Jazzkolumne:Fragwürdige Totentänze

Lesezeit: 3 min

Melanie Charles

Misst sich mit den großen Diven der Vergangenheit - Melanie Charles

(Foto: Meredith Truax/Universal)

Nicht nur Kenny G verwurstet die Originalmusik Verstorbener, auch Adele, Melanie Charles, Gregory Porter und einige mehr.

Von Andrian Kreye

Die letzte Jazzkolumne wies darauf hin, dass in Deutschland auf die Störung der Totenruhe bis zu drei Jahre Gefängnis stehen. Anlass war die neue Single "Legacy" des Smooth-Jazz-Saxofonisten Kenny G, der dafür eine künstliche Intelligenz mit den Tönen des 1991 verstorbenen Cool-Jazz-Pioniers Stan Getz gefüttert und dann ein Duo mit dem Toten gespielt hatte. Nun ist Kenny G ein Punching Bag für Anfänger. Aber so finster sein Unterfangen der digitalen Leichenfledderei auch sein mag, wenn man sich derzeit so umschaut, sind die Fälle der Nekrophilie im Jazz sehr viel häufiger als man glauben mag.

Das beginnt mit dem derzeit erfolgreichsten aller Hitalben "30" von Adele, auf dem sich der Song "All Night Parking (with Erroll Garner)" findet. Der Pianist ist seit 1977 tot, da war Adele noch elf Jahre lang nicht geboren. Sie hat da allerdings lediglich eine wirklich ausnehmend hübsche Passage aus Garners Version von "No More Shadows" genommen und als Leitmotiv unter eine durchaus gelungene Rauchstimmen-Ballade gelegt. Das ist eher Sampling als Fleddern. Das war schon in den Frühzeiten des Hip Hop eine Verdichtung großer Werke auf ihre Essenz, die von größtem Respekt getragen wurde. Auch wenn die affige "with"-Klammer eine Anmaßung ist - man muss das Phänomen wohl doch von Fall zu Fall betrachten.

Jazzkolumne: Melanie Charles: "Y'all Don't Really Care About Black Women".

Melanie Charles: "Y'all Don't Really Care About Black Women".

(Foto: Verve)

Da ist zum Beispiel die erstaunlich ambitionierte Sängerin und Flötistin Melanie Charles aus Brooklyn, die auf ihrem neuen Album "Y'all Don't (Really) Care About Black Women" (Verve) so manch tote Diva zwingt, sich mit ihr zu messen. Im Auftaktstück "God Bless the Child" tut sie das noch ohne Archivmaterial. Sie schafft da durchaus, dem Timbre von Billie Holiday eine zeitgemäße Färbung zu geben. Im nächsten Stück gibt es schon ein "featuring Dinah Washington", deren Aufnahme von "Perdido" von 1956 erst mal durch Filter- und Hall-Häcksler gejagt wird, um dann als Vorlage für eine Art - Duett? Singalong? Karaoke-Übung? zu dienen. Das wird alles mit tip-top hippen Beats und Sounds garniert. Auch Sarah Vaughn, Betty Carter, Ella Fitzgerald und die Souldiva Marlena Shaw werden so verarbeitet. Auf der einen Seite ist das der Versuch, die ganz Großen so in die Gegenwart zu holen, dass sie klingen, wie sie eine junge Sängerin heute hört. Auf der anderen Seite wirkt das, als hätte jemand die Musikgeschichte durch eine Wurstpresse der Baureihe "Mambo Number 5" gedreht. Was schade ist, weil man zum Beispiel auf ihrer Fassung von Abbey Lincolns "All Africa (The Beat)" ohne Abbey Lincoln hört, dass Charles der Jazzgeschichte durchaus Interpretationen auf Augenhöhe hinzufügen kann.

Jazzkolumne: Makay McCraven: "Deciphering the Message".

Makay McCraven: "Deciphering the Message".

(Foto: Universal)

Einen ähnlichen Ansatz, die Musikgesichte so aufzuarbeiten, wie man sie heute hören würde, hat der Schlagzeuger Makaya McCraven perfektioniert. Der veröffentlichte vergangenes Jahr eine Neufassung von Gil Scott-Herons letztem Album "I'm New Here", die sogar besser war als das Original. Für sein Debüt auf dem Blue-Note-Label "Deciphering the Message" stieg McCraven nun tief ins Archiv der Plattenfirma. Er nahm Originale von Legenden wie Lee Morgan, McCoy Tyner, Art Blakey und sehr vielen mehr, jagte sie durch Sampler und Effektgeräte, um dann mit Zeitgenossen wie dem Vibrafonisten Joel Ross oder dem Gitarristen Jeff Parker drüberzuspielen. McCraven ist visionär genug, um Schlüsselmomente aus dem Material zu destillieren. Er fördert auch verschollene Glanzstücke zu Tage, wie "Frank's Tune" des Pianisten Jack Wilson. Da zeigt er, wie ein neuer Schliff so einem Stück noch einmal neue Bedeutung geben kann. Meist aber wirken die künstlichen Begegnungen der Gegenwart mit der Vergangenheit doch zu unbeholfen, um mehr zu sein als Lounge-Futter.

Jazzkolumne: Gregory Porter: "Rising".

Gregory Porter: "Rising".

(Foto: Universal)

Und dann wäre da noch Gregory Porter. Der hat sich über die Jahre so einige tote Legenden aufs Mischpult geholt. Auf seinem neuen Best-Of-Album "Still Rising" (Blue Note) versammelt er die noch einmal. Und es ist erstaunlich, wie unsicher der sonst so kraftstrotzende Sänger da um die Originale herumeiert. Bei Buddy Holly versemmelt er sogar Intonierung und Phrasierung. Hört man sich die Aufnahme mit Ella Fitzgerald an, beschleicht einen das Gefühl, dass selbst die legendär freundliche Diva die Geduld verloren hätte. Und bei Nat King Coles "Girl from Ipanema" ist das dann nur noch musikalisches Photobombing.

Jazzkolumne: Nat King Cole: "A Sentimental Christmas"

Nat King Cole: "A Sentimental Christmas"

Ach ja, wer kam eigentlich auf die Idee, Nat King Coles Weihnachtsalbum neu zu arrangieren und dann Leute wie Johnny Mathis, Gloria Estefan oder John Legend über dessen Samtstimme singen zu lassen? Vielleicht sollte man solchen Alben gar keine Sterne oder Punkte zuweisen, sondern Strafmaße? Also dann: Adele, Verfahren eingestellt. Melanie Charles, irgendwas mit Bewährung. Makaya McCraven, 40 Sozialstunden in einem Orff-Schulwerk. Gregory Porter, als Wiederholungstäter irgendwas ohne Bewährung. Die Produzenten des Nat-King-Cole-Weihnachtsalbums, Höchststrafe mit Zwangsbeschallung besonders eingängiger Weihnachtsweisen. Pa-rum-pum-pum-pum.

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