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Inszeniertes Schlachten in Kochmagazinen:Bärchenwurstesser vom Fetischismus heilen

Gegen die Anhänger der Bärchenwurst ziehen Wiener, Oliver und Beef als Apologeten des toten Tieres ins Feld. Sie wollen mehr vermitteln als bloß Rezepte zum Nachkochen, sie verstehen sich als Aufklärer. Und so drapieren sie das zum Fleischstück gehörige Tier kameragerecht neben der Herdplatte. Mit offenen, schwarzen, noch feuchten Augen liegt es da und starrt uns an.

Insbesondere die Zeitschrift Beef liebt barocke Schwulstigkeit in ihren Inszenierungen. Dem sensibleren Betrachter mag beim Anblick eines matt-rosigen Schweinekopfes, gebettet auf rustikales Leinen, mulmig werden. Muss neben dem Steak unbedingt ein totes Rind zu sehen sein, dessen leere Augenhöhlen so demonstrativ aus dem Heft starren? Vergeht einem da nicht der Appetit? Beef und Pop-Köche wie Oliver und Wiener würden wohl sagen, dass man das aushalten muss. Sie wollen die Distanz einreißen, die zwischen unserer täglichen Portion Eiweiß und dem Lebewesen, von dem sie stammt, liegt. In ihrer Inszenierung des Tierkadavers wollen sie Verdrängtes wieder ins Bewusstsein holen: Dass dieses eingeschweißte Etwas, das wir gerade aus der Kühltheke des Supermarktes gefischt haben, vor nicht allzu langer Zeit gelebt hat, ein Fell und Augen hatte. Sie wollen die Bärchenwurstesser von ihrem Fetischismus heilen.

Die neue Lust am Schlachten in Kochsendungen und -magazinen markiert die Wiederkehr eines Gedankens, den wir erfolgreich verdrängt haben: Fleisch ist totes Tier. Diese Erkenntnis löst einen Schock aus, der Beef und ähnlichen Formaten ihren Erfolg beschert. Die Fotostrecke mit den Tierköpfen beispielsweise kündigt die Redaktion dem Leser mit dem Hinweis an "Bitte nicht erschrecken", an anderer Stelle werden "liebe Mädchen" vor gegrillten "Riesenbraten" gewarnt. Nur wer den Schrecken aushält, gehört zur Zielgruppe der "ehrlichen Genießer", derer, die nicht wegsehen. Fleisch essen darf nur, wer sich damit auseinandersetzt, wo es herkommt. So lautet das Credo der sogenannten Flexitarier, die auf Fleischgenuss vom Bio-Bauern bestehen.

Die Inszenierung verstärkt die Distanz

Allerdings, und hier liegt die Krux: Die mediale Inszenierung des toten Tieres lässt es nur scheinbar in unsere Welt einbrechen - in Wirklichkeit hält die Beef uns das tote Tier auf Abstand, indem sie es wie in einer Vitrine aufbahrt. Die versuchte Heilung vom Fetischismus schlägt fehl. Stattdessen vergrößern die neuen Kochmagazine unsere Distanz zum toten Tier durch ihre Überästhetisierung. Sie hieven den Kadaver auf den Sockel. Die toten Kaninchen bei Sarah Wiener und der Schweinekopf in der Beef kommen den Zuschauern und Lesern aber nicht näher als abgepackte Lyoner. Es ist gerade die Inszenierung, die die Distanz erhöht. Durch den Fernseher lässt sich warmes Blut nicht fühlen, Hochglanz-Magazinseiten haftet nicht der Geruch von Kutteln an.

Vom aufklärerischen Gestus einer Sarah Wiener und eines Jamie Oliver bleibt bei näherer Betrachtung nicht viel übrig. Sie erheben das tote Tier nun selbst zum Fetisch. Das spielt der Fleischindustrie in die Hände, denn die will nicht nur sattmachen, sondern auch unser Bedürfnis nach Nostalgie befriedigen.

Dass das tote Tier nun als ästhetisiertes Kunstwerk in die Medien Einzug hält, zeigt am Ende: Auch aufgeklärte Esser versuchen das Steak von dem zu trennen, was es vorher war, um es genießen zu können. Das durch die Inszenierung untot gewordene Tier sucht die Kochmagazine heim wie ein Gespenst. Es macht das Steak selbst zu etwas Unheimlichem. Dies ist die Rache des Tieres.

© Süddeutsche.de/pamu/sana/rus

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