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"Eine Frau mit berauschenden Talenten" im Kino:Wie "Breaking Bad". Nur auf Französisch.

Isabelle Huppert Kino Frau Talenten

Riesenbrille, teures Kopftuch, schon wird aus der Übersetzerin Patience eine glamouröse Araberin. Hinter beiden steckt Isabelle Huppert.

(Foto: Verleih)

Warum nicht kriminell werden, wenn Pflege für die Mutter so dermaßen teuer ist? Isabelle Huppert brilliert in dieser französischen Komödie als Drogendealerin.

Von Kathleen Hildebrand

Wer hätte sich nach fünf Staffeln "Breaking Bad" nicht gewünscht, das Ganze noch mal zu sehen, nur mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle, angesiedelt in einem uninteressanten Pariser Randbezirk, mit weniger gefährlichen Drogen und ganz generell ungefähr hundertmal entspannter?

Gut, wahrscheinlich nicht so viele Menschen, als dass Netflix die Sache in Auftrag gegeben hätte. Aber jetzt, da es diesen Film gibt, will man ihn unter keinen Umständen missen. Denn "Eine Frau mit berauschenden Talenten" hat zwar, wie es oft geschieht, einen furchtbaren deutschen Wortspiel-Titel verpasst bekommen - im Original heißt er "La Daronne", also ungefähr "Die Alte", was schön matriarchalisch klingt und durch die Parallele zur urdeutschen Krimiserie mit Siegfried Lowitz perfekt gepasst hätte - , aber davon sollte sich niemand abschrecken lassen. Der Film ist eine herrlich kluge, unprätentiöse Komödie, die sich so befriedigend guckt wie die großen Heist-Movies vom "Ocean's Eleven"-Schlag. Nur eben viel französischer und mit nonchalanter Gesellschaftskritik.

Folgendes passiert: Eine Arabisch-Übersetzerin (Isabelle Huppert) mit dem sehr laut sprechenden Namen Patience Portefeux, also ungefähr: "die geduldige Fackelträgerin", arbeitet für die Drogenermittler der Pariser Polizei. Sie hört Telefonate von marokkanischen Haschhändlern ab, schreibt alles auf, eh bien. Es ist ein verhältnismäßig guter Job, den sie braucht, weil das Geld knapp ist. Ihre Mutter liegt im Sterben und Patience kann sich die 3200 Euro im Monat für deren sehr nette marokkanische Pflegerin kaum leisten.

Aha! Denkt da die geübte Krimizuschauerin, zweimal Marokko! Und ja, ganz recht, beim Telefonate-Abhören wird Patience bewusst, dass sie da den Sohn der Pflegerin ihrer Mutter überwacht. Der hat ein paar Tonnen Haschisch in einem Obstlaster versteckt und fährt damit schnurstracks auf eine Falle der Polizei zu.

Nun hat Patience nicht nur ein Herz für die Pflegerin, sondern auch mindestens eine kleine Herzkammer für Kriminelle im Allgemeinen. Ihr Vater hat seiner Familie in Patiences Kindheit mit nicht weiter erklärten Machenschaften ein paar goldene Jahre finanziert, und auch ihr jung verstorbener Ehemann verdiente sein Geld in Oman mit "Geschäften", die Patiences aktueller Liebhaber, der Chef der Drogendirektion, nicht gutheißen würde.

Patience warnt also die Mutter des Haschischgauners, der zwar geschnappt wird, den Stoff aber vorher zur Seite schaffen kann. Und dann geht sie noch einen Schritt weiter. Sie findet die versteckten Drogen und fängt an, diese selbst an die marokkanischen Straßenhändler zu verkaufen, die wegen der ausbleibenden Lieferung aus der Heimat auf dem Trockenen sitzen. Für die geheimen Treffen verkleidet sie sich als glamouröse Araberin mit grellbunten Kopftüchern und einer riesigen Sonnenbrille - la Daronne ist geboren.

Isabelle Huppert dabei zuzuschauen, wie sie ihre Figur aus einer gewissen Resignation heraus durch kriminelle Action aufblühen lässt, macht natürlich großen Spaß. Noch mehr Spaß macht es, weil Regisseur Jean-Paul Salomé die Geschichte so bodenständig erzählt - und weil er sehr subtil eine Haltung zu gesellschaftlichen Regeln einfließen lässt, die den Film über die reine Freude am gelingenden Gangstertum hinaus interessant macht.

Patiences Rechtfertigungslogik geht nämlich so: In einer Gesellschaft, in der nur sehr wohlhabende Menschen ihrer Mutter eine anständige Pflege bezahlen können, ist es legitim, sich auch mit Verbotenem etwas dazuzuverdienen. In einer Szene lässt sie im Museumsshop einen Plastikdino für den Sohn ihres Freundes, des Polizisten, in der Tasche verschwinden. Als der das fröhlich seinem Papa erzählt, flippt er aus, aber Patience sagt nur, dass der Dino doch eh für zwei Euro in Kinderarbeit hergestellt wurde. Wäre es da nicht geradezu heuchlerisch, ihn nicht zu stehlen, sondern brav zu bezahlen?

Dass "La Daronne" so gut als Komödie funktioniert, liegt natürlich auch daran, dass es nicht um den Handel mit Meth oder Heroin geht. Patience und ihre Dealer verkaufen ja nur Marihuana und das steht sowieso fast überall in der westlichen Welt kurz vor der Legalisierung. Soll sie also auf diese Gelegenheit verzichten, nur weil es 2020 ist und nicht, sagen wir, 2023?

Aus der gefährlichsten Situation des Films, in der zwei der eigentlichen Besitzer der Lieferung Patience mit der Waffe bedrohen, rettet sie dann wunderbarerweise nicht ihr Polizistenfreund, sondern die gerissene chinesische Hausverwalterin ihres Mietsblocks. Die beiden werden Geschäftspartnerinnen, zwei einsame Wölfinnen, die einander nicht nur durchschauen, sondern respektieren. Weil sie verstanden haben, dass sich niemand um sie kümmern wird, wenn sie es nicht selbst tun und dafür hier und da ein paar Regeln brechen.

Am Ende, das hier natürlich nicht verraten werden soll, steht Patience Portefeux vor einem neuen Leben. Als Zuschauerin bleibt man wehmütig zurück, weil man ihr so gern dabei zusehen würde, Sequel um Sequel. Aber diese Art von Film ist "La Daronne" eben, leider und zum Glück, nicht.

La Daronne, F 2020 - Regie: Jean-Paul Salomé. Buch: Hannelore Cayre, Antoine Salomé. Kamera: Julien Hirsch. Mit: Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani. Neue Visionen, 106 Minuten.

© SZ vom 07.10.2020
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