Jazzalben des Jahres:Aus der Bahn geraten

Lesezeit: 5 min

Jazzalben des Jahres: Bei der Arbeit: Pharoah Sanders und Sam Shepherd alias Floating Points.

Bei der Arbeit: Pharoah Sanders und Sam Shepherd alias Floating Points.

(Foto: Eric Welles-Nystrom)

Ein Rückblick auf das vergangene Jazzjahr mit zwei Phänomenen und einer willkürlichen Top 20-Liste.

Von Andrian Kreye

Eigentlich steht hier kurz vor Silvester nur eine Liste der sehr persönlich meistgehörten Jazzalben des vergangenen Jahres. Aber wenn es schon mal ein Phänomen gibt, muss das vorher auftauchen. Kern einer neuen Welle der ungewohnten Klänge im Jazz war der Überraschungserfolg des Mammutwerks "Promises" (Luaka Bop), das der Coltrane-Weggefährte und Brachialsaxofonist Pharoah Sanders mit dem Elektronik-Produzenten Floating Points und dem London Symphony Orchestra in neun zusammenhängenden Sätzen eingespielt hat. Das Album traf sehr buchstäblich den Nerv der Welt. Die Ruhe, die sie da mit einem zauberhaften Akkord als Grundmotiv, hauchzarten Saxofonfragmenten und Wohlklängflächen erzeugten, war die perfekte Entschleunigung auf einem Planeten, den Pandemie, Klima- und Wirtschaftskrisen aus der Bahn geworfen haben.

Jazzalben des Jahres: Pharoah Sanders, Floating Points "Promises"

Pharoah Sanders, Floating Points "Promises"

(Foto: Label)

Deswegen rückte im Kielwasser gleich ein ganzer Stapel Alben in den Blick, den das amerikanische Kritikerportal Pitchfork mangels Genre-Grenzen als "Ambient Jazz" etikettierte. Auch wenn beispielsweise Esperanza Spaldings wissenschaftliche Suche nach der Heilkraft der Musik auf ihrem Album "Songwrights Apothecary Lab" streckenweise eher an die Musik von Joni Mitchell erinnert. Oder die Neuabmischung von Alice Coltranes Ashram-Gesängen "Kirtan: Turiya Sings" (Impulse) letztlich eine Meditation in Sanskrit über spartanischen Orgelakkorden ist, die vor allem der Entrückung dient. Alice Coltranes Geist schwebt auch über den Spiritual-Jazz-Anleihen der jüngeren Generation, vor allem bei der momentanen Renaissance der Harfe im Jazz. Da gab es wirklich grandiose neue Alben von Brandee Younger (tief im R'n'B verwurzelt), Amanda Whiting (als Zentrum eines traditionellen Post-Bop-Trios) und Nala Sinephro (noch am ehesten im Ambient-Raum). Das erstaunlichste Harfen-Album aber war "Nanodiamond" von der Elektroproduzentin und Harfenistin Sissi Rada. Die bewegt sich sehr souverän zwischen den jüngsten minimalistischen Strömungen des zeitgenössischen Pop, freiem Jazz und dem, was Brian Eno als Ambient etablierte. Der ist auch Fan und produzierte ihr einen Song. Das klingt alles in allem wunderbar ungewohnt und neu. Deswegen passt das Album auch so hervorragend ins Programm von Mathias Modicas Kryptox-Label, das sich aufgemacht hat, europäischen Jazz zu verlegen, der sich den gängigen Strömungen entzieht und als einzigen roten Faden das Ostinato gelten lässt, wie man auf dem Sampler "Kraut Jazz Futurism Vol. 2" nachhören kann.

So, jetzt aber hier die in Auswahl und Reihenfolge willkürlichen Top 20:

Jazzalben des Jahres: Lady Blackbird "Black Acid Soul"

Lady Blackbird "Black Acid Soul"

(Foto: BMG)

Lady Blackbird "Black Acid Soul" (BMG). Diese Stimme! Glamour und Schmirgelsamt mit einem Quartett, das sich radikal zurückhält, um der neuen Diva die große Bühne zu lassen.

Lonnie Smith "Breathe" (Blue Note). Nur wenige konnten die Hammondorgel so zum Lodern bringen. Vor allem live. Die beiden Hippie-Gassenhauer mit Iggy Pop auf seinem letzten Album waren ein (für ihn letztes) Geschenk.

James Francies "Purest Form" (Blue Note). Der Texaner fand dieses Jahr neue Formen der Wucht auf den Keyboards. Und Wege, ältere Herren wie Pat Metheny (auf dessen "Side-Eye NYC"-Album) und den Schwerathleten des Tenorsaxofons Chris Potter (auf "Sunrise Reprise") aus der Reserve zu locken. Da blitzt der Geist von Weather Report auf, der gerade viele prägt, die noch gar nicht geboren waren, als die sich schon wieder auflösten.

Emma-Jean Thackray "Yellow" (Movementt). Ein erstaunliches Kaleidoskop Londoner Jazz- und Funk-Ideen von der Trompeterin, die noch viel mehr kann, als ihr Instrument.

Jazzalben des Jahres: Web Web "Web Max"

Web Web "Web Max"

(Foto: Compost)

Web Web "Web Max" (Compost). Der Hip-Hopper Max Herre hat das All-Star-Quartett um den Pianisten Roberto Di Gioia als fünfter Mann zur Einfachheit gezwungen. Ein Gewinn. Das klingt mal wie eine Jam Session in Detroit circa 1976 und mal wie ein Martial-Arts-Soundtrack von Ennio Morricone.

