolz, sondern hatten auch eine ganze Menge erlebt. Von diesen Erfahrungen konnten alle profitieren und deshalb haben sie ihren Häuptlingen zugehört. Bei Gauck ist das ähnlich: Er wirkt glaubwürdig, durch das, was er erlebt hat. Ich verehre so etwas nicht, aber ich erkenne es an. Und ich sehe mit dem größten Vergnügen, dass er als Präsident bislang keinen einzigen Fehler gemacht hat. Aber er hat ja auch gerade erst angefangen.

SZ: Mögen Sie Gauck auch deshalb, weil er gegen den Willen von Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatsoberhaupt wurde?

Hildebrandt: (lacht) Das ist ein Nebenamüsement, stimmt.

SZ: Sie haben in den früheren SZ-Gesprächen immer gerne über die CDU-Chefin gespottet, so wie Sie es über ihren Vorgänger Helmut Kohl getan haben. Angriffsfläche bieten ja beide genug. Wird man ein besserer Mensch, wenn man sich mit den Schwächen anderer beschäftigt?

Hildebrandt: Sicherlich nicht. Wäre das alles, was ich habe, dann wäre ich arm dran. Dann hätte ich kein Selbstbewusstsein, dann wäre ich mir selbst über mich nicht bewusst - mit allen Stärken und Schwächen. Wenn der Spott über andere ausreichen würde, ein guter Mensch zu sein, wäre ich ein Pharisäer. Denken Sie an die Bibelstelle, wo der Fromme betet: "Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner."

SZ: Sie zitieren aus der Bibel. Sind Sie gläubig?

Hildebrandt: Wenn es darum geht, ob es einen Schöpfer gibt: Dann bin ich gläubig. Alles andere muss neu geregelt werden.

SZ: Am Tag X lassen Sie sich überraschen?

Hildebrandt: Oh ja! Ich bin hoch gespannt.

Epilog: Das Interview entstand am vergangenen Sonntagnachmittag. Die Sonne brannte herunter vom Himmel über München. Aber ausgerechnet für den kommenden Mittwoch, seinen Geburtstag, sei schlechtes Wetter angesagt. Schade, oder? Hildebrandt: "Schade für Sie. Ich bin nämlich nicht hier, sondern in der Wärme." Er feiert sein Wiegenfest gemeinsam mit seiner Frau Renate und Freunden in Madrid.

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