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Jacques Herzog:Architekt mit Hang zur Liebe

Jacques Herzog, Pierre de Meuron

Architekt Jacques Herzog

(Foto: Evan Agostini/Invision/AP)

Der gebürtige Basler gestaltet mit seinem Partner de Meuron das Berliner Museum der Moderne, das sämtliche geplante Kosten sprengt. Das Duo ist schwierige Startbedingungen aber gewöhnt.

"Liebe". Im Grunde ist das die Antwort von Jacques Herzog auf eine Frage des SZ-Kritikers vor einiger Zeit. Die Frage war: Was ist es, was aus einem Haus ein nachhaltiges Haus macht? Herzog, 69 Jahre alt und zusammen mit Pierre de Meuron Chef des in Basel ansässigen, aber weltweit tätigen Architekturbüros Herzog & de Meuron, beantwortet diese Frage nicht mit dem Hinweis auf Energieausweis, Wärmepumpe oder Dreischichtverglasung. Er sagt: "Nachhaltig ist ein Haus erst, wenn es angenommen, gerne benutzt und vielleicht sogar geliebt wird, dann wird es beschützt und erhalten. Von Generation zu Generation. Häuser müssen deshalb auch schön sein, sie müssen den Menschen gefallen."

Idealerweise sollten die Menschen im Sinne solcher Nachhaltigkeit zu einem Haus-Entwurf von Herzog & de Meuron nicht unbedingt "Aldi", "Bierzelt" oder "Scheune" sagen. Denn diese despektierliche Wortwahl lässt eher nicht auf eine beginnende große Liebe schließen. Insofern wäre das (über)ambitionierte Projekt für ein neues Museum der Moderne am Berliner Kulturforum, das im Volksmund aber genau so charakterisiert wird und dessen kaum weniger ambitionierte Finanzierung der Haushaltsausschuss des Bundestags soeben beschlossen hat, vielleicht sogar ein Fall für die Paartherapie.

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Die veranschlagten 450 Millionen Euro, die das Museum nach Plänen von Herzog & de Meuron als Kulturleuchtturm an der Spree insgesamt kosten darf, markieren nämlich schon jetzt, also lange vor einem denkbaren Baubeginn, fast das Dreifache der ursprünglich genannten Summe. Und das für ein Haus, das seiner simplen, tatsächlich etwas scheunenhaften Form wegen an Discount-Architektur denken lässt. "Wird dieser Aldi denn aus purem Gold gebaut?" Das will ein empörter Kritiker im Netz wissen. Berlin hat also wieder mal einen Bauskandal.

Allerdings ist Jacques Herzog, ein sportlicher Asket, der den Marathon dem Sprint vorzieht, jemand, der erfahren ist im Umgang mit schwierigen Startbedingungen. Das spricht keineswegs gegen den gebürtigen Basler, der schon im Jahr 1975 zusammen mit seinem alten Schulfreund Pierre de Meuron ein Büro gründete, das heute mehr als 400 Mitarbeiter umfasst, Dutzende Preise zuerkannt bekam (darunter den Pritzkerpreis, den Nobelpreis der Baukunst) und seit Jahren zu den einflussreichsten Architekturbüros der Welt zählt.

Sieben Jahre später fertig und zehnmal teurer als geplant: Das gilt auch für die Elbphilharmonie in Hamburg. Es ist eines der letzten Projekte des Büros - und ein Hinweis darauf, dass manchmal aus zerrütteten Beziehungen doch noch großes Liebesglück werden kann. Würde man Herzog und de Meuron am Erlös der Souvenirgadgets beteiligen, die mit der Silhouette der Elbphilharmonie verkauft werden, von der Wärmflasche bis zur Teetasse: Die Architekten, denen die Baukostenexplosionen weder in Hamburg noch in Berlin allein anzulasten sind (im Gegensatz zu den öffentlichen Bauherren, also der Politik), hätten längst ausgesorgt.

Skandalfrei populär sind und waren jedoch: der Bau der Allianz-Arena in München, die Erweiterung der Tate Gallery of Modern Art in London oder das Olympiastadion in Peking. Etliche Bauten des Büros sind in wenigen Jahren geradezu ikonisch geworden. Die Kunst der "Signature-Buildings" haben die Schweizer Architekten jedenfalls auf ein neues Level gehoben. Im Gegensatz zu bekannten Label-Büros wie jenen von Zaha Hadid, Frank O. Gehry oder Richard Meier verharren Jacques Herzog und Pierre de Meuron nicht in einer einmal gefundenen, dann ermüdend perpetuierten, bald formelhaften Formensprache. Im Gegenteil: Formal, materiell, räumlich und konstruktiv erkunden die Architekten aus Basel immer wieder Neuland. Wozu jetzt in Berlin auch das Ausräumen berechtigter Kritik gehören dürfte. Dieser Marathon hat gerade erst begonnen.

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