Kenny Garrett "Sounds from the Ancestors" (Mack Avenue). Ein wunderbar warmes und zeitgenössisches Souljazz-Album, das seinen historischen Zitatenschatz nicht vor sich herträgt, sondern als Wurzelwerk versteht.

Renee Rosnes "Kinds of Love" (Smoke Sessions). Die Pianistin mit dem Hochgeschwindigkeits-Intellekt hat in dem Saxofonisten Chris Potter einen ebenbürtigen Sparringspartner gefunden. Post-Bop als Schwergewichtsmeisterschaft.

Bill Charlap Trio "Street of Dreams" (Blue Note). Ein Klaviertrio spielt Standards in berührender Perfektion. So geht das doch mit dem Konservatismus.

Charles Lloyd & the Marvels "Tone Poem" (Blue Note). In den 60ern war Lloyd ein Superstar, der mit seinem Quartett die Bühnen mit den Rockstars seiner Zeit teilte. Ein wenig von diesem Geist lebt in seiner Amerikana-Band The Marvels weiter, zu der auch der Gitarrist Bill Frisell gehört, und die ohne Gastsänger auf dem dritten Album so richtig glänzen kann.

Andrew Cyrille Quartet "The News" (ECM). Das wunderbar harmonische Alterswerk des Schlagzeugers, der gemeinsam mit Cecil Taylor mal sämtliche Grenzen der Musiklehre eingerissen hat. Mit dem immer bezaubernden Gitarristen Bill Frisell.

Jazzalben des Jahres: James Brandon Lewis "Code of Being"

James Brandon Lewis "Code of Being"

(Foto: Label)

James Brandon Lewis "Code of Being" (Intakt Records). Ein neuer Koloss am Tenorsaxofon. Der weiß Freiheit zu schätzen und zu bändigen. Sein bisher bestes Album. Und mit jedem wird er besser.

John Zorn "The New Masada Quartet" (Tzadik). Der hyperproduktive Komponist und Pate der viel zu stiefmütterlich betrachteten 80er-Avantgarde läuft in seinem neuen Quartett mit dem Gitarristen Julian Lage zu alter Form seiner "stop and go"-Ausbrüche auf.

John Wright "South Side Soul" (Jazz Workshop). Ein vergessener Großmeister des Backbeats am Klavier mit einem viel zu lange verschollenen Album aus dem Chicago von 1960, das einen von Anfang bis Ende in Atem hält.

Jazzalben des Jahres: Art Blakey "First Flight to Tokyo"

Art Blakey "First Flight to Tokyo"

(Foto: Blue Note)

Art Blakey & the Jazz Messengers "First Flight to Tokyo" (Blue Note). Die Geburt des Hard Bop erdete die Nervosität des Modern Jazz im Blues. Bei diesen Konzerten aus dem Winter von 1961 in Tokio treibt Blakey am Schlagzeug schwer nach vorne. Der Trompeter Lee Morgan und der Saxofonist Wayne Shorter beweisen dabei, dass sie schon sehr jung Genies waren.

Pharoah Sanders "Africa" (Music on Vinyl). Die 80er-Jahre werden nicht nur von der Musikgeschichte, sondern auch von den Wiederveröffentlichungen notorisch vernachlässigt. Zum Glück hat jemand Sanders Album mit einer Rhythmusgruppe, die den Walking-Bass-Swing beherrscht, neu herausgebracht. Auf "Africa" zeigte er 1987 von der Ballade "Naima" seines Mentors John Coltrane bis zur hochpolitischen Urschreitherapie seines eigenen "You've got to have freedom" alles, was er kann.

Irreversible Entanglements "Open the Gates" (International Anthem). Wenn es eine Gruppe gibt, die diese Tradition der politischen, ungestümen "Fire Music" weiterführt, dann sind das die Irreversible Entanglements um die Dichterin Moor Mother. Zorn pur und eine Mischung aus Punk und Jazz, die den kongenial transportiert.

Malcolm Jiyane Tree-O "Umdali" (Mushroom Hour). Seit einiger Zeit erinnert die Jazz-Szene Südafrikas sehr unaufgeregt daran, wer das alles erfunden hat. Der Posaunist und Pianist Malcolm Jiyane Tree-O bringt mit seiner Band die warmen Harmonien und zurückgelehnten Grooves, mit denen der südafrikanische Jazz groß wurde, in eine Gegenwart, die aus einem halben Jahrhundert Jazz- und Soul-Geschichte schöpft.

Native Soul "Teenage Dreams" (‎Awesome Tapes from Africa). Und dann war da noch die Entdeckung des Jahres aus Südafrika. Dahinter verbirgt sich noch ein Phänomen. Und was für eines. Ein ganzes Genre namens Amapiano hat sich zwischen den Townships rund um Johannesburg und dem Kap in den vergangenen Jahren etabliert, mit einem unwiderstehlich hypnotischen Beat im Spannungsfeld zwischen Jazz uns House und Ambient und Jive und... Stilgrenzen? Braucht die noch jemand?

Eine Playlist zum Reinhören in die Platten dieser Kolumne gibt es auf Spotify hier.

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