bedeckt München 26°

Zum Tod von Jimmy Cobb:Der sensible Begleiter

Photo of Jimmy COBB

Jimmy Cobb wurde auch geschätzt von Sängerinnen wie Billie Holliday, Dinah Washington und Sarah Vaughan.

(Foto: Redferns)

Mit Meilensteinen wie "Kind of Blue" wurde der Schlagzeuger Jimmy Cobb weltberühmt. Sein Leben verlief prototypisch für einen Jazzmusiker seiner Generation - im Guten wie im Schlechten.

Die Debatte, ob Jazz früher besser gewesen sei, kann man auch mit der Beobachtung abkürzen, dass er damals einfach nur anders war. Auch weil die Protagonisten anders sozialisiert waren. Heute ist der Jazzmusiker ein Akademiker, bis in die Sechzigerjahre hinein war er eher Autodidakt. Das beste Beispiel hierfür war der Schlagzeuger Jimmy Cobb mit dem geradezu prototypischen Lebenslauf eines amerikanischen Jazzmusikers aus seiner Generation. 1929 in Washington in einfachen Verhältnissen geboren, lernte Cobb auf der High School in Boston Schlagzeug. "Mir war sofort klar, dass ich das machen möchte. Und als ich es dann auch noch gut konnte, war mir klar, dass ich das für den Rest meines Lebens machen möchte," bilanzierte er später. Sein erstes Drumkit sparte er sich als Kellner zusammen. Mit 18 wurde er "professional".

Cobb begann beim Saxofonisten Charlie Rouse, der bei Ellington und Basie gespielt hatte. Mit Earl Bostic ging er 1951 auf seine erste große US-Tournee. Er war bereit für höhere Aufgaben. Über Frank Wess und Leo Parker kam er zu Cannonball Adderley, Stan Getz und Dizzy Gillespie. 1958 klopfte die Eminenz des Jazz an: Trompeter Miles Davis holte ihn in seine Band, ein Jahr später saß er neben Davis, John Coltrane, Cannonball Adderley, Paul Chambers und Bill Evans in den New Yorker CBS-Studios und spielte "Kind of Blue" ein.

Cobb ist später oft auf diesen Meilenstein, der mit der Wendung zum modalen Jazz den Postbop einleitete, reduziert worden, zumal er seit langem der letzte Lebende dieses legendären Sextetts war. Ungerechterweise, nicht nur, weil er bis 1963 bei Miles Davis blieb und unter anderem auch bei "Sketches Of Spain" dabei war, sondern danach noch mit der halben Nomenklatura des Jazz spielte, großartige Trios hatte und über weitere Qualitäten verfügte. Er war ein sensibler Begleiter von Sängerinnen, früh schon bei Billie Holliday, dann für Dinah Washington, in den Siebzigern war er fest an der Seite von Sarah Vaughan.

Die späte Lebensphase von Billy Cobb zeigt zugleich die Verachtung wie die Verehrung, die Amerika den Begründern ureigener Musikkultur entgegenbringt. Ein soziales Netz ist für die Gründerväter des Jazz nie geknüpft worden. Für seinen Beitrag zu "Kind Of Blue", dem mit über vier Millionen Exemplaren bis heute meistverkauften Jazzalbum der Welt, hat er zeit seines Lebens nur den Tariflohn gesehen: 48,50 Dollar für die dreistündige Studio-Session. Wie so viele verdiente Cobb am besten außerhalb der eigenen Landesgrenzen, in Europa. Auch wenn er 2009 in den USA zum "NEA Jazz Master" ernannt wurde, die höchste offizielle Auszeichnung, die dort an Jazzmusiker vergeben wird. Der Schweizer, damals in München lebende Saxofonist Roman Schwaller etwa holte ihn Ende der Neunzigerjahre auf seine "Three Generations of Tenor"-Tournee gemeinsam mit dem ebenfalls 1929 geborenen Johnny Griffin, mit dem Cobb 1962 gespielt hatte. Bis vor einigen Jahren war Cobb ein oft und gern gesehener Gast auf den großen europäischen Festivals, noch im vergangenen Jahr erschien sein letztes Album "This I Dig Of You". Cobb wollte nicht nur bis zuletzt spielen (und konnte es glücklicherweise), er musste es auch, für eine vernünftige Altersvorsorge reicht ein amerikanisches Jazzerleben nur selten.

Als er im vergangenen Jahr an Lungenkrebs erkrankte, waren die Reserven schnell aufgebraucht. Im Januar veröffentlichte Serena Cobb, die ältere seiner beiden Töchter, die bis zuletzt seine Auftritte gemanagt hatten, einen Spendenaufruf, um die Arztrechnungen und Medikamente bezahlen zu können - auch das ein Schicksal, das viele seiner Generation teilen, man denkt mit Grausen an verarmte Größen wie den Saxophonisten Jimmy Giuffre zurück. Schon in den ersten Tagen gingen fast 50 00 Dollar ein, bis April waren es 94 000. Das zeigt die Wertschätzung der Jazzgemeinde für ein außergewöhnliches Musikerleben. Am vergangenen Sonntag ist Jimmy Cobb, wie seine Ehefrau Eleana mitteilte, 91-jährig in New York seiner Krebserkrankung erlegen.

© SZ vom 27.05.2020/luch
Coronavirus - Konzerthaus Dortmund

Meinung
Corona und Kulturveranstaltungen
:Eine Frage der Klimaanlage?

Während Flieger wieder vollgepackt werden, müssen Konzert- und Theaterhäuser leer bleiben. Für Künstler kommt das einem Berufsverbot gleich, das sie so nicht hinnehmen sollten.

Kommentar von Reinhard J. Brembeck

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite