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"Jersey Boys" im Kino:Musicfellas

Jersey Boys im Kino mit Renée Marino und John Lloyd Young

Lebensabschnittsgefährten: Mary Delgado (Renée Marino) und Frankie Valli (John Lloyd Young).

(Foto: Warner)

"Walk like a man, talk like a man ...": Clint Eastwood schafft es, in "Jersey Boys" über die legendäre Band "Four Seasons" Gangsterfilm und Musical zu vereinen. In keinem anderen Musikfilm ist so viel Publikum zu sehen. Und die Mafia tanzt.

Von Fritz Göttler

Manchmal kommt einem dieser Film vor wie der Traum eines alten Mannes. Der vom Singen und Tanzen träumt, auf weiten, glitzernden, scheinwerfergespickten Bühnen und in dicht mit Zuschauern vollgepackten Clubs, von der Lust der Performance, von der Show, die immer weitergehen muss, und von der Jugend, die er um sich her erlebt hat, und von der, die einst seine eigene gewesen ist. All das findet er in der Karriere der Four Seasons, jener legendären Rock 'n' Roll-Gruppe der Fünfziger und Sechziger und in ihren gefühlvollen, schmerzlichen Songs.

Gyp DeCarlo ist der alte Träumer, er wird verkörpert von Christopher Walken, der auch diesmal wie eine Knospe ist, die sich plötzlich für Sekunden zu unglaublicher melodramatischer Magie öffnet und entfaltet. Gyp ist der Mann, der in Jersey den Mob vertritt, mit seinen Spiel- und Kredithai-Aktivitäten, und darüber hinaus hat er ein liebevolles Auge auf ein paar Jungs aus Newark geworfen, die in ihrer kleinen Band spielen und große Erwartungen wecken.

Vor allem Frankie Castelluccio, mit seinen sechzehn Jahren, den Gyp besonders behütet und protegiert und liebt - wenn er "My Mother's Eyes", singt, fängt Gyp zu weinen an. Wenn du irgendein Problem hast, erklärt Gyp Frankie, komm zu mir, ich werd' das in Ordnung bringen. Frankie ist der Sohn eines Barbiers, der im Laden seines Vaters arbeitet und dem Gyp sich tatsächlich eines Tages anvertraute: Frankie sollte ihn rasieren. Aber dann knallte die Tür zu und . . . What's a little blood between friends!

Immer wieder ins Gefängnis

"Jersey Boys" ist die Verfilmung des erfolgreichen Musicals von Marshall Brickman - einst ein regelmäßiger Drehbuchmitarbeiter von Woody Allen, "Stadtneurotiker", "Manhattan" - und Rick Elice. Drei der Broadway-Viererbande sind in den Film übernommen worden und singen die Seasons-Hits. Es ist ein schwereloses Hin und Her in der ersten Hälfte des Films, ständig werden, im Amerika der Fünfziger, Grenzen ignoriert und überschritten. Bei einem Auftritt in einem Club holen die Freunde den jungen Frankie, der noch nicht zur Band gehört, aus dem Saal auf die Bühne, weil der wirklich gut singen kann, und der trägt "I can't give you anything but love . . ." vor.

Immer wieder gehen die Jungs ins Gefängnis, für ein halbes Jahr, wenn sie bei einem wirklich blödsinnigen Safeknacker-Job geschnappt werden und wenn sie wieder draußen sind, geht die Show eben weiter. Auch die Erzähler der Geschichte wechseln einander ab, sie drängeln sich mit ihrem "Mir könnt ihr glauben" vor die Kamera und buhlen um unsere Aufmerksamkeit.

Mit der Geräumigkeit einer Luxuslimousine

Das Erzählen hat einen Grundton von Traurigkeit, von Vergeblichkeit, es bleibt der Geschichte spielerisch treu, auch wenn es sie, im Vergleich zum wahren Geschehen, umbaut und konzentriert. Juxtapositioning hat Bob Gaudio das genannt, der später zur Gruppe dazukam und ihr schöne Songs geschrieben hat - von ihm stammt die Musik des Musicals. Die Jungs starten langsam, sie machen den ersten Vertrag - und merken nicht, dass sie nur als Hintergrundsänger gedacht sind -, dann kommen die ersten Tapes, und ein Produzent wird hellhörig. Der Aufstieg beginnt, Frankie heißt nun Valli, die Gruppe nennt sich Four Seasons, Tourneen beginnen, das Familienleben leidet, einer verzockt sich und handelt sich und seinen Kumpels einen schrecklichen Haufen Mafia-Schulden ein.

Aber die Songs kommen und entfalten ihre Falsett-Magie, "Sherry", "Walk Like a Man", "My Eyes Adored You". Einmal reden sie miteinander, und im Fernsehen läuft ein Spielfilm, es ist "Ace in the Hole", von Billy Wilder. Jan Sterling, der blonde B-Movie-Star Anfang der Fünfziger, sie starrt fasziniert Kirk Douglas an, den Reporter des Satans, der nur seine Karriere im Sinn hat und ihr prompt hart ins Gesicht schlägt: "Big Girls Don't Cry . . ."

Große Nummer zwischen Singen und Mob

Das Dysfunktionale ist der Urgrund dieser Geschichte, dieser Dekaden, der amerikanischen Psyche. Frank Sinatra wird ins Spiel gebracht, als ganz große Nummer zwischen Singen und Mob. Martin Scorsese, hieß es immer wieder, hätte großes Interesse an der Verfilmung des Stücks gezeigt, eine fast natürliche Verbindung, angesichts seiner Mafiastücke aus Little Italy. Joe Pesci, der in einigen davon mitspielt, war einer der engeren Freunde von Tommy DeVito aus der Band.

Dass dann Clint Eastwood die Regie übernahm, mit 84, hat durchaus seine Konsequenz, er hat die italienischen Turbulenzen geglättet und Ruhe und Geradlinigkeit in den Film gebracht. Musik war ihm schon immer wichtig in seinen Filmen, von "Honkytonk Man", wo er einen lungenkranken Countrysänger auf dem finalen Weg nach Nashville spielt, bis "Bird", seinem Film über Charlie Parker. Wie Scorsese hat er ein natürliches Gespür für die Fünfziger, die Neon- und Scope-Dekade, er gibt seinem Film die Geräumigkeit einer Luxuslimousine. Und einmal ist auch auf einem Bildschirm der Jungspund zu sehen, der sich damals als Cowboy auf den Erfolgstreck machte, in der Fernsehserie "Rawhide".

In keinem anderen Musikfilm ist so viel Publikum zu sehen wie in diesem, es gehört zur Performance dazu. Christopher Walken ist der allerbeste Godfather, noch vor Brando und Pacino, er spielt Gyp ganz traumverloren, in einer hingetupften Choreografie aus kleinen Gesten, hingemurmelten Sätzen, sanften Blicken. Es ist die Vereinigung zweier Genres, die er für Eastwood zelebriert, des Gangsterfilms mit dem Musicalfilm, und das Musical erscheint wie der farbige Überbau des dunklen Gangsterfilms. Die Mafia tanzt.

Jersey Boys, USA 2014 - Regie: Clint Eastwood. Buch: Marshall Brickman, Rick Elice. Nach ihrem Boradway-Stück. Musik: Bob Gaudio, Bob Crewe (Lyrics). Kamera: Tom Stern. Schnitt: Joel Cox, Gary Roach. Produktionsdesign: James J. Murakami. Mit: John Lloyd Young, Erich Bergen, Michael Lomenda, Vincent Piazza, Christopher Walken, Renée Marino, Kathrine Narducci, Lou Volpe, Freya Tingley, Francesca Fisher-Eastwood. Warner, 134 Minuten.

© SZ vom 31.07.2014

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