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Juli Zehs "Über Menschen":Mein Freund, der Nazi

Vorgarten in Baiersdorf

Der neue Nachbar redet wenig, singt dafür gern das Horst-Wessel-Lied.

(Foto: Niklas Keller/Niklas Keller)

Abends am Gartenzaun kommt man ins Gespräch: In Juli Zehs neuem Dorfroman "Über Menschen" trifft eine progressive Städterin auf einen Dorfnazi.

Von Jörg Magenau

"In Bracken ist man unter Leuten", schreibt Juli Zeh in ihrem neuen Dorfroman, der nach dem enormen Erfolg des Vorgängers "Unterleuten" nun geradezu leuchtsignalhaft "Über Menschen" heißt. "In Bracken kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben." Bracken ist, wie schon Unterleuten, ein fiktives Örtchen in der Prignitz, irgendwo da, wo auch Juli Zeh seit vielen Jahren lebt. An Material und Anschauungsobjekten fehlt es ihr also nicht.

In Bracken gibt es jedoch deutlich weniger Leute als einst in Unterleuten. Das Personal ist überschaubar. Das hat damit zu tun, dass Juli Zeh nun nicht mehr multiperspektivisch erzählt, um das ganze Dorfpanorama zu überblicken, sondern immer ganz dicht und im Präsens an ihrer Hauptfigur Dora bleibt.

Dora macht ihrem Namen alle Ehre, indem sie aus Berlin an den Dorf-Rand zieht und natürlich zunächst einmal das Klischee der Städterin erfüllt, die vom Dorfleben und davon, wie man ein Gemüsebeet anlegt, keine Ahnung hat. Begleitet wird sie von einer Hündin mit dem transgenderhaften Namen "Jochen-der-Rochen", einer munteren Promenadenmischung. Auch der Nachbar, der mit rasiertem Schädel über die Mauer schaut und sich mit den Worten "Ich bin hier der Dorfnazi" vorstellt, ist als demonstratives Klischee angelegt. Doch schon da ist zu ahnen, dass die Klischees mit Bedacht gesetzt sind, um allmählich ausgehebelt zu werden.

Im ersten Teil ist "Über Menschen" der erste echte Corona-Roman

Bracken heißt vielleicht nur deshalb Bracken, damit es sich auf "Pflanzkanacken" und "Polacken" reimt. Einen Mann mit Motorsense, der vorzugsweise in rassistischen Witzen spricht und eine Schürze mit der Aufschrift "Serien-Griller" trägt, gibt es auch. Und doch ist das Dorf ein Kosmos, in dem nichts so ist, wie es scheint, und in dem auch gut und böse, richtig und falsch immer wieder die Position wechseln. Vielleicht wird ja der nächste Dorfroman von Juli Zeh "Zwischen Wesen" heißen, weil es in den Menschen immer nur das Dazwischen gibt und nie die Eindeutigkeit.

Zunächst aber, im wirklich brillanten ersten von drei Teilen, ist "Über Menschen" etwas ganz anderes, nämlich der erste echte Corona-Roman, der mitten im Lockdown im Frühjahr 2020 spielt und subtil die gesellschaftlichen und ganz privaten Folgen der Pandemie beschreibt. Dass Dora sich ein mürbes, altes Haus kauft und aufs Land zieht, mag zwar schon immer eine stille Sehnsucht von ihr gewesen sein, liegt nun aber vor allem daran, dass ihre Beziehung coronabedingt in die Brüche geht. Sie arbeitet in einer Werbeagentur, was ihrem Freund Robert, einem krisenfixierten, klimaengagierten, von Greta Thunberg erweckten Umweltkatastrophenjournalisten gar nicht gefällt, obwohl ihre Agentur ausschließlich Aufträge von ökokonformen Unternehmen annimmt.

Dora ist mit einem Werbeauftritt für Öko-Jeans befasst, denen sie das Label "Gutmensch" geben möchte. Mit den ironischen Filmchen, die sie sich dafür ausdenkt, stößt sie zunächst auf Begeisterung, doch in Folge des Lockdowns wird die Kampagne eingestellt, und Dora verliert ihren Job, während Robert, immer schon krisenaffin, geradezu aufblüht und immer neue mahnende Kommentare schreibt, mit denen er voll im Trend liegt. Es ist klar, dass es mit ihm, den Dora bald nur noch "Robert Koch" nennt, im Home-Office schwer auszuhalten ist.

Gote, der benachbarte Dorf-Nazi, ist eher schweigsam

Juli Zeh läuft in diesen Kapiteln zu Höchstform auf, indem sie zeigt, wie gut das krisengestimmte Bewusstsein auf die Pandemie vorbereitet war, ja sie erwartet und gebraucht hat, um sich selbst anhand der allgemeinen Bedrohung in eine Position vernunftbestimmter Moral hochzustilisieren. Nie zuvor hat Robert sich und sein Rechthaben so genießen können wie jetzt, wo er Konsequenz zelebriert und alle gesellschaftlichen Widersprüche sich im Nebel der Isoliertheit auflösen.

Dora, die auf sein Geheiß die Wohnung kaum noch verlassen darf, hat neben ihm zwar durchaus Verständnis für alle Maßnahmen und findet sie richtig, möchte die Social Correctness aber nicht zum höheren Sinn ihres Daseins erheben. Die Flucht aufs Land und weg von diesem selbsternannten Besser-Menschen ist also der richtige Schritt.

Die Robert-Geschichte wird im Rückblick erzählt, während Dora sich mit der neuen Nachbarschaft anzufreunden versucht. Auch da gelingen Juli Zeh wunderbar witzige und entlarvende Dialoge, weil sie weiß, wie die Leute im Dorf reden und denken - oder eben auch nicht. Gote, der benachbarte Dorfnazi, ist eher schweigsam, und was in seinem Schädel vor sich geht, wenn er mit seinen rechten Freunden das Horst-Wessel-Lied singt, bleibt sein Geheimnis.

