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Wie Dieter Hildebrandt das Kriegsende 1945 erlebte:"Ich bin um mein Leben geschwommen"

Dieter Hildebrandt 1945

Kanonenfutter für Hitlers untergehendes Regime: Soldat Dieter Hildebrandt 1945

(Foto: oh)

Was der Kabarettist Dieter Hildebrandt als 17-jähriger Soldat in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges erlebte.

"Am Neujahrstag 1945 war ich unterwegs auf einem langen Marsch von Görlitz nach Leipzig. Ich war Soldat, hatte gerade meinen Reserveoffiziers-Kurs und war in Görlitz in einem so genannten ROB-Bataillon (Anm: ROB = Reserve-Offiziers-Bewerber).

Kabarettist Dieter Hildebrandt im Jahre 2002

Kabarettist Dieter Hildebrandt im Jahre 2002

(Foto: DPA/DPAWEB)

Eines Nachts wurden wir heraus gepfiffen, bekamen scharfe Munition, gruben uns an der Neiße ein und warteten darauf, dass die Russen kommen. Ich hörte Geschützdonner aus dem Osten, er war - 40 Kilometer entfernt - in meiner Heimatstadt Bunzlau.

Da lagen wir nun und ich dachte immer: "Nu kommen sie". Plötzlich wurde befohlen: Abmarsch nach Leipzig!

Das Geheimnis der Geschichte war, dass es einen Führerbefehl gab, wonach die Reserveoffiziers-Bewerber in Sachsen für eine Armee zusammengezogen werden sollten. Das war die berühmte Armee Wenck. Die, auf die Hitler in seinem Berliner Bunker wartete.

Im Klartext: Die Ostfront wurde durch den Abzug von drei Divisionen geschwächt, um den Hitler aus Berlin rauszuholen. Das war ein solcher Wahnsinn, aber das ist mir erst später bewusst geworden.

Damals hat man uns erzählt, der Hitler wollte uns junge Leute - wir waren gerade mal 17 - schonen, was natürlich gar nicht nach ihm geklungen hat. Von wegen schonen! Er wollte uns da hineinwerfen zu seiner Rettung.

Und so sind wir eine Woche lang marschiert. Das wurde uns als Härteprobe vorgestellt. In Wirklichkeit war der Grund, dass es keine Beförderungsmittel mehr gab.

Dort (in Leipzig) angekommen, wurden wir noch eine Weile vorbereitet und dann im Februar an die Front gebracht und zwar an die westliche in Bitterfeld.

Dort waren aber gar keine Amerikaner, es waren polnische Hilfstruppen, Zwangsarbeiter, die sich befreit hatten und jetzt als Zivilisten auf uns schossen. Wir erkannten die nicht als Soldaten, sie trugen ja nicht einmal Armbinden. Unsere Verluste waren hoch.

Nach ein paar Tagen - Mitte März dürfte das gewesen sein - wurde es gegen Mitternacht ganz ruhig. Die Amerikaner hatten ihre Geschütze angehalten.

Wir wurden auf Lastwagen verladen und waren überzeugt: Jetzt ist der Krieg zu Ende, jetzt geht es weg, sie werden uns zu irgendeinem Sammellager bringen und dort werden wir entwaffnet. Dachten wir.

Nach etwa einer Stunde Fahrt lag die Straße bei Wittenberg unter Sperrfeuer - das waren die Russen. Wir stiegen aus, schlichen uns um die russische Front herum und gelangten in langen Märschen bis kurz vor Potsdam, nach Beelitz.

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