30 Jahre Arte:Die machen diese Sachen, die sonst niemand macht

Skulptur Giraffenmann von Stefan Balkenhol vor dem Sitz des Fernsehsenders ARTE Strasbourg Elsass

Schöne europäische Erfindung: Arte-Zentrale in Straßburg.

(Foto: imago/GFC Collection)

Eine Liebeserklärung an Arte zum 30. Geburtstag des deutsch-französischen Senders.

Von Alex Rühle

Was wurde seinerzeit nicht alles an Bedenken durch den öffentlichen Raum getragen. Sowohl deutsche als auch französische Fernsehintendanten reagierten hochallergisch, als Helmut Kohl und François Mitterrand 1988 einen gemeinsamen Sender ankündigten. Einen "Bastard der Politik" nannte ein deutscher Intendant das Projekt, das "letzte Kind des Kalten Krieges", unkte einer seiner Kollegen. In Frankreich war die Skepsis mindestens genauso groß, wie soll man mit diesen Deutschen und ihrem föderalen Chaos je ein Programm abstimmen können? Außerdem wollen die am Ende ja doch nur wieder einmarschieren bei uns, diesmal halt via Fernsehprogramm.

Noch 1996, Arte sendete da schon seit vier Jahren, schimpfte der konservative Abgeordnete Alain Griotteray im französischen Parlament, der Kanal sei mit seinen "abstrusen deutschen Filmen" ein "politischer Anachronismus", der "von Anfang an zum Scheitern verurteilt war". Griotteray plädierte dafür, das Experiment entweder wieder einzustellen oder in einen rein französischen Bildungskanal umzufunktionieren, in dem "la patrimoine", also so was wie das leitkulturelle Erbe gepflegt wird, Kathedralen, Käse, bisschen Truffaut.

Das bizarr byzantineske Arte-Organigramm sieht noch immer komplexer aus als jede Bach-Fuge, der Proporz ist komplizierter als in jedem basisdemokratisch organisierten Baugruppenprojekt. Und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb?): Das Ganze funktioniert. Ach was, es funktioniert, Arte ist neben Interrail und Erasmus die wohl sinnvollste, schönste europäische Erfindung. Und während Erasmus und Interrail wegen Corona gerade vor sich hin kriseln, kann man Arte jeden Abend schauen.

Sie machen Sachen, die sonst niemand macht - und über die all die Traffic Manager und Executivesonstwas, die heute in so vielen Redaktionen das Zepter schwingen, nicht mal mehr den Kopf schütteln, weil sie es höchstens noch bizarr finden. Klickt doch keiner. Und wer kennt heute bitte Abel Gance?

Na ja, Gance hat 1923 La Roue gedreht, ein achtstündiges Epos, das mit seiner Montagetechnik das filmische Erzählen revolutionierte. Diese experimentelle Familiensaga hat Arte in Koproduktion mit der Fondation Seydoux-Pathé nicht nur aufwendigst restauriert, inklusive einer weltweiten Suche nach Originalschnipseln. Es gab da auch noch Arthur Honeggers handgeschriebene Filmmusik-Liste für den Film mit 117 Titeln von 56 Komponisten. Diese Musik wurde auf 2000 Partiturseiten rekonstruiert und eingespielt. Niemand, wirklich weltweit kein anderer Sender würde derart hingebungsvoll einen alten Film quasi neu erschaffen und für die Filmgeschichte retten.

Das Organigramm des Senders sieht komplizierter aus als jede Bach-Fuge. Aber es funktioniert

Nun sind Stummfilme von 1923 nicht per se Straßenfeger. Das Grundproblem des Senders hat das Cartoonisten-Duo Rattelschneck schon vor 20 Jahren auf den Punkt gebracht. Da steht ein Mensch auf menschenleerer Straße im Dunkel und denkt: "Verdammt! Keiner da! Ist schon wieder Themenabend auf Arte?" Der Marktanteil ist mit 1,1 Prozent in Deutschland und 3,3 Prozent in Frankreich eher so mittel. Hinter den Kulissen aber ist Arte sehr viel größer. Der Sender (ko)produziert 50 Kinospielfilme pro Jahr, etwas mehr als 20 in Deutschland, knapp 30 in Frankreich. Sie haben mittlerweile so viele Goldene Palmen gewonnen, dass man damit den ganzen Mainzer Lerchenberg bepflanzen könnte. Lars von Triers Gesamtwerk (abgesehen von Nymphomaniac) - koproduziert von Arte. Momentan kann man in der Mediathek (die ist so was wie das bessere Netflix - und dazu kostenlos) Gundermann anschauen, Isabelle Huppert als Edelprostituierte Eva oder The Killing of a Sacred Deer.

Außerdem sind sie längst der wichtigste Partner für Dokumentarfilmer. Und Musikfilme. Aber bevor man jetzt wieder pars pro toto einzelne Produktionen lobt, lieber noch ein Hinweis darauf, dass sie noch auf andere Art die Einzigen sind, die im Fernsehen ernst machen mit der europäischen Idee: Es gibt heute Sendungen mit polnischen, italienischen, spanischen und englischen Untertiteln, so dass fast 80 Prozent der Europäer Arte in ihrer Muttersprache sehen können.

Und gibt es sonst noch irgendeine Institution, die sich um das Genre des Kurzfilms kümmert? Sollten Sie momentan an akuter Misanthropie leiden: Suchen Sie heute Abend in der Mediathek die Kurzfilm-Rubrik und schauen Sie sich den sechzehnminütigen, minimalistischen "Zehn-Meter-Turm" an: Eine Kamera filmt Menschen, die noch nie auf einem Zehn-Meter-Turm standen, bei dem Versuch, ihre Angst zu überwinden. Sie alle wirken so verletzlich da oben, so klein und zart, dass man jedem Einzelnen die Daumen drückt. Und permanent auf seinem bequemen Wohnzimmerstuhl vor sich hin gluckst, wenn man sie zitternd in unser aller Lebensabgrund starren sieht.

Zuletzt noch ein Argument gegen alle, die sagen, ach Arte, das seien doch alles Wolkenkuckucksheimer: Dass das Ganze am 2. Oktober 1990 und damit am Tag vor der deutschen Einheit unterschrieben wurde, hat mit ziemlich ausgefuchstem Pragmatismus zu tun. Jahrelang hatten Frankreich und Westdeutschland den bilateralen Vertrag ausgehandelt. Nach dem 3. Oktober hätte man das komplette Paket neu aufschnüren müssen, um sich erst mal genau anzuhören, was denn nun Mecklenburg-Vorpommern und die anderen neuen Länder von der ganzen Sache halten. Also nix wie unterschreiben. Weshalb nun an diesem Samstag der 30. Geburtstag gefeiert wird. Bon anniversaire! Et merci beaucoup für all den großartigen Content, der bei euch noch Inhalt heißt.

© SZ/tyc/ebri/khil
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