Das Buch verschweigt keineswegs die Bösartigkeit des Mannes

Was sich in seinem Schädel aber definitiv ereignet, ist eine "Raumforderung", die ihn allmählich außer Gefecht setzt. Auf dieses Geheimnis kommt Dora mithilfe ihres Vaters, eines berühmten Hirn-Chirurgen an der Charité, der dem "Sportsfreund" seiner Tochter keine günstige Prognose stellt. Schon seit ihrer Kindheit weiß sie, dass "Raumforderung nicht der Wunsch nach einem eigenen Zimmer, sondern ein bösartiger Tumor ist". Jetzt wird Dora unverhofft zur Fürsorgerin, während sich eine seltsame, herzliche Freundschaft, ja, nahezu eine Liebesgeschichte mit Gote, vor allem aber mit dessen zehnjährigem Töchterchen Franzi entwickelt, die ein wahrer Wirbelwind von einem Kind ist und sich intensiv mit Hündin Jochen anfreundet.

Kranker Kopf, gutes Herz: Mit dieser Formel könnte man das Dasein dieses armen Mannes zusammenfassen, der das, was Dora zunächst als "völkische Raumforderung" im Pamphlet eines Rechtsradikalen begegnet, nun also am eigenen Leib erdulden muss. So berechtigt es sein mag, die städtischen Vorurteile von den bösen Nazis in Brandenburg ein wenig gegen den Strich zu bürsten, so schlicht ist es, ihnen das Klischee von einem im Grunde doch ganz lieben, treuen, nur etwas rauen und ungebildeten und zu viel Bier trinkenden Wesen entgegenzusetzen.

Juli Zeh verschweigt keineswegs die aufbrausende Gewalttätigkeit dieses Mannes und seinen aggressiven Fremdenhass, der sich sogar noch gegen die indischstämmige Radiologin in der Charité richtet. Sie deutet diese Ausbrüche aber nicht ideologisch, sondern bloß "menschlich" und legt auch eine bloß medizinische Lesart nahe.

Das ist aus Nietzsches Übermensch geworden: ein Übermensch im Unterhemd

Am Beispiel eines im Dorf lebenden Kabarettisten, der mit seinem Freund als schwules Paar zusammenlebt, führt Juli Zeh aber auch vor, wie die Vereinfachung zum Klischee funktioniert. In dessen Programm mit dem Titel "Über Menschen" dient der Dorfnazi als Prototyp all derer, die sich in ihrer rassistischen Selbstüberschätzung als etwas Besseres empfinden. Das also ist aus Nietzsches Übermensch geworden: ein Übermensch im Unterhemd, ein Übermensch aus der Unterschicht, wie lächerlich.

Dass Dora sich ihrerseits für etwas Besseres hält und das ihrem Nazi-Freund in einem Streit dann auch an den Kopf wirft, ist vielleicht der entscheidende Moment. Dora erschrickt, kaum dass sie die Worte ausgesprochen hat, denn war dieser Glaube, etwas Besseres zu sein, nicht genau das, was sie an Robert nicht ertragen konnte?

Juli Zeh fragt auf gelegentlich schmerzhafte Weise: Ist es wirklich immer besser, wenn man zu den Guten gehört? Dora denkt darüber nach, als sie die 30 Baumwollbeutel betrachtet, die sich bei ihr angesammelt haben, weil sie Plastikmüll vermeiden möchte. Um damit tatsächlich weniger Energie zu verbrauchen, müsste sie jeden dieser Beutel mindestens 130 Mal benutzen, was in der Summe 3900 Einkäufe bedeuten würde.

"Über Menschen" ist ein versöhnlicher Roman, in dem nichts Böses verschwiegen wird

Das wäre in 20 Jahren vielleicht zu schaffen, vorausgesetzt sie würde keine neuen Beutel benötigen. Aber was bedeutet das fürs Weltklima? Aus der Randlage der Provinz verschiebt sich der Blick auf die Überlebenstechniken der Menschheit. Klar ist lediglich, dass die Dörfler nicht verrückter sind als die Städter, weil alle auf ihre je eigene Weise verrückt sind.

Juli Zeh: Über Menschen. Roman. Luchterhand, München 2021, 416 Seiten, 22 Euro.

Juli Zeh hat mit ihrer Dora eine Figur geschaffen, die all diesen Aufgeregtheiten auf angenehm pragmatische Weise trotzt und ihre eigenen Vorurteile exemplarisch überwindet. Sinnbildhaft dafür steht die Mauer, die ihr Grundstück vom Anwesen des Nazi-Nachbarn trennt. Doch über die Mauer hinweg, jeder auf seiner Seite auf einem Stuhl oder einer Kiste stehend, kommen die beiden sich bei ihren Abendzigaretten näher. Die Mauer ist das, was sie verbindet, auch wenn oben drüber erst einmal Misstrauen und Beschimpfungen ausgetauscht werden.

"Über Menschen" ist also ein versöhnlicher Roman, in dem nichts Böses verschwiegen wird und der es dennoch schafft, aus all den Widersprüchen und Verlorenheiten eine Idylle inklusive Dorffest zu zaubern. Diese Gemeinschaft schafft es schließlich sogar, den Nazi zu integrieren und um ihn zu trauern. Der Rechtsradikalismus implodiert und hat in dieser guten Welt keine Chance mehr. Glauben sollte man das nicht. Ein schönes, trauriges Märchen aus der Prignitz kann aber durchaus mal so enden.

© SZ/fxs
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